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Die fortschreitende Digitalisierung hat mehr und mehr Auswirkungen auf unser tägliches Leben und unsere Routinen. Wir scheinen immer beschäftigter zu werden und immer weniger Zeit zu haben. Ich bin sicher es ist noch nicht so lange her, dass Dir jemand gesagt hat, dass er gerade zu busy ist.

Wer kennt das nicht? E-Mails, Treffen und Verabredungen nehmen den Rhythmus unserer Tage ein. Das Tempo nimmt stetig zu. Die Menschen schreiben, während sie telefonieren, beantworten Nachrichten, während sie in einer Besprechung sind, oder hören Podcasts in 1,5-facher Geschwindigkeit, um effektiver zu werden.

Dabei haben wir mehr Zeit denn je

Interessanterweise ist es kein Geheimnis, dass wir heute viel mehr freie Zeit haben als jemals zuvor. Vor dem 2. Weltkrieg war eine 60-Stunden-Woche völlig normal. Im Vergleich zu den 1960er Jahren arbeiten wir heute ca. 800 Stunden weniger pro Jahr. Trotzdem leiden wir mehr und mehr unter Zeitdruck. Warum ist das so?

Zunächst einmal denke ich, dass die Digitalisierung fast jeden Arbeitsplatz und jede Branche verändert hat. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen. Wir sind 24/7 erreichbar. Vor Jahrzehnten brauchte das Senden einer Botschaft noch Zeit: Um auf Papier geschrieben und per Post verschickt zu werden. Der Empfänger erhielt die Nachricht schließlich nach ein paar Tagen. Heute haben wir Informationen sofort zur Hand, und jeder erwartet, dass wir so schnell wie möglich antworten. Wir nutzen Apps, um unsere Effektivität zu erhöhen, um uns besser konzentrieren zu können. Eine Studie der Universität Bonn fand heraus, dass Smartphone-Besitzer durchschnittlich 53 Mal pro Tag ihr Smartphone in die Hand nehmen und die gerade ausgeführte Aufgabe alle 18 Minuten unterbrechen.

Das zu lesen hat mich irritiert aber ich kann es nachvollziehen. Wie oft ertappe ich mich dabei, mein Smartphone zu packen, während ich etwas tue und mich ablenken lasse. Smartphones lenken uns ab. Sie sind der Grund dafür, dass wir uns weniger auf einzelne Aufgaben konzentrieren.

Warum haben wir das Gefühl weniger Zeit zu haben?

Marc Wittmann, Psychologe und Humanbiologe aus Freiburg, erforscht dieses Phänomen. Er hat wahrscheinlich eine Antwort auf die Frage, warum wir das Gefühl haben, weniger Zeit zu haben, obwohl wir immer effektiver werden. Er stellt fest, dass viele Menschen das Gefühl haben immer weniger Zeit zu haben, obwohl gleichzeitig immer mehr Dinge in ihrem Leben passieren. Sie haben das Gefühl die Zeit vergehe wie im Flug. Das Gefühl entsteht, weil wir in einer Schleife von Aufgaben und Dingen leben. Menschen, die 10 Minuten draußen in der Kälte an einer Bushaltestelle stehen und nichts tun, haben das Gefühl, dass die 10 Minuten länger dauern als Menschen, die in dieser Zeit ihr Smartphone benutzen. Aktivitäten mit höheren Aufmerksamkeitsveränderungen lassen die Zeit schneller vergehen.

Was dieses Gefühl mit uns macht

Wenn wir also digital sind und Smartphones und Apps im “Multitasking-Modus” verwenden, haben wir das Gefühl, dass die Zeit schneller vergeht, als wenn wir eine Sache nach der anderen machen würden. Wir erlauben uns keine ablenkungsfreie Zeit mehr für uns selbst. Letzte Nachrichten werden gesendet, wenn wir bereits im Bett liegen. Und diese Entwicklung wird meiner Meinung nach für viele von uns gefährlich. In der Art und Weise wie wir mit Beziehungen umgehen und wie wir uns mit Menschen verbinden. Es frustriert mich oft, dass die Menschen, die ich liebe und mit denen ich Zeit verbringen möchte, mir sagen, sie seien zu beschäftigt, oder ich muss ihnen sagen, dass ich zu beschäftigt bin. Ja, wir kommunizieren, aber die Kommunikation fühlt sich immer oberflächlicher an. Kennst Du Menschen die diese Einzeiler verschicken: “Hey, wie gehts?”. Ich bin ehrlich – Ich hasse es, wenn mir das jemand schickt. Eine solche Nachricht ist in 99% der Fälle der Beweis dafür, dass jemand keine Zeit hat, aber trotzdem mit mir reden will. Und weil man dann selber auch keine Zeit mehr hat, schickt man folgende Nachricht zurück: “Mir geht’s gut und Dir?”.

Für mich ist das kein Gespräch. Zeit ist das kostbarste Gut der Gesellschaft geworden. Wir sollten uns mehr Zeit für die kleinen Dinge nehmen, jemanden ernsthaft fragen, wie es ihm/ihr geht, in echte Verbindungen investieren und nicht hinter oberflächliche Phrasen verschwinden, die niemand hören will. Und ich denke, dass dieses Verhalten der Grund dafür ist, dass sich immer mehr Menschen einsam fühlen. Man ist von vielen Menschen umgeben, aber hat keine wirkliche Verbindung zu ihnen. Wann hast Du das letzte Mal jemandem von einer tiefen Angst erzählt, die Dich Nachts wach hält? Wann hast Du Dir das letzte Mal die Zeit genommen, jemanden mit ein paar netten und ehrlichen Worten glücklich zu machen? Wann hast Du das letzte Mal jemandem wirklich gesagt, wie Du dich fühlst? Wann hast Du das letzte mal jemand persönlich nach einem Date gefragt, anstatt nach rechts zu swipen?

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Was kannst Du also tun?

Ich habe aufgehört, meine Zeit in Dinge zu investieren, die in meinem Leben keine Priorität haben. Das klingt hart, aber oh Wunder: Ich kann mir Zeit für die Menschen nehmen, die ich liebe, echte und tiefe Gespräche führen und verfügbar sein, wenn meine Hilfe gebraucht wird. Die Veränderung meines Verhaltens in Bezug auf die Dinge, denen ich in meinem Leben aktiv Zeit widme, hat tiefgründigere und nachhaltigere Beziehungen ermöglicht. Ich erhalte Rückmeldungen von Menschen, dass sie sich freuen zu sehen, wie viel Mühe ich in die kleinen Dinge des Lebens stecke. Ich kann kaum beschreiben wie sehr das mein Empfinden von Glück verändert hat, nur weil ich den oberflächlichen Scheiß einfach überspringe.

Ich sage nicht, dass Du das auch tun sollst. Jeder Mensch ist anders und braucht einen anderen Ansatz, um mit Zeit und Prioritäten umzugehen. Aber was ich jedem empfehlen kann, ist, den Dingen, in die man Zeit investiert, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Beobachte Dich selbst ein paar Tage und notiere, welche “Zeitinvestitionen” Dir nutzlos erschienen sind. Versuche dann herauszufinden, welche Auswirkungen es hätte, sie einfach zu stoppen. Wenn Du mit den Folgen leben kannst, solltest Du ernsthaft in Betracht ziehen genau diese Aktivitäten einfach nicht mehr zu tun. Sei aufmerksamer gegenüber Dingen, in die Du mehr Zeit investieren willst. Es kann einige Zeit in Anspruch nehmen, Deine Verhaltensweisen und Routinen auf Dein persönliches Wohlbefinden umzustellen. Und sicher kann das auch bedeuten, Menschen zu verlieren. Aber das Sprichwort “Qualität vor Quantität” ist einfach wahr. Glaub mir, wenn Du wirklich das Gefühl hast, die richtige Menge an Zeit in die richtigen Dinge zu investieren, ohne gestresst zu sein, dann wird es Dein Glück boosten! Sei glücklich, nicht beschäftigt!

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