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Erik RulandsMit Erik sprechen

Angst und Sucht:Was das Glas am Abend für dich regelt

Wer abends trinkt, isst oder scrollt, um runterzukommen, sucht selten Genuss. Oft regelt das Mittel eine Angst, die man nicht als Angst erkennt, und bekommt den Dank für Fähigkeiten, die längst deine sind.

Erik RulandsErik Rulands · 20. Oktober 2026 · 15 Min. Lesezeit
Ein Weinglas steht hinter einer alten Fensterscheibe im Abendlicht
Kurz nach sieben fällt die Wohnungstür hinter dir ins Schloss. Die Tasche landet im Flur, und noch bevor du die Jacke ausgezogen hast, steht die Flasche auf der Arbeitsplatte. Du freust dich nicht einmal besonders auf den Wein. Du freust dich auf den Moment nach dem ersten Schluck, wenn in den Schultern etwas nachgibt und der Tag ein Stück weiter wegrückt.
Bei anderen ist es die Tüte Chips, die leer ist, bevor die Folge zu Ende läuft. Die Zigarette auf dem Balkon, ohne die der Feierabend nicht anfängt. Das Handy, das im Bett noch eine Stunde leuchtet, obwohl dich nichts davon interessiert. Oder die Mails, die du um elf noch beantwortest, weil es sich ruhiger anfühlt, als sie liegen zu lassen.
Von außen sieht das nach Genuss aus oder nach Gewohnheit. Von innen fühlt es sich anders an, nämlich wie Erleichterung. Und Erleichterung setzt voraus, dass vorher etwas schwer war.
Um dieses Schwere geht es in diesem Beitrag. Ich bin überzeugt, dass hinter vielem, wonach wir abends greifen, eine Angst steht, die wir nicht als Angst erkennen. Sie tarnt sich als Unruhe oder als das Gefühl, „einfach mal runterkommen“ zu müssen. Das Glas regelt etwas für dich. Die Frage ist, was genau.
Gleich am Anfang: Dieser Beitrag beschreibt einen seelischen Zusammenhang, keine Diagnose und keine Anleitung zum Aufhören. Wenn du merkst, dass du nicht mehr aufhören kannst, obwohl du es willst, oder wenn dein Körper deutlich reagiert, sobald das Mittel fehlt, dann sprich mit deiner Hausärztin oder mit einer Suchtberatungsstelle. Das ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern der Schritt, der zuerst kommt. Wie sich Behandlung und Begleitung unterscheiden, erkläre ich in Coaching oder Therapie.

Warum niemand damit anfängt, dem es gut geht

Am Anfang dieses Themas steht für mich ein einfacher Gedanke. Kein Mensch fängt an, jeden Abend etwas zu brauchen, um ruhig zu werden, solange er sich selbst beruhigen kann.
Diese Fähigkeit ist angelegt. Ein Säugling, der schreit und gehalten wird, beruhigt sich im Arm, weil sein Körper sich an einem anderen Körper wieder einpendelt. So lernt ein Mensch, dass ein Sturm in ihm vorbeigeht, erst mit jemandem zusammen und später allein.
Wenn diese Fähigkeit heute fehlt, ist sie nicht verloren. Sie ist verschüttet. Und das Mittel, zu dem du greifst, übernimmt eine Aufgabe, die eigentlich in dir liegt. Es ist eine Leihgabe von außen für etwas, das du dir selbst nicht mehr zutraust.
Viele Kleinkinder haben ein Kuscheltuch, ohne das sie nicht einschlafen. Das ist gesund. Das Tuch tröstet, solange die Mutter nicht im Zimmer ist, aber es ersetzt sie nicht. Wer sich gehalten fühlt, braucht es nach und nach weniger, bis es eines Tages vergessen in einer Kiste liegt.
Fehlt dieses Gehaltensein, passiert etwas anderes. Dann muss der Tröster immer wieder her, weil er beruhigt, aber nicht satt macht. Genau darin liegt der Kreislauf, den wir Sucht nennen. Das Glas hilft für eine Stunde. Weil es nicht gibt, was eigentlich fehlt, kommt das Bedürfnis am nächsten Abend zurück, und meistens ein bisschen früher.
Das Wort Sucht kommt sprachlich übrigens nicht von suchen, sondern von siechen, also krank sein. Ich verstehe es trotzdem lieber als Suche. Wer jeden Abend nach etwas greift, sucht etwas, das er an dieser Stelle nicht finden kann. Das macht ihn nicht schwach. Es zeigt nur, dass sein Bedürfnis noch lebt.

Wenn die Welt kalt wird, hält man sich an einer Sache fest

Angst ist im Kern ein Notmodus. Wer sich bedroht fühlt, zieht sich zusammen und koppelt sich ein Stück von der Umgebung ab, weil er sie nicht mehr einschätzen kann. In einer echten Gefahr ist das klug. Wenn dieser Zustand aber nicht mehr endet, weil die Angst aus einer alten Erfahrung kommt und nicht aus der Lage von heute, dann verändert sich etwas Grundlegendes. Die Welt verliert ihre Wärme. In Angst oder Furcht beschreibe ich, wie Angst die Welt flach macht. Eine flache Welt ist auch eine kühle Welt.
Du merkst das nicht als Gedanke, sondern als Grundgefühl. Da ist ein leises Misstrauen, auch an Tagen, an denen nichts passiert, und das Gefühl, unter Menschen ein wenig für dich zu sein. Gespräche gehen an dir vorbei, obwohl du freundlich mitredest.
Verbunden bist du mit dieser Welt trotzdem. Du atmest ihre Luft, und es gibt Menschen, die deinen Namen kennen und an dich denken. Nur spürst du diese Verbindung nicht mehr, und das Bedürfnis nach ihr bleibt trotzdem.
Stell dir ein Haus vor, in dem die Heizung ausgefallen ist und nur in einem Zimmer ein kleiner Ofen brennt. Was tust du? Du ziehst den Sessel ganz dicht an diesen Ofen. Du verlässt das Zimmer kaum noch. Und wenn jemand den Ofen ausmachen will, fühlt sich das an, als ginge es um dein Leben.
So arbeitet die Angst in einer Sucht. Wer sich der Welt im Ganzen nicht verbunden fühlt, bindet sich umso fester an Einzelnes. An das Glas am Abend, an einen Menschen, ohne den nichts geht, an die Firma oder an das Haus, das bloß nicht verloren gehen darf. Diese Einzelbindungen müssen ein Grundgefühl ersetzen, das fehlt, und genau deshalb werden sie so wichtig. Sucht ist dann nicht zu viel Bindung an einen Stoff. Sie ist zu wenig Bindung an die Welt.
Daraus ergibt sich eine Frage, die du dir heute Abend stellen kannst, wenn die Hand zur Flasche geht. Wie wichtig wäre dieses Glas, wenn du dich in diesem Moment gehalten fühlen würdest? Du musst die Frage nicht beantworten. Es genügt, zu spüren, was in deinem Brustkorb passiert, während du sie dir stellst.
Woher diese Kälte stammt, ist bei jedem anders. Häufig führt die Spur in die ersten Lebensjahre. Fühlt sich das, was du abends wegdrücken willst, bodenlos an, wie ein Fallen ohne Halt, liegt sie oft in der allerersten Zeit, in der die Grundfrage lautete: Bin ich sicher? Fühlt es sich eher an wie ein Hunger, der nie satt wird, wie ein Loch, das gefüllt werden will, führt sie häufiger in die Zeit danach, in der es darum ging, ob genug für dich da ist. Die vier Phasen und ihre Grundfragen findest du in Prägung in der Kindheit. Nimm das als Richtung, nicht als Zuordnung. Und nicht jede Sucht reicht so weit zurück. Manches beginnt viel später, mit einem Verlust, der nie betrauert wurde, oder mit einer Rolle, in die jemand hineingewachsen ist und die ihm nie gepasst hat.

Was soll das Mittel in dir herstellen?

Die meisten fragen bei Sucht zuerst: Wie viel ist zu viel? Das ist eine medizinische Frage, und die gehört zu einer Ärztin. Für das Verständnis deines Musters führt eine andere Frage weiter: Wofür? Was soll das Mittel in dir herstellen, das du allein nicht herstellen kannst?
Die Wahl des Mittels ist selten Zufall. Der amerikanische Psychiater Edward Khantzian hat schon 1985 beschrieben, dass Menschen den Stoff, an den sie sich binden, nicht wahllos finden. Die Wahl hängt mit den schmerzhaften Gefühlen zusammen, mit denen jemand ringt. Seine Hypothese der Selbstmedikation ist bis heute nicht unumstritten.
Wer abends Wein braucht, um vom Funktionieren herunterzukommen, sucht etwas anderes als jemand, der morgens den dritten Kaffee braucht, um überhaupt zu funktionieren. Der Wein soll lösen. Der Kopf soll leiser werden, und die Wachsamkeit soll für eine Weile Feierabend machen dürfen. Der Kaffee soll das Gegenteil, nämlich hochziehen und leistungsfähig machen, wo der eigene Antrieb nicht mehr reicht.
Essen am Abend, ohne Hunger, hat wieder eine andere Aufgabe. Es füllt. Es macht von innen warm und schwer. Für einen Säugling ist die Mahlzeit die erste Form von Zuwendung, Wärme und Milch kommen zusammen. Wer heute nachts vor dem offenen Kühlschrank steht, sucht oft genau diese Verbindung und findet nur das Essen.
Das Handy hat eine eigene, sehr leise Funktion. Viele greifen nicht aus Langeweile danach. Sie greifen danach, weil sich ohne Reiz und ohne Nachricht ein merkwürdiges Gefühl einstellt, kaum vorhanden zu sein. Der Bildschirm bestätigt, dass es dich gibt, und muss es deshalb immer wieder tun.
Und die Arbeit, die nie aufhört, regelt bei vielen Unternehmern und Führungskräften die Ungewissheit. Solange noch etwas erledigt werden kann, muss niemand aushalten, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Das ist ein eigenes Thema.
Werbung nutzt diesen Mechanismus seit Jahrzehnten. Sie hängt Gefühle an Dinge. Freiheit an die Zigarette und Familienwärme an die Schokolade. Wer dann zur Zigarette greift, um sich frei zu fühlen, holt sich ein Gefühl zurück, das er vorher in sie hineingelegt hat. Was er tatsächlich einatmet, ist Rauch. Die kleine Freiheit vom Schreibtisch war schon vorher seine. Die Zigarette hat sie nur aufbewahrt, und er darf sie sich nur in ihrer Gegenwart nehmen.
Genau darin steckt eine gute Nachricht. Wenn das Gefühl, das du dir abends holst, vorher schon in dir war, dann gibt es einen Weg zu ihm, der nicht über das Mittel führt.

Die Fähigkeit war schon da

Stell dir eine Firmenfeier vor. Du stehst am Rand, mit einem Glas in der Hand, und es fühlt sich an, als wüssten alle anderen, wie man so etwas macht. Nach dem zweiten Glas gehst du zu der Gruppe, an die du dich vorher nicht herangetraut hast. Du erzählst etwas, die anderen lachen, und das Gespräch läuft. Am nächsten Morgen denkst du: Das war der Wein.
War es nicht. Die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen und ein Gespräch zu tragen, hat der Wein nicht mitgebracht. Er hat nur die Angst leiser gemacht, die sie sonst verdeckt. Dem Mittel wird zugeschrieben, was du längst kannst.
Warum spürt man die eigenen Fähigkeiten so schlecht? Sehr oft, weil man gelernt hat, sich von außen zu betrachten. Wer als Kind ständig darauf achten musste, wie er wirkt, und wem das eigene Erleben immer wieder abgesprochen wurde, der hat irgendwann keinen inneren Ort mehr, an dem er seine Kompetenz als seine eigene erleben kann. Er sieht sie vielleicht. Er spürt sie nicht. Und dann entsteht ein Grundgefühl, das viele kennen, ohne es so zu nennen: Ich bin für diese Welt nicht richtig ausgerüstet. Wer sich so fühlt, ist jeden Tag ein wenig überfordert, und Überforderung will betäubt werden. Wie eng diese Außenperspektive mit dem Hunger nach Ersatz zusammenhängt, zeigt Was ist Narzissmus? im Abschnitt über Bilder und Sucht.
Besonders deutlich sehe ich das bei Menschen, die in eine Rolle hineingewachsen sind, die nicht zu ihnen passt. Die Gründerin, die am liebsten an ihrem Produkt tüftelt und plötzlich zwanzig Leute führen und auf Bühnen sprechen soll. Der Handwerksbetrieb, der vom Vater übernommen wurde, obwohl der Sohn eigentlich etwas anderes wollte. Die Angst in so einer Rolle meldet, dass etwas nicht stimmt. Wer sie abends mit Wein dämpft oder tagsüber mit noch mehr Arbeit, hält die Rolle aufrecht, statt sie zu befragen. Das Mittel wird dann zu einer Prothese für eine Rolle, nicht zum Zeichen eines schwachen Charakters.
Die Frage, die hier weiterführt, ist eine ganz andere als „Wie komme ich vom Glas los?“. Sie lautet: Was kann ich, das ich mir ohne Glas nicht zutraue? Und vielleicht auch: Was müsste sich in meinem Leben ändern, damit ich mich nicht jeden Abend davon erholen muss?

Warum Verbote und Mahnungen so selten tragen

Wer sein Muster erkennt, will es meistens abstellen. Ab Montag kein Wein unter der Woche und kein Handy mehr im Schlafzimmer. Manchmal hält das eine Weile. Oft hält es nicht, und dann kommt zu dem alten Problem ein neues dazu, nämlich das Gefühl, versagt zu haben.
Ein Verbot ändert ein Verhalten. Das Bedürfnis darunter ändert es nicht. Und ein Bedürfnis, das keinen Weg findet, sucht sich einen neuen. Wer den Wein streicht, steht auf einmal öfter vor dem Kühlschrank. Wer das Handy wegsperrt, arbeitet abends länger.
Mit Mahnungen ist es ähnlich. Jeder, der raucht, weiß, dass Rauchen schadet. Trotzdem wirkt dieses Wissen erstaunlich wenig, und manchmal wirkt es sogar in die falsche Richtung. Wer sich von einer Mahnung angegriffen fühlt, verteidigt zuerst sein Bild von sich, nicht seine Gesundheit. Der Partner, der heimlich die Flaschen im Altglas zählt, oder die eigene innere Stimme, die jeden Abend sagt, wie schwach man ist: Beides kann den Griff zum Mittel verstärken, weil es genau das Gefühl erzeugt, das betäubt werden will. Wenn du auf der anderen Seite stehst und dir um einen Menschen Sorgen machst, findest du in Co-Abhängigkeit mehr über diese Rolle. Gegen ärztlichen Rat spricht das übrigens nicht. Eine Ärztin, die dir deine Blutwerte erklärt, gibt dir eine Information, die du brauchst.
Auch die Geschichte vom starken Willen hält einer genaueren Betrachtung kaum stand. Wer aufgehört hat, erzählt hinterher oft von einem Tag, an dem er sich entschieden hat. Wer es nicht geschafft hat, hält sich für willensschwach. Ich glaube, beides ist eine nachträgliche Erzählung. Was tatsächlich passiert, ist meist eine langsame Verschiebung im Gefühl, die über Monate wächst, bis das Mittel nicht mehr verspricht, was es einmal versprochen hat. Viele beschreiben es so: Irgendwann war es mir einfach nicht mehr wichtig. Der Tag, an dem es sichtbar wird, sammelt nur ein, was lange vorher begonnen hat.
Das nimmt viel Moral aus der Sache. Es geht weniger darum, dich zusammenzureißen, als darum, genau hinzuspüren, was das Mittel dir gibt und was es dir nimmt. Kontrolle und Selbstwirksamkeit sind dabei zwei verschiedene Dinge. Kontrolle heißt, die Zähne zusammenzubeißen und gegen dich selbst zu arbeiten. Selbstwirksamkeit heißt, zu erleben, dass du einen Zustand selbst verändern kannst, dass die Unruhe am Abend nachlässt, weil du dich ihr zuwendest, und nicht, weil etwas sie von außen abstellt.
Solange das Glas „dich runterholt“ und das Handy „dich ablenkt“, kommt die Erleichterung von außen, wie eine Erlösung, die man sich gewähren lassen muss. Wer so lebt, erlebt sich nicht als den, der seinen Zustand regeln kann. Den eigenen Anteil daran zu sehen, ist deshalb kein Vorwurf. Es ist die Rückgabe einer Fähigkeit. Und dazu gehört auch: Wenn dein Konsum Menschen um dich herum verletzt, trägst du dafür Verantwortung, ganz unabhängig davon, woher er kommt. Verantwortung heißt hier nicht Schuld. Sie heißt, dass du wieder handeln kannst.
Was das im Alltag bedeutet, ist kleiner, als es klingt. Wenn der Griff kommt, bemerke ihn. Nicht, um ihn zu verhindern, sondern um für einen Moment zu spüren, was gerade in dir los ist. Ist es Enge im Hals, oder eine Müdigkeit, die eigentlich Traurigkeit ist? Aushalten ist nicht dasselbe wie Fühlen. Wer seine Angst nur erträgt, gewöhnt sich an sie. Wer ihr zuhört, merkt manchmal, dass hinter ihr ein Gefühl wartet, das lange keinen Platz hatte. Wie es sich anfühlt, eine Lücke einmal nicht zu füllen, beschreibe ich ausführlicher in Innere Leere.

Wann du dir fachliche Hilfe holen solltest

Es gibt einen Punkt, an dem aus einer Gewohnheit eine Abhängigkeit wird. Dann reicht Verstehen nicht mehr. Eine Abhängigkeit ist eine Erkrankung, an der auch der Körper und die Veranlagung beteiligt sind, nicht nur die Seele, und mit Charakterschwäche hat sie nichts zu tun.
Hol dir fachliche Hilfe, wenn du immer wieder mehr nimmst, als du dir vorgenommen hast, und es nicht ändern kannst. Wenn dein Körper unruhig oder krank wird, sobald das Mittel fehlt. Wenn deine Beziehungen oder deine Gesundheit darunter leiden und du trotzdem weitermachst. Wenn du heimlich konsumierst oder dir Menschen, die dich gut kennen, ernsthaft Sorgen machen. Und wenn Essen zu einem Kampf geworden ist, gegen den Hunger oder gegen das, was du gegessen hast, kann eine Essstörung dahinterstehen, und die gehört in Behandlung.
Erste Anlaufstellen sind deine Hausärztin oder dein Hausarzt und die Suchtberatungsstellen, die es in den meisten Städten gibt. Sie beraten in der Regel kostenlos und vertraulich, auch Angehörige. Wenn dein Körper abhängig geworden ist, gehört jeder Schritt heraus in ärztliche Begleitung. Das ist keine Formalität, sondern eine Frage deiner Sicherheit.
Und es gibt Selbsthilfegruppen, etwa die Anonymen Alkoholiker, das Blaue Kreuz, den Kreuzbund oder die Guttempler. Viele Menschen finden dort etwas, das in diesem Beitrag die ganze Zeit eine Rolle spielt: Menschen, die wissen, wovon die Rede ist, die nicht mahnen und nicht urteilen, und eine Verbundenheit, die über Jahre trägt. Wer dort sagt, dass er Alkoholiker ist, beschreibt einen Weg, den er ernst nimmt, und das verdient Respekt.
Mentoring, wie ich es anbiete, ersetzt keine Suchtbehandlung. Es kann später sinnvoll sein, wenn der Boden wieder trägt und du verstehen willst, wofür du das Mittel gebraucht hast. Die Grenze, die ich dabei ziehe, beschreibe ich in Coaching oder Therapie. Sie gilt bei Sucht ohne Ausnahme.

Wenn die Welt wieder warm wird

Ein Rausch fühlt sich an wie Nähe, aber er berührt nichts. Er spiegelt dich dir selbst zurück, ein wenig lockerer und ein wenig größer. Eine Begegnung ist das nicht. Begegnung ist der Moment, in dem etwas von außen tatsächlich bei dir ankommt. Das Gewicht eines Kopfes, der an deiner Schulter einschläft. Ein Gespräch, in dem du nichts darstellen musst und hinterher merkst, dass du eine Stunde lang nicht an dich gedacht hast.
Das meine ich, wenn ich von Lebendigkeit spreche. Nicht mehr Energie und nicht mehr gute Laune, sondern die Rückkehr aus dem ständigen Beobachten deiner selbst in die Welt, die dich umgibt. Wer diese Welt wieder spürt, braucht den einen Ofen nicht mehr so dringend. Er wird nicht weggetragen. Das Haus wird wärmer.
Weil eine Sucht so oft eine Ersatzbindung ist, verändert sie sich auch am ehesten dort, wo echte Bindung möglich wird. Das ist der Grund, warum dieses Muster selten allein im Kopf aufgeht. Es ist entstanden, weil ein Mensch mit seinem Alarm zu oft allein war. Es lockert sich, wenn er erlebt, dass jemand bei ihm bleibt, während der Alarm losgeht, ohne zu mahnen und ohne mitzuerschrecken. Das kann eine Therapeutin sein, eine Gruppe, ein Mentor oder ein Mensch in deinem Leben. Entscheidend ist, dass dort etwas anders verläuft als damals.
Wenn die Angst dich gerade überrollt und niemand da ist, mit dem du sprechen kannst, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, anonym und kostenlos, unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In einer akuten Notlage wähle die 112.
Weitere Grundlagen zu Angst und Prägung findest du unter Grundlagenwissen.
Quellen und Bezüge1 Quelle
Khantzian, E. J. — The Self-Medication Hypothesis of Addictive Disorders: Focus on Heroin and Cocaine Dependence American Journal of Psychiatry 142 (1985), S. 1259–1264.
Erik Rulands
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Im Ursachen-Analyse-Gespräch schauen wir gemeinsam darauf, woher dein Muster kommt und was es heute noch steuert.

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