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Schmerz und Angst:Warum dieselbe Spritze einmal kaum und einmal unerträglich wehtut

Schmerz ist die Meldung über eine Verletzung, nicht die Verletzung selbst. Warum Angst diese Meldung lauter macht und was ihr die Grenze zurückgibt.

Erik RulandsErik Rulands · 22. Oktober 2026 · 15 Min. Lesezeit
Eine rot leuchtende Warnlampe vor schwarzem Hintergrund
Vorweg: Neue, starke oder anhaltende Schmerzen gehören ärztlich abgeklärt, und zwar bevor du nach seelischen Zusammenhängen suchst. Dieser Beitrag ersetzt keine Untersuchung und keine Schmerzbehandlung. Er behauptet auch nicht, dass Schmerz „nur psychisch“ sei. Er beschreibt etwas anderes, nämlich wie Angst mitbestimmt, wie laut sich ein Schmerz anfühlt, der echt ist.
Zwei Termine beim Zahnarzt, ein paar Jahre auseinander. Beim ersten sagt die Ärztin, bevor sie die Spritze überhaupt in die Hand nimmt: „Jetzt piekst es kurz, danach drückt es ein paar Sekunden. Wenn du eine Pause brauchst, heb die linke Hand.“ Du liegst da, spürst den Stich und den Druck, zählst innerlich mit, und als sie fertig ist, denkst du: Das war es schon?
Beim zweiten Mal sitzt ein anderer Arzt neben dir. Er bespricht mit seiner Assistentin den Plan für den Nachmittag, mit dir spricht er nicht. Die Spritze siehst du erst, als sie schon in deinem Mund ist, und niemand sagt dir, wie lange es dauert. Deine Hände krallen sich in die Armlehnen, deine Schultern sind irgendwo bei den Ohren, und der Stich fährt dir durch den ganzen Kopf. Hinterher schämst du dich ein bisschen, weil es doch nur eine Spritze war.
Es war dieselbe Art von Spritze, vielleicht sogar dieselbe Stelle im Kiefer. Die Nadel war nicht spitzer und das Zahnfleisch nicht empfindlicher. Und trotzdem waren es zwei völlig verschiedene Schmerzen.
Die meisten Menschen erklären sich so einen Unterschied mit der Tagesform, oder sie halten sich für wehleidig. Ich glaube, dahinter steckt etwas Grundsätzlicheres. Es erzählt viel darüber, wie Schmerz und Angst zusammenarbeiten. Und es erklärt, warum dich der zweite Termin noch Jahre später begleitet, sobald du ein Wartezimmer betrittst.

Dein Schmerz ist echt, und er ist eine Meldung

Fangen wir mit einer Unterscheidung an, die zunächst spitzfindig klingt. Eine Verletzung ist das, was im Gewebe passiert, etwa ein Schnitt oder eine Entzündung. Schmerz ist die Meldung, die dein Organismus daraus macht. Beides hängt eng zusammen, aber es ist nicht dasselbe.
Denk an die Warnleuchte im Armaturenbrett deines Autos. Sie ist nicht der Motorschaden, sondern das Signal, das davon berichtet. Niemand, der bei Verstand ist, klebt sie ab und fährt einfach weiter. Aber wer schon einmal mit einem empfindlichen Wagen unterwegs war, weiß auch, dass die Lampe nicht verrät, wie groß der Schaden ist. Sie leuchtet bei einem lockeren Stecker genauso grell wie bei einem echten Defekt.
Die Schmerzforschung sieht das ganz ähnlich. Die International Association for the Study of Pain (IASP), der internationale Fachverband der Schmerzforschung, hat ihre Definition von Schmerz im Jahr 2020 überarbeitet. Schmerz ist danach ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserleben, das mit einer tatsächlichen oder drohenden Gewebeschädigung verbunden ist oder einem solchen Erleben ähnelt. In den Erläuterungen dazu steht, dass Schmerz und die Reizweiterleitung in den Nerven zwei verschiedene Vorgänge sind. Schmerz lässt sich nicht allein aus dem ablesen, was die Nervenfasern melden. Er ist immer ein persönliches Erleben, auf das biologische, seelische und soziale Einflüsse einwirken.
Dieselben Erläuterungen verlangen etwas, das mir genauso wichtig ist: Wenn ein Mensch sagt, dass er Schmerzen hat, soll man das respektieren. Beides gehört zusammen. Dass dein Erleben mitbestimmt, wie stark ein Schmerz ist, heißt nicht, dass du ihn dir einbildest. Es heißt nur, dass die Lautstärke der Meldung nicht allein vom Gewebe abhängt.
Und diese Meldung brauchst du. Es gibt Menschen, die von Geburt an keinen Schmerz empfinden. Sie verbrennen sich, ohne die Hand zurückzuziehen, und laufen mit einem gebrochenen Knochen weiter, ohne es zu merken. Schmerz ist kein Fehler deines Körpers, sondern eine seiner klügsten Einrichtungen. Spannend ist deshalb nicht die Frage, wie man ihn abschaltet, sondern wovon es abhängt, wie laut er spricht.

Warum Ungewissheit wehtut

Eine echte Verletzung hat immer eine Grenze. Ein Schnitt ist so lang und so tief, wie er ist. Eine Spritze dauert ein paar Sekunden und reicht ein paar Millimeter ins Zahnfleisch. Im Gewebe ist jeder Schaden endlich.
Dein Alarmsystem kennt diese Grenze aber nicht von selbst. Es muss sie aus dem erschließen, was es weiß. Und hier liegt aus meiner Sicht der Kern des Unterschieds zwischen den beiden Zahnarztterminen. Beim ersten wusstest du, was kommt und wann es endet. Dein Organismus hatte eine Grenze. Er konnte den Stich als Stich melden und den Druck als Druck, genau so groß, wie beides war.
Beim zweiten Termin fehlte diese Grenze. Du wusstest nicht, was als Nächstes passiert, ob es gleich vorbei ist oder ob der schlimme Teil erst noch beginnt. Für ein Alarmsystem ist das eine heikle Lage. Wenn es nicht weiß, wie weit ein Schaden noch reicht, muss es vom Schlimmsten ausgehen. Dann meldet es keinen Stich mehr, sondern eine Bedrohung. Und für eine Bedrohung, deren Ende niemand kennt, braucht es die volle Lautstärke, denn es könnte ja sein, dass du sofort aufspringen musst.
Man könnte sagen, Angst reißt die Skala auf. Solange du weißt, wo der Schaden aufhört, hat der Schmerz ein oberes Ende. Sobald du es nicht weißt, hat er keines mehr. Das erklärt, warum ein kleiner Eingriff, bei dem du dich ausgeliefert fühlst, schlimmer sein kann als eine größere Verletzung, deren Ausmaß du sofort überblickst.
Das ist keine Willensfrage. Niemand entscheidet sich bewusst dafür, die Skala aufzureißen, und niemand kann sie durch Zusammenreißen wieder schließen. Es ist auch kein „Wegdenken“. Der Schmerz beim ersten Termin war ja nicht weg. Er war genau so groß wie das, was passiert ist, und nicht größer.
Dass Aufmerksamkeit und Gefühlslage verändern, wie stark und wie quälend ein Schmerz erlebt wird, ist in der Schmerzforschung gut untersucht. Was mich daran interessiert, ist die Frage, die sich daraus ergibt. Sie lautet nicht, wie du den Schmerz loswirst, sondern was deinem Organismus fehlt, damit er nicht übertreiben muss. Und die Antwort darauf ist erstaunlich oft eine Grenze.

Was Wissen und Vertrauen verändern

Für diesen Gedanken gibt es ein Beispiel aus der Chirurgie, das gern verkürzt erzählt wird. An der Universitätsklinik im belgischen Lüttich werden Eingriffe unter sogenannter Hypnosedation durchgeführt. Ein Team der Klinik hat dieses Verfahren in einer kleinen randomisierten Studie, die im Jahr 2000 erschienen ist, bei Operationen an Schilddrüse und Nebenschilddrüse mit der Vollnarkose verglichen, mit je zwanzig Patientinnen und Patienten pro Gruppe. Die Gruppe mit Hypnosedation hatte nach der Operation deutlich weniger Schmerzen und erholte sich schneller.
An dieser Stelle hören viele Erzählungen auf, und dann klingt es, als hätte man Menschen unter Hypnose den Hals geöffnet, ohne sie zu betäuben. So war es nicht. Zur Hypnosedation gehörten neben der Hypnose eine örtliche Betäubung und eine leichte medikamentöse Sedierung. Wer aus dieser Studie ableitet, man könne sich Betäubung oder Schmerzmittel sparen, wenn man nur fest genug vertraut, hat sie falsch gelesen.
Interessant bleibt sie trotzdem, gerade wegen der Betäubung. Denn verglichen wurde nicht Hypnose mit Medizin. Verglichen wurde ein wacher Mensch, der die ganze Zeit begleitet wird, mit einem Menschen, der schläft. Und der wache, begleitete Mensch hatte hinterher weniger Schmerzen. Was genau diesen Unterschied gemacht hat, beantwortet die Studie nicht. Ich lese sie so, dass in solchen Verfahren weniger ein Zaubertrick wirkt als das, was jede gute Begleitung herstellt: Jemand bleibt bei dir und sagt dir, was gerade passiert, sodass du weißt, wohin es geht und dass es endet.
Im Kleinen kennst du das. Die Kinderärztin, die nicht sagt „Das tut gar nicht weh“, sondern „Das piekst jetzt, und wir zählen zusammen bis fünf“. Gerade der gut gemeinte erste Satz macht es oft schlimmer, denn wenn es dann doch wehtut, stimmt die Ankündigung nicht mehr, und mit ihr fällt die Grenze. Ähnlich wirkt das vereinbarte Handzeichen beim Zahnarzt, mit dem du jederzeit eine Pause bekommst. Keine dieser Gesten nimmt den Schmerz weg. Aber jede gibt dir etwas zurück, das deinem Alarmsystem fehlt, nämlich das Wissen, was kommt, und die Möglichkeit, es anzuhalten.
Vertrauen heißt hier also nicht, dass du dich blind ausliefern sollst. Es entsteht gerade dort, wo du merkst, dass dein Stopp zählt. Wenn dir früher jemand bei einer Behandlung wehgetan hat, ohne etwas zu erklären oder auf dein Zeichen zu achten, trägt er dafür die Verantwortung. Das lag nicht an deiner Empfindlichkeit. Und es ist völlig verständlich, dass dein Körper es sich gemerkt hat.

Wenn die Angst schon vor dem Schmerz da ist

Damit sind wir beim Wartezimmer. Viele Menschen erleben den schlimmsten Teil eines Termins, bevor überhaupt etwas passiert. Die unruhige Nacht davor, der Geruch in der Praxis, das Klemmbrett mit dem Fragebogen und das Surren des Bohrers aus dem Nachbarzimmer. Der Körper spannt sich gegen einen Schmerz, obwohl ihn noch niemand berührt hat.
Hier zeigt sich eine zweite Seite derselben Sache. Schmerz antwortet nicht nur auf eine Verletzung, die gerade geschieht. Die Angst kann ihn auch vorwegnehmen. Dein Organismus erinnert sich an den zweiten Termin und bereitet sich auf eine Wiederholung vor, mit hochgezogenen Schultern, flachem Atem und einer Aufmerksamkeit, die nur noch nach dem nächsten Stich sucht. Wenn es dann tatsächlich piekst, trifft es auf einen Körper, der schon auf das Schlimmste eingestellt ist, und der meldet entsprechend laut.
Diese Vorwegnahme hat viel mit dem Unterschied zwischen Angst und Furcht zu tun. Furcht antwortet auf etwas, das jetzt da ist. Angst rechnet mit etwas, das noch kommen könnte. Wer genauer wissen will, wie sich beides unterscheidet, findet es in Angst oder Furcht. Beim Schmerz bedeutet es, dass ein Teil dessen, was du auf dem Behandlungsstuhl erlebst, zur Gegenwart gehört und ein anderer zur Erinnerung.
Besonders gut sichtbar wird das nach einer Verletzung. Wer sich einmal beim Heben den Rücken verrissen hat, bückt sich danach oft lange vorsichtig, steif aus der Hüfte und mit angehaltenem Atem. Das ist zunächst vernünftig. Die Schmerzforschung beschreibt aber auch, wie aus dieser Vorsicht ein Kreislauf werden kann. Im sogenannten Fear-Avoidance-Modell, dem Modell von Angst und Vermeidung, tragen schmerzbezogene Angst, katastrophisierende Gedanken, eine ständig auf den Schmerz gerichtete Aufmerksamkeit und das Vermeiden von Bewegung dazu bei, dass aus akutem Rückenschmerz bei manchen Menschen ein bleibender wird. Bei manchen, wohlgemerkt, und neben anderen Faktoren.
Wie Schmerzen chronisch werden, ist ein eigenes großes Thema, das in ärztliche und schmerztherapeutische Hände gehört. Wer jeden Schritt in Erwartung des Schmerzes tut, hält sein Alarmsystem in Bereitschaft. Und ein Alarmsystem in Bereitschaft meldet lauter als eines, das sich sicher fühlt.

Kämpfst du gegen deinen Schmerz?

Es gibt noch einen Grund, warum die Skala so leicht aufgeht. Viele von uns haben gelernt, Schmerz wie einen Feind zu behandeln, der von außen über sie herfällt. Sie beißen die Zähne zusammen und warten, bis es vorbei ist. Oder sie lenken sich ab und denken an etwas anderes. Beides kann im Moment hilfreich sein. Ablenkung lindert akuten Schmerz tatsächlich, und wer bei der Blutabnahme lieber aus dem Fenster schaut, macht nichts falsch.
Genauso wenig macht etwas falsch, wer eine Schmerztablette nimmt oder sich eine Betäubung wünscht. Medikamente und ärztliche Schmerzbehandlung haben ihren festen Platz, und nichts in diesem Beitrag ist ein Argument gegen sie. Mir geht es um etwas, das daneben liegt, nämlich um die Haltung, mit der du deinem eigenen Schmerz begegnest.
Wenn Schmerz kommt, verlassen viele Menschen innerlich ihren Körper. Sie beziehen einen Beobachtungsposten und überwachen ihn von dort. Wo stehe ich auf einer Skala von eins bis zehn? Was, wenn das nicht mehr aufhört? Das fühlt sich an wie Aufmerksamkeit, ist aber eher Bewachung. Und Bewachung ist ein Alarmzustand. Wer den eigenen Körper mustert wie einen verdächtigen Fremden, teilt ihm mit, dass Gefahr besteht. Warum dieses ständige Sich-von-außen-Betrachten so viel Kraft kostet, ist das Thema von Selbstbeobachtung oder Selbstreflexion.
Es gibt eine andere Möglichkeit, und sie ist leiser. Statt den Schmerz von außen zu beobachten, kannst du ihn von innen spüren, so wie du deine Füße auf dem Boden spürst, ohne hinzusehen. Wo genau sitzt er, und ist er spitz oder dumpf, zieht er oder pocht er? Und vor allem, wo hört er auf? Fast jeder Schmerz hat einen Rand, eine Stelle, an der das Ziehen in ganz gewöhnliches Empfinden übergeht. Wer diesen Rand spürt, gibt seinem Organismus genau das, was ihm in der Angst fehlt, nämlich eine Grenze.
Das ist keine Technik, die den Schmerz verschwinden lässt, und kein Appell, dich zusammenzureißen. Es ist eher ein Wechsel des Standorts, vom Wachturm zurück in den Körper, in dem der Schmerz stattfindet. Er gehört zu dir. Er ist eine Meldung deines eigenen Organismus und kein Eindringling. Manchmal genügt dieser Wechsel, damit aus „unerträglich“ ein „sehr unangenehm“ wird.

Was hat das mit der Frage „Bin ich sicher?“ zu tun?

Bleibt die Frage, warum manche Menschen beim kleinsten Piks in den Alarm kippen und andere eine Wurzelbehandlung gelassen hinnehmen. Dafür gibt es viele Gründe, auch körperliche, und keiner davon ist eine Charakterfrage. Aus meiner Erfahrung lohnt sich aber auch der Blick darauf, wie du als Kind mit Schmerz und Angst umgehen konntest.
Denk an ein kleines Kind, das hinfällt. Oft liegt es einen Moment still da und weint noch nicht. Es schaut zuerst zu seiner Mutter oder seinem Vater. Was es in diesem Gesicht findet, bestimmt mit, wie schlimm der Sturz ist. Ein ruhiges Gesicht und eine Hand, die kommt, geben dem Schmerz eine Grenze. Findet es ein erschrockenes Gesicht oder gar keines, muss es selbst herausfinden, wie gefährlich das war. Und ohne Hilfe von außen geht ein kleines Kind lieber vom Schlimmsten aus.
Wer mit Schmerz und Angst sehr früh oft allein war, in der allerersten Zeit, in der es um die Frage geht, ob du sicher bist (etwa von der Geburt bis zum achten Lebensmonat), dessen Alarmsystem rechnet häufig nicht damit, dass jemand die Grenze hält. Dann fehlt sie nicht nur beim Zahnarzt. Jeder Schmerz fühlt sich ein wenig bodenlos an, als könnte er immer weitergehen. Was diese Phase ausmacht und welche drei ihr folgen, beschreibe ich in Prägung in der Kindheit.
Eine zweite Spur führt häufig in die Jahre, in denen ein Kind seinen eigenen Willen entdeckt (etwa zweieinhalb bis vier). Wer damals festgehalten wurde, wenn er sich gewehrt hat, beim Haareschneiden oder Impfen, beim Zähneputzen oder bei den Ohrentropfen, und wessen „Aufhören!“ nichts bewirkt hat, kennt später oft eine andere Farbe der Angst. Sie fühlt sich weniger bodenlos an als eng. Unerträglich wird dann nicht so sehr der Schmerz selbst, sondern das Ausgeliefertsein, die Rückenlage im Behandlungsstuhl und der Mund, der offen bleiben muss, während ein fremder Mensch über dir arbeitet.
Welche Spur bei dir die wichtigere ist, verrät weniger das Thema als die Qualität des Moments. Fühlt es sich an, als würde dich nichts halten und als hätte der Schmerz kein Ende, führt die Spur eher in die früheste Zeit. Fühlt es sich an wie Eingesperrtsein, wie ein Nein, das nicht zählt, liegt sie eher dort, wo es um den eigenen Willen ging. Das sind Richtungen und keine Zuordnungen. Dasselbe Erleben kann aus verschiedenen Zeiten stammen, und viele Menschen kennen beides.
Manchmal hat Schmerz in einer Familie auch eine zweite Aufgabe bekommen. Wo Zuwendung vor allem dann kam, wenn ein Kind krank war oder sich wehgetan hatte, lernt es, dass Schmerz Nähe herstellt. Niemand spielt dabei etwas vor, der Schmerz ist wirklich da. Aber er trägt dann mehr als die Nachricht über eine Verletzung. Wie Kinder solche Wege zur Nähe finden, erzählt Bindungsstrategien. Das Gegenstück kennen viele, die Tapferkeit gelernt haben. Wer als Kind dafür gelobt wurde, dass es beim Arzt nicht geweint hat, zeigt als Erwachsener keinen Schmerz mehr. Die Skala geht trotzdem auf, nur eben nach innen, hinter einem ruhigen Gesicht.

Wann Schmerz in ärztliche Hände gehört

Bei allem, was Angst mit Schmerz macht, bleibt die erste Frage die nach der Ursache, und die beantwortet kein Mentoring. Lass Schmerzen ärztlich abklären, wenn sie neu oder ungewöhnlich stark sind, wenn sie zunehmen, immer wiederkommen, nach einigen Tagen nicht nachlassen oder dich nachts wecken. Das gilt erst recht, wenn Fieber, Taubheitsgefühle, Lähmungen oder ein allgemeines Krankheitsgefühl dazukommen. Bei plötzlichen, sehr starken Schmerzen oder bei Schmerzen in der Brust mit Atemnot ruf sofort die 112.
Auch Schmerzen, die bleiben, obwohl ihre ursprüngliche Ursache behandelt ist, sind kein Fall fürs Durchhalten. Für sie gibt es ärztliche Schmerztherapie, oft in Verbindung mit Physiotherapie und psychologischer Begleitung. Dass Angst und Aufmerksamkeit dort eine Rolle spielen, heißt nicht, dass der Schmerz psychisch verursacht wäre. Es heißt, dass mehr als ein Weg zur Linderung beitragen kann.
Und wenn die Angst vor einer Behandlung so groß ist, dass du sie vor dir herschiebst, ist das ein guter Grund, darüber zu sprechen, und kein Grund, mit dem kaputten Zahn weiterzuleben. Sag es deiner Zahnärztin vorher. Viele Praxen sind auf Menschen mit Behandlungsangst eingestellt. Wenn die Angst dein Leben spürbar einschränkt, kann eine Psychotherapie helfen. Wo die Grenze zwischen Begleitung und Behandlung verläuft, kannst du in Coaching oder Therapie nachlesen.
Wenn dich Schmerz und Angst gerade überwältigen und niemand da ist, mit dem du sprechen kannst, erreichst du die Telefonseelsorge anonym und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In einer akuten Notlage wähle die 112.

Warum sich die Skala eher in Beziehung schließt

Wenn ein Alarmsystem gelernt hat, dass Schmerz keine Grenze hat, lässt es sich das nicht ausreden. Du kannst diesen Beitrag lesen, jeden Satz verstehen und beim nächsten Termin trotzdem mit feuchten Händen im Stuhl liegen. Das ist kein Versagen. Was dein Körper gelernt hat, sitzt tiefer als das, was du verstehst, und warum Einsicht allein so wenig bewegt, erzählt Du hast dich zu Tode verstanden.
Was die Grenze zurückbringt, ist Erfahrung. Die Erfahrung, dass jemand ankündigt, was er tut, und sich daran hält, und dass dein Handzeichen tatsächlich etwas bewirkt. Die Erfahrung, dass jemand bei dir bleibt, wenn es wehtut, ohne selbst zu erschrecken. Wo dieses Muster in Beziehungen entstanden ist, verändert es sich am ehesten in Beziehungen, in denen es anders läuft. Das kann eine Zahnärztin sein, die sich Zeit nimmt. Es kann auch ein Mensch sein, mit dem du dir in Ruhe anschaust, woher dein Alarm kommt, und spürst, was unter ihm liegt.
Die Spritze wird dadurch nicht angenehm, und das muss sie auch nicht. Aber sie kann wieder das werden, was sie beim ersten Termin war, ein kurzer Stich und ein Druck, der nach ein paar Sekunden nachlässt.
Weitere Grundlagen zu Gefühlen und Prägung findest du unter Grundlagenwissen.
Quellen und Bezüge3 Quellen
Raja, S. N. / Carr, D. B. / Cohen, M. u. a. — The revised International Association for the Study of Pain definition of pain: concepts, challenges, and compromises Pain 161 (2020), S. 1976–1982.
Defechereux, T. / Degauque, C. / Fumal, I. / Faymonville, M. E. u. a. — L’hypnosédation, un nouveau mode d’anesthésie pour la chirurgie endocrinienne cervicale. Étude prospective randomisée Annales de Chirurgie 125 (2000), S. 539–546.
Leeuw, M. / Goossens, M. E. J. B. / Linton, S. J. / Crombez, G. / Boersma, K. / Vlaeyen, J. W. S. — The fear-avoidance model of musculoskeletal pain: current state of scientific evidence Journal of Behavioral Medicine 30 (2007), S. 77–94.
Erik Rulands
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