Stell dir einen Keller vor, wie es ihn in vielen Häusern gab und in manchen noch gibt. Eine schmale Treppe, eine Glühbirne an einem Kabel, ein Geruch nach kühler Erde und altem Holz. An der Wand steht ein Regal, und auf dem Regal stehen Gläser. Eingemachte Birnen, Bohnen, Gurken, Pflaumenmus. Auf jedem Glas klebt ein kleines Etikett mit einer Jahreszahl, in einer Handschrift, die nach Schule von früher aussieht. Die vordersten Gläser sind vom letzten Herbst. Dahinter stehen welche, die älter sind. Ganz hinten, im Halbdunkel, stehen Gläser, deren Inhalt die Farbe verloren hat und deren Etikett niemand mehr lesen kann.
Gegessen wird von diesen Gläsern kaum etwas. Es wird jedes Jahr nachgefüllt. Wenn im Herbst die neuen Gläser kommen, rücken die alten nach hinten, und irgendwann, beim Ausräumen nach einem Umzug oder einem Todesfall, trägt jemand kistenweise Eingemachtes zur Tonne, das zwanzig Jahre lang für einen Tag aufgehoben wurde, der nie gekommen ist.
Es wäre leicht, darüber zu lächeln. Ich tue es nicht. Diese Gläser sind von Menschen gefüllt worden, die Hunger kannten, oder die von jemandem großgezogen wurden, der ihn kannte. Für sie war ein voller Keller keine Marotte, sondern eine Antwort. Er war die Möglichkeit, eine Angst, die keinen Gegenstand hat, in etwas zu verwandeln, das man anfassen kann. Solange die Gläser dastanden, war die Zukunft ein bisschen weniger bedrohlich.
Das Bemerkenswerte an diesem Keller ist nicht, dass er voll war. Bemerkenswert ist, dass er nie leer gegessen wurde. Die Gläser waren nicht dafür da, verbraucht zu werden. Sie waren dafür da, dass es sie gibt. Und je länger sie standen, desto weniger ging es um Birnen und Bohnen. Es ging um ein Gefühl, das nur so lange ruhig war, wie das Regal voll blieb.
Die meisten von uns haben keinen solchen Keller mehr. Wir haben einen anderen.
Du füllst ihn morgens, bevor der Wecker klingelt, mit einer Eilmeldung. Du füllst ihn in der Mittagspause mit einem Artikel über die Rente, abends mit einem Video über die Lage der Welt, und nachts, wenn du nicht schlafen kannst, mit einer Rechnung, wie lange dein Geld reichen würde, falls. Du legst Szenarien an wie Vorräte. Was, wenn der Job wegfällt. Was, wenn die Mieten weiter steigen. Was, wenn es wirklich so kommt, wie alle sagen.
Und so wie die Gläser im Keller wird auch von diesem Vorrat kaum etwas gebraucht. Die meisten Szenarien treten nicht ein. Diejenigen, die eintreten, sehen anders aus, als du sie dir vorgestellt hast, und du hättest dich auf sie gar nicht vorbereiten können. Trotzdem füllst du nach, jeden Tag, und die alten Sorgen rücken nach hinten ins Halbdunkel, wo sie nie ganz verschwinden.
Wenn du mich fragst, was Zukunftsangst ist, dann das: ein Keller voller Gläser, die du nie aufmachst. Ein Vorrat an Angst, angelegt für eine Zukunft, die nicht kommt, und bezahlt mit einer Gegenwart, die du dabei nicht bewohnst.
Es ist kurz nach sechs. Du liegst noch im Bett und hast das Handy schon in der Hand, weil du nur kurz schauen wolltest, wie spät es ist. Da ist eine Eilmeldung. Darunter ein Kommentar, der erklärt, wohin das alles führen wird. Du liest weiter, im Liegen, und noch bevor du einen Fuß auf den Boden gesetzt hast, ist dein Brustkorb eng geworden.
Eine halbe Stunde später stehst du in der Küche, die Kaffeemaschine läuft, und du schaust aus dem Fenster. Unten führt ein Nachbar seinen Hund aus. Ein Kind trödelt auf dem Schulweg, weil es an jeder Pfütze stehen bleiben muss. Ein Lieferwagen steht mit Warnblinker in der zweiten Reihe. Es ist ein gewöhnlicher Dienstag.
Zwischen diesen beiden Bildern liegen dreißig Minuten und zwei verschiedene Welten. In der einen steht alles kurz vor dem Kippen. In der anderen trödelt ein Kind. Und dein Körper hat sich, ohne dich zu fragen, für die erste entschieden. Er steht in der Küche mit dem Hund unter dem Fenster, aber er reagiert auf den Bildschirm.
Fast alles, was du über die Zukunft fürchtest, hast du nicht erlebt. Es erreicht dich als Erzählung. Als Nachricht, als Prognose, als Gespräch in der Mittagspause, als Video, das jemand in einer Gruppe geteilt hat. Das ist zunächst nichts Schlechtes. Menschen haben immer aus den Erfahrungen anderer gelernt, und ohne Erzählungen wüssten wir von der Welt kaum mehr als das, was vor unserem Fenster passiert.
Nur hat der Körper eine Eigenart, die man kennen sollte. Er unterscheidet schlecht zwischen dem, was er erlebt, und dem, wovon ihm erzählt wird. Eine Geschichte über eine Gefahr setzt in ihm Vorgänge in Gang, die denen bei einer echten Gefahr erstaunlich ähnlich sind. Der Atem wird flacher, und die Schultern ziehen nach oben. Mit einem Unterschied: Es gibt nichts zu tun. Man kann vor einer Schlagzeile nicht weglaufen und sie auch nicht abwehren. Die Bereitschaft, die der Körper aufbaut, findet keinen Ausgang. Sie bleibt im Gewebe.
Es gibt eine Studie, die mich seit Jahren beschäftigt, weil sie diese Eigenart sichtbar gemacht hat. Die Forscherinnen Alison Holman, Dana Rose Garfin und Roxane Cohen Silver befragten wenige Wochen nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon im Jahr 2013 mehrere Tausend Menschen in den USA. Wer in der Woche danach täglich sechs Stunden oder mehr mit Berichten über den Anschlag verbracht hatte, zeigte stärkere akute Stresssymptome als Menschen, die selbst am Ort des Anschlags gewesen waren.
Ich will die Studie nicht größer machen, als sie ist. Sie kann nicht beweisen, dass die Berichte den Stress verursacht haben. Möglich ist auch, dass Menschen, die ohnehin stärker belastet waren, mehr Berichte gesucht haben. Aber selbst in dieser vorsichtigen Lesart sagt sie etwas Ungeheuerliches: Eine erzählte Gefahr kann einen Menschen mindestens so tief erschüttern wie eine erlebte. Und die erzählte Gefahr hört nicht auf, wenn der Tag vorbei ist. Sie ist rund um die Uhr verfügbar.
Ich lese das als Beschreibung unserer Lage. Wir leben in zwei Welten gleichzeitig. Die eine ist die, in der wir stehen, mit dem Hund des Nachbarn und der warmen Tasse in der Hand. Die andere ist die, von der wir hören, und in ihr ist immer irgendwo Alarm. Der Körper wohnt in der ersten. Die Aufmerksamkeit wohnt zunehmend in der zweiten.
Das wäre halb so schlimm, wenn die Aufmerksamkeit ab und zu nach Hause käme. Aber viele Menschen haben verlernt, nachzusehen, wo sie gerade sind. Sie stehen am Fenster und sehen das Kind an der Pfütze nicht, weil sie in Gedanken schon drei Jahre weiter sind, in einer Welt, die es noch nicht gibt und vermutlich so nie geben wird.
Es gibt eine alte Unterscheidung, die hier weiterhilft. Furcht braucht ein Gegenüber. Sie richtet sich auf etwas, das jetzt da ist: den Hund, der knurrt, das Auto, das zu schnell um die Ecke kommt. Und sie hört auf, wenn das Gegenüber verschwindet. Angst kommt ohne Gegenüber aus. Sie hat keinen Anlass, an dem sie sich festmachen könnte, und deshalb hat sie auch keinen Moment, in dem sie aufhören dürfte. Ich habe diese Unterscheidung in
Angst oder Furcht ausführlicher dargestellt.
Für die Zukunftsangst hat sie eine besondere Pointe. Die Zukunft ist nämlich der einzige Ort, den du grundsätzlich nicht betreten kannst. Du kannst sie weder ansehen noch anfassen. Alles, was du über sie weißt, ist Vorstellung, und die Vorstellung ist aus Erzählungen gebaut, aus fremden und aus eigenen. Zukunftsangst ist deshalb in einem ganz genauen Sinn Angst ohne Gelände. Sie kann sich nie an der Wirklichkeit prüfen, weil die Wirklichkeit, um die es ihr geht, noch gar nicht da ist.
Das erklärt, warum keine Beruhigung je reicht. Wenn du dich vor einem Hund fürchtest, kann dir jemand zeigen, dass der Hund angeleint ist. Dann ist es vorbei. Wenn du dich vor der Zukunft fürchtest, gibt es keine Leine, die man dir zeigen könnte. Jede beruhigende Zahl lässt sich durch eine andere Zahl entkräften, jede gute Prognose durch eine schlechte. Der Kopf findet immer noch ein Was-wäre-wenn, und er findet es schneller, als jeder Trost es widerlegen kann.
Und jetzt kommt der Teil, der mir selbst lange nicht klar war. Sorgen haben eine Eigenschaft, die sie so hartnäckig macht: Sie fühlen sich an wie etwas Sinnvolles. Wer sich sorgt, hat den Eindruck, sich vorzubereiten. Er durchdenkt Szenarien, er rechnet, er spielt Gespräche durch. Das sieht von innen aus wie Arbeit. Und weil es sich wie Arbeit anfühlt, kommt es einem fahrlässig vor, damit aufzuhören. Als würde man die Tür offen lassen, wenn man nicht mehr an den Einbrecher denkt.
Viele Menschen tragen, ohne es je auszusprechen, eine Art stilles Abkommen mit sich herum. Wenn ich mir genug Sorgen mache, kann mich nichts überraschen. Und wenn mich nichts überraschen kann, bin ich in Sicherheit. Das ist kein Gedanke, den man denkt. Es ist eine Haltung, die man lebt. Man erkennt sie daran, dass sich Entspannung gefährlich anfühlt. In dem Moment, in dem du dich zurücklehnst, meldet sich etwas, das sagt: Pass auf, gerade jetzt.
Der amerikanische Psychologe Thomas Borkovec hat ab den späten Achtzigerjahren untersucht, was beim Sorgen eigentlich passiert. Er fand heraus, dass Sorgen überwiegend aus Worten besteht, aus innerer Sprache, und nur zu einem kleinen Teil aus Bildern. Und er fand etwas, das ich für eine der wichtigsten Einsichten über Angst überhaupt halte: Das Sorgen in Worten dämpft kurzfristig die körperliche Erregung. Wer sich in Sätzen sorgt, muss die Angst weniger spüren. Borkovec hat deshalb vorgeschlagen, das Sorgen als eine Form der Vermeidung zu verstehen. Man bleibt im Kopf, damit der Körper nicht mitbekommt, was los ist.
Wer
Du hast dich zu Tode verstanden gelesen hat, erkennt das Muster wieder. Das Sorgen ist Sprachdenken über die Zukunft. Es arbeitet in einem Raum aus Symbolen, und es hält diese Symbole für die Sache selbst. Der Preis dafür ist derselbe wie dort: Es erleichtert für den Moment, und es verhindert auf Dauer, dass sich etwas löst. Die Angst wird nie zu Ende gefühlt. Also bleibt sie, und morgen braucht sie neue Sätze.
Vielleicht kennst du die Nächte, in denen du dasselbe Problem zum zwanzigsten Mal durchgehst und an keiner Stelle weiterkommst. Es ist immer dieselbe Schleife. Was, wenn. Dann wäre. Aber vielleicht auch. Am Morgen bist du erschöpft, als hättest du gearbeitet, und tatsächlich hast du das. Nur hat die Arbeit nichts hergestellt.
Das ist das Kennzeichen von Zukunftsangst, das man am leichtesten nachprüfen kann. Vorsorge mündet in eine Handlung, und danach ist sie erledigt. Du legst Geld zurück, du reparierst das Dach, bevor der Winter kommt, du schließt eine Versicherung ab. Danach kannst du es loslassen. Angst mündet in nichts. Sie kreist. Sie bleibt, auch wenn alles getan ist, was sich tun lässt, und manchmal wird sie sogar größer, gerade weil nichts mehr zu tun ist.
Wenn du wissen willst, ob du gerade vorsorgst oder dich sorgst, frag dich, was der nächste Schritt wäre. Wenn es einen gibt, ist es Vorsorge, und du kannst ihn gehen. Wenn es keinen gibt und du trotzdem nicht aufhören kannst, darüber nachzudenken, dann ist es ein weiteres Glas im Keller. Wie man diesen Unterschied beim Geld erkennt, steht in
Existenzangst.
Wenn das alles nur an den Nachrichten läge, müssten alle Menschen gleich reagieren. Das tun sie nicht. Manche lesen morgens dieselben Meldungen wie du, ärgern sich kurz und frühstücken dann in Ruhe. Andere liegen bis drei Uhr wach. Der Unterschied liegt nicht in den Meldungen. Er liegt in dem, worauf sie treffen.
Man kann es sich vorstellen wie bei einem Instrument. Eine Saite schwingt nur, wenn ein Ton kommt, der zu ihr passt. Die Nachricht ist der Ton. Ob und wie stark etwas in dir mitschwingt, hängt von einem Resonanzboden ab, der lange vor jeder Nachricht gebaut wurde.
Viele, die heute mit Zukunftsangst leben, sind in einem Zuhause aufgewachsen, in dem die Zukunft eine Drohung war. Nicht unbedingt laut, nicht unbedingt ausgesprochen. Oft lag sie in kleinen Sätzen, die man kaum bemerkt hat, weil sie zur Einrichtung gehörten wie das Sofa. „Wer weiß, was noch kommt.“ „Man muss immer mit allem rechnen.“ „Freu dich nicht zu früh.“ „Spar lieber, man weiß ja nie.“
Wahrscheinlich hast du beim Lesen die Stimme gehört, die einen dieser Sätze gesagt hat.
Diese Sätze waren fürsorglich gemeint. Sie kamen von Erwachsenen, die dich schützen wollten und die selbst gelernt hatten, dass Schutz vor allem darin besteht, auf das Schlimmste gefasst zu sein. Ein Kind hört aus ihnen trotzdem etwas anderes heraus als das, was gemeint war. Es hört nicht: Sei vorsichtig. Es hört: Die Gegenwart ist nur das Wartezimmer der nächsten Gefahr. Gut ist es nur, solange man nicht hinsieht.
Und es hört noch etwas, das schwerer wiegt. Wer sich freut, ist leichtsinnig. Wer sich entspannt, wird bestraft. Die Wachsamkeit ist nicht der Preis für Sicherheit, sie ist die Sicherheit selbst. Wenn du heute merkst, dass du dir eine gute Nachricht nicht ganz glauben kannst, dass du nach einem gelungenen Tag auf den Haken wartest, dann ist das vermutlich keine Charaktereigenschaft. Es ist eine Lektion, die du früh und gründlich gelernt hast.
In Deutschland kommt dazu etwas, worüber erst seit einigen Jahren offener gesprochen wird. Viele Familien tragen Erfahrungen aus Krieg, Flucht und Nachkriegszeit in sich, die nie erzählt wurden. Die Journalistin Sabine Bode hat in ihrem Buch „Die vergessene Generation“ beschrieben, wie die Menschen, die als Kinder den Krieg erlebt haben, darüber jahrzehntelang schwiegen, und in späteren Büchern, wie dieses Schweigen bei ihren Kindern und Enkeln ankam. Nicht als Erinnerung, sondern als Stimmung. Als volle Keller, als aufgegessene Teller, als eine diffuse Bereitschaft, dass jederzeit alles verloren gehen kann.
Ich will daraus keine Erklärung für alles machen. Nicht jede Zukunftsangst ist ein Kriegserbe, und nicht jede Familie, die Einmachgläser hatte, war traumatisiert. Aber wenn du in einer Familie aufgewachsen bist, in der eine Angst ohne Gegenstand im Raum stand, dann ist es sinnvoll, sich zu fragen, ob die Angst, die du heute spürst, überhaupt deine ist. Manchmal trägt man Gläser, die jemand anderes eingemacht hat.
Wie stark ein Mensch auf Bedrohungserzählungen anspringt, hängt auch mit einer sehr frühen Erfahrung zusammen. In den ersten Lebensmonaten klärt sich, ob man sich auf jemanden verlassen kann. Ob jemand kommt, wenn man ruft. Ob die Welt im Großen und Ganzen trägt oder ob sie jederzeit wegkippen kann. Ein Mensch, für den diese Frage nie ganz beantwortet wurde, sucht die Welt als Erwachsener nach Bestätigung ab, dass sie nicht trägt. Und er findet diese Bestätigung jeden Morgen auf dem Bildschirm.
Bei anderen kreist die Zukunftsangst um eine andere Frage, nämlich ob es reichen wird. Ob genug Geld da sein wird und genug Zuwendung. Dann führt die Spur eher in die Zeit, in der sich geklärt hat, ob genug für einen da ist. Unterscheiden lässt sich das oft am Gefühl. Die eine Angst fühlt sich an wie ein Fallen ohne Boden. Die andere fühlt sich an wie ein Mangel, den keine Rücklage stillt, egal wie groß sie wird. Beides sind Spuren zum Nachspüren und keine Diagnosen. Die frühen Phasen dahinter beschreibt
Prägung in der Kindheit.
Wenn du wissen willst, wie viel von dieser Bereitschaft in dir steckt, musst du nicht in deine Kindheit schauen. Schau in deinen Atem. Achte einmal, jetzt beim Lesen, darauf, wie weit er geht, ohne dass du etwas veränderst.
Bei vielen Menschen mit Zukunftsangst bleibt er oben. Er hebt die Brust, er erreicht den Bauch kaum. Die Schultern stehen ein Stück höher, als sie müssten, der Kiefer ist fest, und irgendwo zwischen Brustbein und Magen sitzt ein Druck, den man so lange spürt, dass man ihn für den eigenen Körper hält. Das ist keine Störung. Es ist die Haltung eines Menschen, der sich bereit hält. Für etwas, das kommen könnte. Seit Jahren.
Wenn du dort etwas findest, dann ist das keine schlechte Nachricht. Es ist die erste Information seit langem, die nicht aus einer Erzählung stammt. Sie kommt aus der Welt, in der du stehst.
An dieser Stelle wäre es bequem, die Zukunftsangst zu einem inneren Thema zu erklären. Zu sagen: Es liegt an deiner Prägung, also arbeite an deiner Prägung. Das wäre die Hälfte der Wahrheit, und vermutlich die bequemere Hälfte für alle, die an deiner Angst verdienen.
Denn die erzählte Welt, in der deine Aufmerksamkeit wohnt, ist kein neutraler Ort. Ein großer Teil davon lebt von Aufmerksamkeit, und nichts bindet Aufmerksamkeit so zuverlässig wie Alarm. Das ist keine Verschwörung. Es sitzt niemand in einem Büro und plant deine Unruhe. Es ist die Logik eines Angebots, das von Klicks und Sendezeit lebt. Eine Meldung, die beunruhigt, wird häufiger geöffnet und weitergegeben als eine, die beruhigt. Ein Kommentar, der warnt, bekommt mehr Aufmerksamkeit als einer, der abwägt. Was sich durchsetzt, ist nicht das Wahrste, sondern das, was am stärksten an unserer Wachsamkeit zieht.
Und unsere Wachsamkeit ist leicht zu ziehen. Ein Nervensystem, das darauf ausgelegt ist, Gefahren schneller zu bemerken als alles andere, war in einer Umgebung nützlich, in der Gefahren selten und konkret waren. In einer Umgebung, in der rund um die Uhr Gefahren aus der ganzen Welt angeboten werden, wird dieselbe Ausstattung zur Schwachstelle. Wir sind nicht ängstlicher geworden als frühere Generationen. Wir sind nur einem Angebot ausgesetzt, auf das unser Körper nie vorbereitet war.
Ich will hier nicht so tun, als stünde ich außerhalb. Das Feld, in dem ich arbeite, hat seine eigene Version davon.
Auch in der Welt der Persönlichkeitsentwicklung lässt sich mit Unsicherheit gut verkaufen. Kurse über Resilienz und Programme, die versprechen, dass du nach acht Wochen gelassener auf eine Welt blickst, die sich nicht verändert hat. Das Muster ist dasselbe wie bei den Nachrichten, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Erst wird dir die Bedrohung erzählt, dann wird dir das Gegenmittel verkauft. Und das Gegenmittel liegt immer in dir. Nie in den Bedingungen, unter denen du lebst.
Ich finde das nicht harmlos. Denn wer dir sagt, deine Zukunftsangst sei ein Mangel an innerer Stärke, sagt dir zugleich, dass es an dir liegt, wenn du sie behältst. Er macht aus einer Rückmeldung über deine Lage eine Charakterfrage. Und er hat ein Interesse daran, dass du diese Frage nie ganz beantwortet bekommst.
Denn viele Menschen haben gute Gründe, unruhig auf die Zukunft zu schauen. Befristete Verträge. Mieten, die schneller steigen als Löhne. Eine Arbeitswelt, in der sich ganze Berufe innerhalb weniger Jahre verändern. Eine Rente, deren Höhe kaum jemand verlässlich vorhersagen kann. Wer unter solchen Bedingungen gelassen bleibt, ist nicht unbedingt gesünder als die anderen. Oft hat er einfach mehr Polster.
Eine gewisse Unruhe kann die vollkommen vernünftige Antwort auf eine unsichere Lage sein. In
Die Antilope führt kein Selbstgespräch habe ich ausführlich beschrieben, warum ein Symptom manchmal mehr über das Gehege erzählt als über das Tier, das darin lebt. Das gilt hier genauso. Wenn du nachts wach liegst, weil du nicht weißt, ob du in drei Jahren deine Miete noch zahlen kannst, dann ist das nicht in erster Linie ein Thema für deine Kindheit. Es ist ein Thema für deine Miete.
Die Schwierigkeit ist, dass beides gleichzeitig wahr sein kann. Die Lage ist unsicher, und du springst stärker auf sie an, als sie es rechtfertigt. Die Mieten steigen wirklich, und du rechnest trotzdem um drei Uhr nachts Szenarien durch, die nichts an ihnen ändern. Wer nur das eine sieht, verfehlt das andere. Wer nur die Prägung sieht, macht aus einem gesellschaftlichen Problem ein privates. Wer nur die Lage sieht, übersieht, dass er sich von ihr mehr nehmen lässt, als sie ihm abverlangt.
Wenn das Problem ist, dass deine Aufmerksamkeit in der Zukunft wohnt, dann liegt eine Lösung nahe. Hol sie zurück. Lebe im Hier und Jetzt. Hör auf, an morgen zu denken. Das ist das Versprechen, mit dem ein großer Teil der Ratgeberwelt dir begegnet, und ich hatte selbst lange eine Schwäche dafür.
Ich halte es inzwischen für einen Irrtum. Nicht weil es falsch wäre, ab und zu nachzusehen, wo man ist. Darauf komme ich gleich. Sondern weil die Idee, das Denken an morgen loszuwerden, auf einer Sehnsucht beruht, die man genauer ansehen sollte.
Stell dir einen Menschen vor, der tatsächlich nur im Augenblick lebt. Der nicht an morgen denkt und nichts befürchtet. Er wäre frei von Zukunftsangst, das stimmt. Er wäre aber auch unfähig, ein Haus zu bauen, ein Kind großzuziehen, eine Rücklage anzulegen oder eine Verabredung zu halten. Er könnte nicht merken, dass sein Leben in eine Richtung läuft, die ihm nicht guttut. Er könnte nichts verändern, weil Verändern bedeutet, sich eine andere Zukunft vorzustellen als die, die gerade kommt.
Die Fähigkeit, die dich nachts wach hält, ist dieselbe, mit der du dein Leben gestaltest. Sie hat keinen Schalter für die eine Hälfte. Wer die Zukunftsangst loswerden will, indem er die Zukunft aus seinem Kopf verbannt, gibt mit ihr auch das Einzige ab, womit er auf die Zukunft Einfluss nehmen könnte.
Und noch etwas fällt auf, wenn man es einmal gesehen hat. Die Sehnsucht nach dem reinen Augenblick ist im Kern oft der Wunsch, nicht mehr wahrnehmen zu müssen. Nicht mehr zu wissen, dass der Vertrag in einem Jahr ausläuft. Nicht mehr zu spüren, dass die Arbeit, die du machst, dich nicht trägt. Das ist keine Gelassenheit. Es ist der Wunsch, das Warnsystem abzuschalten und die Ursache stehen zu lassen.
Und dann gibt es noch eine Falle, die so leise ist, dass man sie kaum bemerkt. Wer sich vornimmt, im Hier und Jetzt zu leben, hat sich ein Ziel gesetzt. Etwas, das er noch nicht ist und werden will. Etwas, worin man besser oder schlechter sein kann. Und schon sitzt neben der Meditation ein Beobachter, der prüft, ob es gerade gut läuft, und der sich Sorgen macht, ob man es auch morgen schaffen wird, gelassen zu sein.
Man hat die Zukunftsangst dann nicht verlassen. Man hat ihr nur ein neues Thema gegeben. Statt um die Rente kreist sie jetzt um die eigene Ruhe, und wer an einem schlechten Tag nicht gelassen ist, hat nicht nur Angst, sondern auch das Gefühl, versagt zu haben. Wie dieser Beobachter arbeitet, beschreibt
Selbstbeobachtung oder Selbstreflexion.
Die Zukunft loszuwerden ist also kein Ausweg. Es gibt einen anderen, und er ist weniger glanzvoll.
Ich habe keine Technik gegen Zukunftsangst, und ich würde misstrauisch werden, wenn mir jemand eine anböte. Was ich habe, ist eine Frage. Sie ist so einfach, dass man sie leicht unterschätzt: Bin ich hier, in diesem Moment, gerade bedroht?
Nicht: Könnte es irgendwann bedrohlich werden. Sondern: Jetzt, in diesem Raum, mit dieser Tasse in der Hand. Ist hier eine Gefahr?
Die Antwort ist in den allermeisten Fällen nein. Du stehst in einer Küche. Unten trödelt ein Kind. Die Tasse ist warm, der Boden unter deinen Füßen hält. Das macht die Krisen in den Nachrichten nicht falsch, und es macht deine Sorgen um die Miete nicht unbegründet. Es stellt nur etwas klar, das dein Körper vergessen hat: dass das, wovor du dich fürchtest, nicht in deiner Küche stattfindet.
Das ist etwas anderes als das Hier und Jetzt als Lebensziel. Du sollst nicht im Augenblick wohnen bleiben. Du sollst nur ab und zu nach Hause kommen. Wie jemand, der lange auf eine Landkarte geschaut hat und zwischendurch den Kopf hebt, um zu sehen, wo er tatsächlich steht.
Es ist wichtig, wie man diese Frage stellt. Wenn du sie stellst, um dich zu beruhigen, wird sie zur nächsten Technik, und dein Kopf wird sie bald überlisten. Stell sie stattdessen wie eine Messung. Du willst nichts herbeiführen, du willst etwas wissen: wo du bist und was du gerade spürst.
Manchmal ist die Antwort überraschend. Vielleicht merkst du, dass der Druck in der Brust gar nicht mit der Nachricht von heute Morgen zu tun hat, sondern mit dem Gespräch, das du heute Nachmittag führen musst und das du seit Tagen vor dir herschiebst. Dann hat die Zukunftsangst etwas Konkretes verdeckt, das du angehen kannst. Vielleicht merkst du auch gar nichts. Kein Druck, keine Enge, nur eine Leere, die sich ungewohnt anfühlt. Auch das ist eine Information. Für viele Menschen ist das die erste Stille seit Jahren, und sie fühlt sich zunächst nicht gut an, sondern bedrohlich.
Das ist der Punkt, an dem viele sofort wieder zum Handy greifen. Der Griff an einem stillen Sonntagnachmittag hat oft wenig mit Informationsbedürfnis zu tun. Er hat mit einem Körper zu tun, der Ruhe nicht gewohnt ist und sie deshalb für ein Warnsignal hält. Wer jahrelang in Bereitschaft gelebt hat, empfindet das Nachlassen der Bereitschaft nicht als Erholung, sondern als Leichtsinn. Diesen Mechanismus beschreibe ich in
Ruhe nicht aushalten.
Wenn dir das bekannt vorkommt, dann musst du nichts dagegen tun. Es reicht, es zu bemerken. Der Moment, in dem du merkst, dass du gerade zum Handy greifst, weil es still geworden ist, ist bereits ein Moment, in dem du nachgesehen hast, wo du bist.
Wenn die Angst so groß wird, dass sie dich lähmt, wenn du kaum noch schläfst, wenn sie seit Wochen nicht nachlässt oder dunkle Gedanken mitbringt, dann gehört sie in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Dieser Text ersetzt das nicht. Wenn dir der Gedanke kommt, nicht mehr leben zu wollen, erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Im Notfall wähl die 112.
Kehren wir noch einmal in den Keller zurück.
Die Gläser auf dem Regal hatten einen Sinn, den man leicht übersieht, wenn man nur an die Angst denkt, aus der sie gefüllt wurden. Sie waren nicht für einen Menschen allein gedacht. Eingemacht wurde für die Familie, oft für mehrere Haushalte, und das Einmachen selbst war selten eine einsame Arbeit. Man saß zusammen in der Küche und schälte Birnen. Man tauschte Gläser mit der Nachbarin. Man wusste, wer im Dorf einen Keller hatte, und im schlimmsten Fall wäre man zu ihm gegangen.
Der Keller in deinem Kopf ist anders. Du füllst ihn allein, nachts, mit einem Gerät in der Hand. Niemand weiß, was darin steht. Und wenn der schlimme Tag käme, auf den du dich vorbereitest, hättest du niemanden, mit dem du die Gläser teilen könntest, weil niemand weiß, dass es sie gibt.
Eine Sorge, die man allein trägt, wird größer, als sie ist. Sie hat keinen Widerspruch, kein Gegenüber, niemanden, der sagt: Das sehe ich anders. Oder: Das kenne ich auch. Sie wächst in dem Raum, den man ihr lässt, und im eigenen Kopf hat sie unbegrenzt Raum.
Ausgesprochen, zwischen zwei Menschen, verändert sie sich. Meistens wird sie kleiner. Vor allem aber wird sie konkreter. Aus „Was, wenn alles zusammenbricht“ wird im Gespräch mit einer Freundin die Frage, was du eigentlich tun würdest, wenn dein Vertrag nicht verlängert wird. Und auf diese Frage gibt es Antworten. Vielleicht nicht schöne, aber es gibt sie. Die erzählte Katastrophe hat keine. Das Gespräch zwischen zwei Menschen holt die Angst aus dem Gelände, in dem sie sich nicht prüfen lässt, zurück in eines, in dem man stehen kann.
Zukunft ist nichts, das über dich kommt wie Wetter. Sie wird gemacht, und zwar zwischen Menschen. Das klingt groß, und im Großen stimmt es auch. Arbeitszeiten und Mieten sind keine Naturereignisse. Sie sind ausgehandelt worden und werden weiter ausgehandelt, und wer an diesem Aushandeln teilnimmt, fürchtet die Zukunft anders als jemand, der sie nur erwartet.
Aber es stimmt auch im Kleinen, und dort ist es leichter zu erkennen. Dieselbe Sorge um die Kinderbetreuung, die du nachts allein wälzt, ist bei den anderen Eltern in der Kita auch vorhanden. In dem Moment, in dem ihr darüber redet, ist aus einer privaten Angst eine gemeinsame Frage geworden. An einer gemeinsamen Frage kann man etwas tun. Oft ist es wenig. Eine Absprache, wer wann abholt. Ein Brief an den Träger. Und doch bewegt dieses Wenige mehr als alles, was du um drei Uhr nachts allein durchdenkst.
Es gibt einen Grund, warum das schwerer ist, als es klingt. Angst vereinfacht. In echter Gefahr ist das ein Vorteil, denn wer flüchten muss, hat keine Zeit zum Abwägen. Wird Angst zum Dauerzustand, bleibt die Vereinfachung, auch wenn es nichts mehr zu fliehen gibt. Die Welt wird flach. Es gibt dann nur noch die eigene Seite und die andere.
Wer in Angst lebt, kann schlecht zuhören. Er hört in jedem anderen Standpunkt eine Bedrohung. Er sucht nach einfachen Antworten und nach jemandem, der sagt, wo es langgeht. Das findet man in Familien genauso wie in ganzen Gesellschaften, und ich meine damit ausdrücklich keine bestimmte Seite. Gespräche, die nach drei Sätzen zu Gefechten werden, sind kein Mangel an Argumenten. Sie sind ein Zeichen dafür, dass beide Seiten im Alarm sind.
Das ist vielleicht der höchste Preis der Zukunftsangst. Wer sich fürchtet, kann schlecht verhandeln. Und Verhandeln ist der einzige Weg, auf dem Menschen ihre Zukunft gemeinsam gestalten können. Eine Gemeinschaft, die sich gemeinsam fürchtet, ist nicht dasselbe wie eine Gemeinschaft, die gemeinsam etwas vorhat.
Deshalb ist das Nachsehen, wo du bist, kein Rückzug ins Private. Wer nicht mehr unterscheiden kann zwischen dem, was er erlebt, und dem, wovon ihm erzählt wird, kann mit anderen nur noch Erzählungen gegen Erzählungen stellen. Wer zwischendurch nach Hause kommt, in seinen Körper und in seine Küche, bringt etwas mit, das in diesen Gesprächen fehlt: eine eigene Wahrnehmung. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass du überhaupt wieder mitreden kannst.
Die Zukunft, vor der du dich fürchtest, wird aus Tagen bestehen. Und vermutlich werden viele davon aussehen wie dieser Dienstag. Mit einem Nachbarn, der seinen Hund ausführt, und einem Kind, das an einer Pfütze stehen bleibt, weil es sich nicht vorstellen kann, dass irgendetwas wichtiger sein könnte.
Du musst die Gläser im Keller nicht wegwerfen. Manche davon wirst du vielleicht wirklich brauchen. Aber du könntest eines aufmachen. Nicht allein, sondern mit jemandem, der am selben Tisch sitzt. Und nachsehen, ob das, was darin ist, überhaupt noch für dich bestimmt war.