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Angst vor der Angst:Warum du die Kontrolle am falschen Ort suchst

Wer Angst vor der Angst hat, horcht in den Körper und sichert sich ab. Dabei fehlt nicht die Kontrolle über die Welt, sondern der Halt im eigenen Inneren.

Erik RulandsErik Rulands · 21. Oktober 2026 · 15 Min. Lesezeit
Eine halb geöffnete blaue Holztür, dahinter unscharf eine grüne Wiese
Du sitzt im Meeting, der dritte Punkt der Tagesordnung zieht sich, und plötzlich bemerkst du deinen Herzschlag. Er ist nicht schneller als sonst. Du bemerkst ihn nur. Und schon ist die Frage da, die du so gut kennst: Was, wenn es jetzt wieder losgeht? Du schätzt ab, wie weit es bis zur Tür ist und ob du unauffällig hinauskämst, ohne dass jemand fragt.
Oder du stehst im Supermarkt an der Kasse, vor dir drei volle Wagen. Eigentlich ist nichts. Aber du meidest solche Schlangen, seit du dort einmal das Gefühl hattest, der Boden würde kippen. Seitdem gehst du lieber spätabends einkaufen, wenn es leer ist. Und wenn jemand fragt, sagst du, dass es dir abends einfach besser passt.
Manchmal ist es leiser, die Flasche Wasser etwa, ohne die du nicht aus dem Haus gehst, oder der Platz am Gang, im Kino wie im Flugzeug. Du selbst nennst es Vorsicht.
Angst vor der Angst ist eine Angst, die schon da ist, bevor irgendetwas passiert. Sie richtet sich nicht auf einen bissigen Hund oder eine Kündigung, sondern auf einen Zustand in dir. Und sie folgt einer Logik, die sehr vernünftig klingt: Wenn ich nur gut genug aufpasse, kann es mich nicht überraschen. Ich halte genau diesen Satz für den Kern des Problems, weil er die Sicherheit an einem Ort sucht, an dem sie nicht zu finden ist.

Wenn du dich vor dem nächsten Mal fürchtest

Am Anfang steht oft ein einzelner Moment. Ein Abend, an dem der Körper ohne erkennbaren Grund in einen Alarm geraten ist, wie du ihn so noch nicht kanntest: Herzrasen, ein enger Brustkorb, kalte Hände und das Gefühl, gleich umzukippen oder den Verstand zu verlieren. Was in so einer Panikattacke geschieht, ist ein eigenes Thema. Hier geht es um das, was danach bleibt, die Erinnerung daran und mit ihr eine Erwartung.
Bei manchen beginnt es gar nicht mit Panik. Sie fürchten, in einer Besprechung rot zu werden oder vor anderen in Tränen auszubrechen. In der Fachsprache heißt diese vorweggenommene Angst Erwartungsangst. Ich finde den Ausdruck aus dem Alltag genauer, weil er die Richtung zeigt. Die Angst richtet sich nicht auf die Welt. Sie richtet sich auf dich.
Bevor wir weiterschauen, etwas Selbstverständliches. Herzrasen, Schwindel, Atemnot oder Druck auf der Brust können körperliche Gründe haben, zum Beispiel eine Rhythmusstörung des Herzens oder eine Überfunktion der Schilddrüse. Das gehört zuerst ärztlich abgeklärt, auch wenn du dir sicher bist, dass es „nur die Nerven“ sind. Und wenn die Angst dein Leben schon spürbar eng macht, ist eine psychotherapeutische Behandlung der richtige Weg. Angststörungen lassen sich gut behandeln. Was ich hier beschreibe, hilft, das Muster dahinter zu verstehen, und ersetzt keine Behandlung.

Angst vor der Angst ist Angst vor dir selbst

Schau dir einmal genau an, wovor du dich fürchtest, wenn du an das nächste Mal denkst. Der Supermarkt hat dir nichts getan. Du fürchtest dich vor dem, was dein eigener Körper dort tun könnte, vor deinem Herzen und deinem Atem.
Damit geschieht etwas Merkwürdiges. Der Körper, mit dem du ein Leben lang gelaufen und eingeschlafen bist, wird zu einer Instanz, der du nicht mehr traust. Er ist nicht mehr der Ort, von dem aus du die Welt erlebst, sondern ein Gegenüber, das man im Auge behalten muss wie einen launischen Mitbewohner. Viele sprechen dann über ihren Körper wie über einen Dritten: Er macht, was er will.
Ich sehe das so: Die Angst vor der Angst ist im Kern eine Angst vor sich selbst. Und darin liegt der Grund, warum sie so hartnäckig ist. Einen Alarm, der von außen kommt, kannst du überprüfen, indem du hinschaust. Bei einem Alarm von innen sind der, der prüft, und das, was geprüft wird, dasselbe. Also hört das Prüfen nie auf, und aus dem Hinschauen wird Beobachten. Und weil jeder Körper den ganzen Tag kleine Signale sendet, ein Stolpern im Herzschlag oder einen Atemzug, der nicht ganz durchgeht, findest du immer etwas. Jedes Fundstück fühlt sich an wie der Anfang von etwas.
Der Psychologe Steven Reiss und seine Kollegen haben 1986 einen Fragebogen für das vorgestellt, was sie Angstsensitivität nannten. Gemeint ist die Überzeugung, dass die Empfindungen der Angst selbst gefährlich sind, dass das Herzklopfen also einen Infarkt ankündigt und der Schwindel eine Ohnmacht. Für mich steckt darin ein entlastender Gedanke: Nicht das Herzklopfen macht die Angst so groß, sondern das, was du darin liest.

Warum jede Absicherung die Angst ein Stück größer macht

Was tut ein vernünftiger Mensch, der sich vor etwas fürchtet? Er sichert sich ab. Er setzt sich an den Gang, nimmt das Wasser mit, fährt lieber selbst, als im vollen Bus zu stehen, und meidet die lange Schlange. Er sucht im Netz nach seinen Symptomen, bis er sich beruhigt hat oder bis er sich gar nicht mehr beruhigen kann.
Jede dieser Maßnahmen wirkt, und gerade das ist das Tückische an ihnen. Der britische Psychologe Paul Salkovskis hat 1991 beschrieben, was dabei auf Dauer geschieht. Solches Sicherheitsverhalten verhindert genau die Erfahrung, die die Angst kleiner machen würde, nämlich dass das Befürchtete auch ohne Absicherung nicht eingetreten wäre. Wer nie ohne Wasserflasche das Haus verlässt, erfährt nie, dass er auch ohne sie nicht umgekippt wäre. Er erfährt nur, dass er mit ihr nicht umgekippt ist. Die Flasche bekommt den Verdienst, und die Angst behält recht.
Dazu kommt etwas, das man von außen kaum sieht. Jede Absicherung ist ein kleines Misstrauensvotum gegen dich selbst. Sie sagt dir, dass du so, wie du bist, nicht ausreichst. Und weil das Absichern nie fertig wird, teilt sich die Welt nach und nach in sichere und unsichere Zonen. Am Ende ist das Zuhause oft der einzige Ort, an dem alles einmal geprüft wurde. Draußen ist das Leben in Bewegung, und nichts davon lässt sich vorher abhaken. Für viele beginnt die Angst deshalb schon an der eigenen Haustür.
Und dann gibt es eine Absicherung, die nach innen geht, das ständige Horchen. Es fühlt sich an wie ein Frühwarnsystem. Tatsächlich hält es den Alarm am Laufen. Wer sich unentwegt selbst überwacht, ist nicht in der Welt, sondern auf einem Zuschauerplatz, und dieser Platz ist bereits ein Zustand von Bedrohung. Wie sehr sich dieses Beobachten von echtem Nachdenken über dich unterscheidet, zeigt Selbstbeobachtung oder Selbstreflexion.

Zwei Arten von Kontrolle

Damit sind wir bei dem Gedanken, um den es mir in diesem Beitrag geht. Wir benutzen das Wort Kontrolle für zwei sehr verschiedene Dinge. Die Angst vor der Angst lebt davon, dass wir sie verwechseln.
Die eine Kontrolle ist die über die Welt. Ob der Kunde zusagt oder ob dein Herz in der nächsten Stunde einmal stolpert. Darüber hat niemand Kontrolle. Dein Körper gehört in diesem Sinn zur Welt. Er verdaut und heilt, ohne dich zu fragen, und das ist ein Glück, denn du wärst damit hoffnungslos überfordert.
Die andere Kontrolle meint etwas ganz anderes. Sie meint nicht, dass alles nach deinem Plan läuft, sondern dass du in dem, was in dir geschieht, zu Hause bist. Dass ein Gefühl kommen kann, ohne dass du dich darin verlierst. Dass du weißt: Das gehört zu mir, und ich bin noch da, während es da ist. Man könnte es auch Halt nennen. Wer diesen Halt hat, muss die Welt nicht festhalten. Er kann sich auf sie einlassen und auf das antworten, was sie ihm entgegenbringt.
Die Angst vor der Angst entsteht sehr oft dort, wo diese zweite Kontrolle fehlt. Wer sich innen nicht sicher fühlt, versucht, die Sicherheit außen herzustellen. Er plant, sichert ab, überwacht und hält fest, und zwar genau das, was sich nicht festhalten lässt. Das muss scheitern, und jedes Scheitern fühlt sich an wie ein Beweis, dass noch mehr Kontrolle nötig ist. So steckt ein Mensch immer mehr Kraft in die Kontrolle nach außen und findet innen immer weniger Halt. Denn jede Minute, die du mit Überwachen verbringst, verbringst du nicht bei dir.
Stell dir einen Segler vor, der seinem eigenen Boot nicht traut. Er verbringt seine Tage damit, Wetterberichte zu lesen und jede Wolke zu deuten. Das Meer wird dadurch kein bisschen berechenbarer. Wer dagegen sein Boot kennt, wer weiß, wie es sich in Schräglage anfühlt und dass es sich wieder aufrichtet, kann auch bei Wind hinausfahren. Er hat das Wetter nicht im Griff. Er kennt das, worauf er steht.
Richtet sich diese Unruhe auf andere Menschen, wird daraus leicht Kontrolle über das Team oder den Partner. Wie das in der Führung aussieht, beschreibt Mikromanagement. Bei der Angst vor der Angst richtet sich die Kontrolle nach innen, auf das eigene Erleben. In beiden Fällen soll etwas Unkontrollierbares festgehalten werden, weil der eigene Boden fehlt.

Wer hat dir beigebracht, was deine Gefühle bedeuten?

Woher kommt es, dass ein Mensch im eigenen Inneren keinen Halt findet? Ein Kind kommt nicht mit einer fertigen Deutung seiner Gefühle auf die Welt. Es spürt etwas, ein Ziehen im Bauch oder einen Druck im Hals, und lernt über Jahre, was das ist. Dieses Lernen geschieht in Beziehung. Ein Erwachsener schaut hin und nimmt das Gefühl ernst, und das Kind macht die Erfahrung, dass das, was in ihm passiert, einen Sinn hat und dass es ihn selbst erkennen kann.
Bei vielen ist es anders gelaufen. „Du bist doch gar nicht müde.“ „Davor musst du wirklich keine Angst haben.“ In solchen Sätzen wird einem Kind nicht nur ein Gefühl abgesprochen. Ihm wird die Deutung seines eigenen Erlebens abgenommen. Jemand anderes weiß besser, was in ihm vorgeht. Ich nenne das, was dabei verloren geht, Deutungshoheit, und wie sie Kindern im ganz normalen Familienalltag abhandenkommt, beschreibe ich in Bindungsstrategien.
Für die Angst vor der Angst gibt es noch eine zweite Variante, die seltener erkannt wird, weil sie nach Fürsorge aussieht. Manche Kinder wachsen bei Eltern auf, die selbst in Sorge leben. Jedes Husten wird kommentiert und jede Blässe. „Ist dir schlecht? Du bist ja ganz weiß im Gesicht.“ Hier wird das Gefühl nicht kleingeredet, sondern zum Alarm gemacht. Das Kind lernt, dass das, was sich in seinem Körper regt, gefährlich sein könnte und dass man es besser im Auge behält.
In beiden Fällen lernt das Kind nicht, seinem eigenen Erleben zu trauen. Es lernt, nach außen zu schauen, um zu erfahren, was innen los ist. Am Gesicht der Mutter liest es ab, ob der Sturz schlimm war. Als Erwachsener sucht es dieselbe Auskunft bei Suchmaschinen oder bei der Partnerin, und jede Auskunft beruhigt nur bis zum nächsten Signal.
Manchmal gibt es in einer Familie auch einen Menschen, der alle im Blick behält wie ein Fluglotse seinen Luftraum. Daneben lernt ein Kind, dass Kontrolle eine Form von Liebe ist. Gewählt haben die Erwachsenen das selten. Sie haben weitergegeben, was sie selbst in sich trugen.
Welche frühe Zeit dabei besonders berührt ist, lässt sich am Verhalten allein nicht ablesen. Es gibt aber Spuren. Fühlt sich deine Angst vor der Angst bodenlos an, wie ein Fallen ohne Halt, führt sie häufig in die allererste Phase, in der es darum geht, ob ein Kind überhaupt sicher ist (Vertrauen, bis etwa zum achten Lebensmonat). Kreist sie um die Sorge, dass dir unterwegs die Kraft ausgeht und dann niemand da ist, liegt die Spur oft in der Zeit der Versorgung (etwa acht Monate bis zweieinhalb Jahre). Geht es vor allem um den Moment, in dem du dich nicht mehr im Griff hättest, wenn Wut oder Tränen kommen, führt sie häufig in die Jahre, in denen ein Kind erfährt, ob sein Nein die Verbindung übersteht (Autonomie, etwa zweieinhalb bis vier Jahre). Und quält dich am meisten die Vorstellung, dass alle sehen, wie du zitterst, reicht die Spur oft in die Zeit, in der ein Kind gesehen werden wollte (Leistung, etwa vier bis sieben Jahre).
Das sind Richtungen, keine Zuordnungen. Dieselbe Angst kann aus verschiedenen Zeiten stammen, und viele finden sich in mehr als einer Spur wieder. Verlässlicher als jede Beschreibung ist die Frage, in welchem Moment es bei dir anspringt und wie es sich dann anfühlt. Die vier Phasen mit ihren Grundfragen findest du in Prägung in der Kindheit.

Der Kloß im Hals ist etwas, das dein Körper gerade tut

Es gibt einen Unterschied, der klein klingt und viel verändert. Wenn die Angst kommt, erleben die meisten sie als etwas, das ihnen geschieht. Sie springt einen an, sie überfällt einen. Der Kloß im Hals ist da, als hätte ihn jemand hineingelegt. Wer früh gelernt hat, dass die Deutung seines Inneren woanders liegt, erlebt das eigene Innere auch später oft als fremd.
Schau dir den Kloß einmal genauer an, vorausgesetzt, er ist ärztlich abgeklärt und es steckt nichts Körperliches dahinter. Dann ist so ein Kloß kein Fremdkörper, sondern eine Bewegung. Muskeln im Hals ziehen sich zusammen, und irgendetwas wird zurückgehalten, bevor es draußen ist. Dein Körper tut das gerade. Er tut es nicht gegen dich, sondern so, wie er es irgendwann gelernt hat, wahrscheinlich in Situationen, in denen es klug war, ein Wort oder einen Laut nicht herauszulassen.
Ich sage das nicht, um dir eine neue Pflicht aufzuladen, nach dem Motto: Du machst das, also hör auf damit. Das wäre nur eine weitere Form von Kontrolle. Ich sage es, weil es deine Lage verändert. Etwas, das dich überfällt, kannst du nur abwehren oder erdulden. Etwas, das dein eigener Körper tut, hat eine Richtung und einen Sinn, und es kann sich auch wieder lösen.
Oft steckt im Festhalten schon eine Antwort darauf, was hinter der Angst wartet. Ein Hals, der sich verschließt, hält häufig etwas zurück, das gesagt werden wollte. Eine Brust, die eng wird, hält manchmal einen Atemzug fest, aus dem ein Weinen werden könnte. Spannung ist sehr oft ein zurückgehaltener Impuls. Und die Angst, die Kontrolle zu verlieren, ist aus meiner Erfahrung häufig keine Angst vor einem Zusammenbruch, sondern vor dem, was dann herauskäme. Eine Wut, die nie sein durfte, oder eine Trauer, die zu groß schien. Wovor du dich fürchtest, ist dann nichts Fremdes, sondern etwas Eigenes, das nie einen Platz hatte.
Wenn du das nächste Mal so einen Moment erlebst, versuch nicht zuerst zu verstehen. Spür, wo es sitzt. Spür, ob es sich zusammenzieht und zurückweicht oder ob es nach vorn will. Manchmal zeigt sich ein Impuls in den Beinen, die gehen wollen, oder in den Händen, die etwas wegschieben möchten. Erst danach lohnt die Frage, was das bedeuten könnte. Die Antwort darauf gibst du dir selbst. Niemand weiß besser als du, was in deinem Körper gerade gemeint ist, auch kein Beitrag wie dieser.

Halt finden, ohne alles im Griff zu haben

Wenn die fehlende Kontrolle innen liegt, hilft es wenig, außen noch genauer aufzupassen. Was hilft, ist kleiner, und es fühlt sich am Anfang nicht nach Sicherheit an.
Wechsle die Blickrichtung. Die Angst vor der Angst geht durch deinen Körper wie ein Wachmann auf seiner Runde und sucht nach Auffälligkeiten. Halt entsteht eher, wenn du aus deinem Körper heraus in die Welt schaust. Nicht: Wie schlägt mein Herz? Sondern: Was sehe ich gerade, und worauf sitze ich? Das ist keine Ablenkung, sondern der Unterschied zwischen einem Menschen, der sich überwacht, und einem, der da ist. Wie du mit den Sinnen nachsiehst, ob in deinem Raum wirklich etwas bedrohlich ist, findest du in Angst oder Furcht.
Unterscheide die Vorstellung vom Moment. Die Angst vor der Angst lebt fast ganz in Bildern einer Zukunft, in der es schlimm wird und kein Ende nimmt. In diesen Bildern siehst du dich oft von außen, an der Kasse schwankend oder im Meeting, während alle herschauen. Im wirklichen Moment bist du nie von außen zu sehen, und kein Zustand im Körper bleibt ewig auf seinem Höhepunkt. Die Frage, was gerade jetzt tatsächlich los ist, holt dich aus dem Kino der Befürchtungen zurück in den Raum, in dem du sitzt.
Nimm dir die Deutung zurück. Wenn du ein Signal bemerkst, einen schnelleren Puls oder ein Ziehen in der Brust, hat die Angst schon ein Wort dafür, bevor du es selbst gespürt hast. Infarkt oder Ohnmacht. Versuch einmal, beim Spüren zu bleiben, bevor du benennst. Warm oder kalt, eng oder weit. Ein Herz, das schneller schlägt, ist zunächst einmal ein Herz, das schneller schlägt. Was es bedeutet, entscheidest du, und nicht die Stimme, die schon seit Jahren für dich deutet.
Und sichere dich ein wenig weniger ab. Nicht alles auf einmal und nicht als Mutprobe. Lass ab und zu die Wasserflasche zu Hause, oder setz dich einmal in die Mitte der Reihe. Nicht um dir etwas zu beweisen, sondern damit die Welt dir eine andere Antwort geben kann als die, die deine Absicherung seit Jahren vorwegnimmt. Wenn dir das allein zu groß ist, ist das kein Versagen. Genau dafür gibt es Begleitung, und bei einer Angststörung ist eine Psychotherapie der richtige Ort.

Warum dieser Halt in Begegnung wächst

Halt im eigenen Inneren lässt sich nicht herbeidenken. Wer versucht, die Angst vor der Angst mit Gedanken in den Griff zu bekommen, baut nur ein weiteres Kontrollsystem, diesmal im Kopf. Der fehlende Halt ist in Beziehung entstanden, dort, wo ein Kind mit seinem Inneren allein war oder wo ihm jemand anderes erklärt hat, was es fühlt. Deshalb wächst er auch am ehesten in Beziehung wieder.
Gemeint ist ein Mensch, der nicht mit erschrickt, wenn dein Herz rast, und der dir nicht sagt, was du fühlst, sondern dich fragt. Bei dem du erlebst, dass eine Welle kommt und geht, während jemand neben dir sitzt, und dass die Deutung dessen, was in dir passiert, bei dir bleiben darf. Mit der Zeit bemerkt dein Körper, dass er nicht mehr allein wachen muss. Und irgendwann gehst du aus dem Haus und merkst erst an der nächsten Ecke, dass du vergessen hast, in dich hineinzuhorchen.
Wenn dich die Angst gerade überwältigt und du mit niemandem sprechen kannst, erreichst du die Telefonseelsorge jederzeit und anonym unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In einer akuten Notlage wähl die 112. Und wenn die Angst seit Wochen bestimmt, wohin du gehst, ist eine psychotherapeutische Behandlung der richtige nächste Schritt. Was Begleitung und Therapie unterscheidet, kannst du in Coaching oder Therapie nachlesen.
Mehr darüber, wie Angst und Prägung zusammenhängen, findest du unter Grundlagenwissen.
Quellen und Bezüge2 Quellen
Reiss, S. / Peterson, R. A. / Gursky, D. M. / McNally, R. J. — Anxiety sensitivity, anxiety frequency and the prediction of fearfulness Behaviour Research and Therapy 24 (1), 1986, S. 1–8.
Salkovskis, P. M. — The Importance of Behaviour in the Maintenance of Anxiety and Panic: A Cognitive Account Behavioural and Cognitive Psychotherapy 19 (1), 1991, S. 6–19.
Erik Rulands
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