Es ist kurz nach elf am Abend, und dein Daumen findet die Stelle am Hals wieder. Unter dem Kiefer sitzt ein kleiner Knoten, vielleicht so groß wie eine Erbse. Du hast ihn heute schon sechsmal ertastet. Größer geworden ist er wohl nicht, aber du drückst jedes Mal ein wenig fester, und inzwischen tut die Stelle tatsächlich weh. Neben dir liegt das Handy. Du weißt, dass du nicht schon wieder suchen solltest, und suchst trotzdem. Nach zwanzig Minuten bist du bei einer Krankheit angekommen, deren Namen du am Morgen noch nicht kanntest. Wenn dir das vertraut vorkommt, kennst du die Angst vor Krankheiten von innen.
Eine Woche später sitzt du bei deiner Hausärztin. Sie tastet den Hals ab und schaut dich dabei an. Ein Lymphknoten, sagt sie, nach einem Infekt ganz gewöhnlich. Auf der Treppe nach unten bist du so leicht wie seit Wochen nicht mehr. Die Leichtigkeit hält bis zur Straßenecke. Dort fragst du dich, ob sie wirklich gründlich genug war und ob man nicht doch einen Ultraschall hätte machen sollen.
Vielleicht ist es bei dir statt des Halses das Herz, das manchmal stolpert, ein Kribbeln in den Fingern, ein Muttermal, das du jeden Morgen im Spiegel vergleichst, oder ein Kopfschmerz, hinter dem du jedes Mal mehr vermutest. Das Muster ist dasselbe. Ich möchte dir eine Sicht darauf anbieten, die genau bei dieser Treppe ansetzt, bei der Frage, warum die Erleichterung so groß ist und so schnell wieder vergeht. Darin steckt ein Hinweis darauf, wonach du eigentlich suchst.
Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt, auch dann, wenn du schon oft deswegen in der Praxis warst und dich dafür schämst. Menschen mit Krankheitsangst werden genauso krank wie alle anderen, und eine Neigung zur Sorge schützt vor keinem Befund. Bei akuten Warnzeichen, etwa Brustschmerz mit Atemnot oder plötzlichen Lähmungen, ruf sofort die 112. Nichts in diesem Beitrag sagt, deine Beschwerden seien eingebildet oder „nur psychisch“. Was du spürst, ist echt. Worum es mir geht, ist etwas anderes, nämlich die Beziehung, die du zu deinem Körper hast, und die Beziehung zu den Menschen, bei denen du dir Gewissheit holst.
Wenn die Untersuchungen immer wieder unauffällig sind und die Angst trotzdem einen großen Teil deiner Tage bestimmt, hat sie einen Namen. Im internationalen Diagnosesystem ICD-11 heißt sie Hypochondrie, im amerikanischen Handbuch DSM-5 Krankheitsangststörung. Sie lässt sich gut behandeln. In einer großen britischen Studie um den Psychiater Peter Tyrer erhielten Patientinnen und Patienten aus Facharztambulanzen, von der Kardiologie bis zur Gastroenterologie, eine kognitive Verhaltenstherapie, die auf Krankheitsangst zugeschnitten war. Ihre Angst ging deutlich stärker zurück als bei denen, die die übliche Versorgung bekamen, und der Unterschied hielt über fünf Jahre. Wenn dich die Angst seit Monaten im Griff hat, ist eine psychotherapeutische Behandlung deshalb ein sehr guter nächster Schritt. Wie sich Begleitung und Behandlung unterscheiden, kannst du in
Coaching oder Therapie nachlesen. Was ich hier beschreibe, ist keine Diagnose aus der Ferne und ersetzt keine Behandlung.
Schau dir die Szene in der Praxis noch einmal genau an. Was genau hat dich so erleichtert?
Die naheliegende Antwort ist der Befund. Aber den Befund kanntest du schon vom letzten Mal, und er hat dich auch damals nur kurz beruhigt. Wenn es um Information ginge, müsste die Erleichterung mit jeder unauffälligen Untersuchung wachsen. Bei den meisten Menschen mit Krankheitsangst ist es umgekehrt. Mit jedem guten Befund wird der nächste nötiger.
Ich glaube, die Erleichterung kam aus etwas anderem. Für ein paar Minuten war ein Mensch ganz bei dir. Er hat dich angefasst und ernst genommen, was du gespürt hast. In diesem Raum warst du nicht allein mit deinem Körper. Und als du hinausgingst, war genau das vorbei.
Darin liegt vielleicht die schmerzhafteste Seite dieser Angst. Ein gesunder Befund beendet die Begegnung. Wer gesund ist, hat in der Praxis nichts mehr verloren und wird freundlich verabschiedet. Ein Teil von dir ist erleichtert, und ein anderer, leiserer Teil verliert in diesem Moment den einen Ort, an dem sich jemand verlässlich gekümmert hat. Deshalb kann sich „Sie haben nichts“ gleichzeitig wie eine gute und wie eine enttäuschende Nachricht anfühlen.
Wenn das so ist, dann lautet die Frage unter der Frage nicht: Bin ich krank? Sie lautet eher: Kümmert sich jemand um mich, wenn etwas mit mir ist? Auf diese Frage hat ein Blutbild keine Antwort, so gut es auch ausfällt.
Woher könnte so etwas kommen? Kinder finden sehr früh heraus, auf welchem Weg Zuwendung am verlässlichsten kommt, und gehen diesen Weg dann immer wieder. In
Bindungsstrategien beschreibe ich die Wege, die Kinder dafür finden. Einer davon ist, Sorge zu machen.
Stell dir eine Familie vor, in der viel gearbeitet wurde und wenig gefragt. Die Eltern waren müde oder in Sorge um Geld, vielleicht war ein Geschwisterkind da, das viel Aufmerksamkeit brauchte. Wenn das Kind traurig oder wütend war, hieß es: „Jetzt stell dich nicht so an“, und wenn es einsam war, hatte niemand Zeit. Aber wenn es Fieber hatte, änderte sich alles. Dann saß die Mutter auf der Bettkante, es gab Tee mit Honig, der Vater brachte ein Heft mit, und für zwei Tage war das Kind der Mittelpunkt des Hauses.
Niemand hat das so geplant, und es ist auch kein Vorwurf. Diese Eltern haben getan, was sie konnten, und das Kranksein war offenbar der Moment, in dem sie es konnten. Ein Fieber ist eindeutig, man kann es messen und weiß, was zu tun ist. Ein trauriges Kind dagegen stellt Fragen, auf die erschöpfte Erwachsene oft keine Antwort haben.
Das Kind lernt daraus etwas sehr Genaues. Gefühle haben in dieser Familie keine Adresse, der Körper schon, und wer Bauchweh hat, wird eher gesehen als jemand, der traurig ist. So beginnt ein Kind, ohne es zu wissen, seine Not in die eine Sprache zu übersetzen, die zu Hause verstanden wird.
Wichtig ist mir dabei: Das ist kein Simulieren. Das Bauchweh war echt. Ein Kind, das sich verlassen fühlt, spürt das tatsächlich im Bauch, und wenn genau dieses Bauchweh beantwortet wird, lernt es, auf diesen Teil seines Erlebens besonders genau zu achten. Was es nicht lernt, ist, dass auch das Gefühl dahinter eine Antwort verdient hätte.
Als Erwachsener ist diese Übersetzung oft noch in Betrieb, nur weißt du nichts mehr davon. Aus meiner Erfahrung kommen viele Gefühle bei Menschen mit dieser Geschichte zuerst als Körperempfindung an, und sie werden dann als Befund gelesen statt als Gefühl. Ein Druck auf der Brust nach einem Telefonat, in dem du dich nicht gesehen gefühlt hast. Ein Ziehen im Bauch am Sonntagabend, wenn die Wohnung still ist. Ein Kloß im Hals nach dem Besuch bei den Eltern. Eine bleierne Müdigkeit nach einem Abschied am Bahnhof, die sich anfühlt wie eine beginnende Grippe. Das alles sind echte Empfindungen. Die Frage ist, was du darin liest. Wer früh gelernt hat, dass der Körper die einzige anerkannte Adresse für Not ist, liest darin zuerst eine Krankheit und erst sehr viel später, wenn überhaupt, eine Einsamkeit.
Das heißt nicht, dass jeder Druck auf der Brust ein verkleidetes Gefühl ist. Manchmal ist er das Herz, und dann gehört er zum Arzt. Es heißt nur, dass sich dieselbe Empfindung auf zwei Wegen lesen lässt und dir einer davon nie beigebracht wurde. Probier einmal aus, beim nächsten Ziehen neben der Frage, was das sein könnte, auch zu fragen, was gerade vorher war. Mit wem hast du gesprochen, und was ist dabei offen geblieben? Fühlst du dich gerade allein? Manchmal wird die Empfindung dabei nicht kleiner, aber sie bekommt einen Zusammenhang, und vielen fällt es leichter, damit zu sein, als mit einem Signal, das aus dem Nichts zu kommen scheint.
Kaum etwas wirkt so schnell wie eine Rückversicherung. Du tastest die Stelle ab, und sie ist noch gleich groß. Du fragst deinen Partner, ob er sich das Muttermal ansehen kann, und er sagt, es sehe aus wie immer. Du misst noch einmal den Blutdruck. Du liest eine beruhigende Ratgeberseite. Für einen Moment ist es gut.
Dann kommt die Angst zurück, oft stärker als vorher. Wer sucht, findet beim nächsten Abtasten mit großer Wahrscheinlichkeit wieder etwas, das ihn beunruhigt, und ein Lymphknoten, der jeden Tag gedrückt wird, schmerzt irgendwann wirklich.
Bei der Suche im Netz kommt etwas hinzu. Die Informatiker Ryen White und Eric Horvitz haben ausgewertet, was Menschen finden, wenn sie nach gewöhnlichen Beschwerden suchen. Bei einem Kopfschmerz etwa stießen Suchende auffällig oft auf den Hirntumor, obwohl er als Ursache sehr selten ist, und ein Teil von ihnen landete im Lauf einer Suche bei immer ernsteren Krankheiten. Wer schon in Sorge ist, findet im Netz also eher eine Auswahl, die zur Sorge passt, als mehr Gewissheit.
Wie das Absichern bei der Angst vor den eigenen Körpersignalen insgesamt funktioniert, steht in
Angst vor der Angst. Hier geht es mir um einen anderen Punkt. Rückversicherung ist bei der Angst vor Krankheiten mehr als eine Kontrolle. Fast immer ist sie auch ein Beziehungsangebot. Die Frage „Kannst du mal fühlen?“ meint vielleicht auch: Bleib einen Moment bei mir. Wer gefragt wird, hört die Frage nach dem Muttermal und antwortet auf diese. Mit der Zeit antwortet er ungeduldiger, weil er sie schon so oft gehört hat. Dann rückt das, was eigentlich Nähe herstellen sollte, die Menschen auseinander.
In vielen Partnerschaften sitzt die Sorge irgendwann wie ein Dritter mit am Tisch. Man spricht über Termine und Befunde, und darüber, wie es euch beiden eigentlich geht, spricht man kaum noch.