Sich über die Arbeit definieren: Wenn die Rolle dich auffrisst
Eine Funktion übst du aus, in eine Rolle ziehst du ein. Warum die Grenze innen liegt, was das mit deiner Kindheit zu tun hat und warum der Ausstieg nach zehn Jahren selten befreit.
Das Telefon klingelt, auf dem Display steht der Name eines Kunden, und noch bevor du abnimmst, verändert sich etwas an dir. Die Stimme rutscht in eine andere Lage, die Schultern richten sich auf, und ein Lächeln ist schon da, bevor es einen Grund dafür gibt. Nach dem Gespräch legst du auf und weißt für einen Moment nicht genau, wer da gerade gesprochen hat.
Oder die Frage auf einem Geburtstag: „Und, was machst du so?“ Du antwortest mit deiner Position und deiner Firma. Dann fragt jemand weiter, was dir abseits der Arbeit Freude macht, und auf einmal entsteht eine Pause, die dir unangenehm ist. Oder dein Kind will am Küchentisch wissen, warum du redest wie in einer Besprechung. Du lachst darüber, aber der Satz bleibt hängen.
Wer selbstständig ist oder führt, kennt es oft, sich über die Arbeit zu definieren, und hält es lange für eine Tugend. Vielleicht hast du den Satz „Ich bin nicht mein Job“ schon einmal gedacht und gleich wieder verworfen, weil er nach Kalenderspruch klingt. Ich halte ihn für ernster. Engagement ist nicht das Problem. Das Problem beginnt an einer Stelle, die man von außen nicht sieht.
Eine Funktion übst du aus, in eine Rolle ziehst du ein
Nimm eine Steuerberaterin. Sie kann ihre Arbeit als sie selbst machen, mit ihrer eigenen Art zu lachen und ihrer eigenen Ungeduld, wenn ein Mandant zum dritten Mal die Belege vergisst. Abends klappt sie den Laptop zu, und die Funktion bleibt im Büro. Sie kann aber auch zur Steuerberaterin werden. Dann prüft sie beim Abendessen, ob die Geschichten ihrer Freunde in sich schlüssig sind, und fühlt sich im Urlaub merkwürdig unvollständig, weil niemand etwas von ihr will, das sie kann.
Im Lateinischen hieß die Maske, die ein Schauspieler auf der Bühne trug, persona. Daraus ist unser Wort Person geworden, und es beschreibt ziemlich genau, was geschieht, wenn eine Funktion zur Rolle wird. Die Maske wächst an. Irgendwann merkst du nicht mehr, dass du sie trägst, und hältst sie für dein Gesicht.
Ein Gegenbild ist die freiwillige Feuerwehr. Wenn der Alarm geht, leitet einer den Einsatz. Am nächsten Morgen steht er beim Bäcker in der Schlange und ist wieder der Nachbar. Er hat die Funktion übernommen, solange sie gebraucht wurde, und sie dann abgelegt. Eine Rolle legt man nicht ab. Sie läuft weiter, auch wenn längst kein Einsatz mehr ist.
Das Entscheidende ist, dass die Grenze zwischen beidem innen liegt. Zwei Menschen können in derselben Besprechung dieselben Sätze sagen und dieselben Entscheidungen treffen. Der eine ist dabei bei sich, der andere hat sich verlassen. Von außen sieht man keinen Unterschied. Du spürst ihn trotzdem, meistens als leise Frage, ob das gerade wirklich du warst.
Je weiter du und deine Rolle auseinanderliegen, desto stiller wird es in dir
Eine Rolle hat eigene Regeln. Müdigkeit passt selten hinein, Zweifel auch nicht, und Lust auf etwas, das keinen Zweck hat, schon gar nicht. Was nicht hineinpasst, wird nicht abgeschafft. Es wird nur nicht mehr gelebt.
Aus meiner Erfahrung entsteht daraus eine besondere Art von Traurigkeit. Sie ist nicht laut, sie liegt eher wie ein Grauschleier über Tagen, die eigentlich gut laufen. Je weiter du und deine Rolle auseinanderliegen, desto stiller wird diese Traurigkeit, und desto weniger erkennst du sie als das, was sie ist. Du nennst sie Stress, oder du hältst sie für etwas, das zum Älterwerden gehört.
Dein Körper ist an dieser Stelle ehrlicher als dein Kalender. Achte einmal darauf, nach welchen Terminen du erschöpft bist. Ein langer Tag an einer schwierigen Aufgabe kann dich müde machen und trotzdem zufrieden. Eine halbe Stunde, in der du jemanden beeindrucken musstest, lässt dich manchmal leerer zurück als ein ganzer Arbeitstag. Gespräche, in denen die Rolle spricht, kosten Kraft, weil die ganze Zeit jemand danebensteht und aufpasst, wie es ankommt.
Dieser Jemand bist du. Wer in einer Rolle lebt, ist im Grunde zu zweit, einer redet, und einer schaut zu und bewertet. Das macht müde, und es macht einsam, selbst in einem vollen Raum. Wenn daraus mit der Zeit ein Zustand wird, in dem dich kaum noch etwas berührt, ist innere Leere das genauere Wort dafür.
Deine Rolle ist älter als dein Job
Die meisten haben ihre Rolle schon, lange bevor sie ihren ersten Arbeitsvertrag unterschreiben. Kinder brauchen Bindung, und sie finden heraus, womit sie sie sichern. Das eine Kind wird der gute Sohn, der keine Sorgen macht. Das andere wird die Nette, die spürt, wann die Stimmung kippt, und sie rettet, bevor jemand laut wird. Am Anfang ist das eine kluge Antwort auf eine Lage, die ein Kind nicht ändern kann. Mit den Jahren wird die Antwort immer besser. Sie wird professionell.
Und eine professionalisierte Rolle zahlt sich aus. Die Verwandten mögen dich, die Lehrer auch, später der Chef und die Kunden. Der Beruf ist dann oft nur die nächste Bühne für ein Stück, das du schon sehr lange spielst. Der gute Sohn wird der Geschäftsführer, auf den sich alle verlassen. Die Nette wird die Beraterin, bei der sich jeder Kunde wie der wichtigste fühlt.
Woher so eine Rolle stammt, lässt sich an ihrem Inhalt nicht ablesen. Häufig führt die Spur in die Jahre zwischen etwa vier und sieben, in denen die Frage lautet: Darf ich gesehen werden? Dann bröckelt die Rolle vor allem dort, wo die Anerkennung ausbleibt, und es fühlt sich an, als wärst du unsichtbar geworden. Sehr oft führt sie auch in die Zeit davor, etwa zweieinhalb bis vier Jahre, in der es darum geht, ob ein Kind Nein sagen darf. Dann wird es vor allem eng, sobald die Rolle verlangt, dass du etwas Eigenes zurückstellst. Verlässlicher als jede Zuordnung ist der Moment, in dem es bei dir kippt, und wie er sich anfühlt. Wie die Phasen zusammenhängen, steht in Prägung in der Kindheit.
Eine Folge haben beide Spuren gemeinsam. Wer in einer Rolle lebt, folgt nicht seinen Impulsen, sondern dem, was die Rolle vorsieht. Ein Ärger, der im Moment ausgesprochen werden darf, ist meistens schnell vorbei. Ein kurzes „Das sehe ich anders“, und die Sache ist erledigt. Die Rolle erlaubt diesen Satz nicht, weil der gute Sohn nicht widerspricht und die Nette keinen Ärger macht. Also bleibt der Ärger, und weil am nächsten Tag der nächste Anlass kommt, sammelt er sich.
Gestaute Wut sucht sich Wege. Bei manchen wird sie zu einer Schwere, die sich über alles legt. Bei anderen wird sie zu einer Gereiztheit, die ausgerechnet die trifft, die am wenigsten dafür können, die Kinder am Abend oder den Mitarbeiter mit der harmlosen Frage. Und manchmal bricht sie in einem Moment heraus, der mit dem Anlass in keinem Verhältnis steht. Was zurückgehaltene Wut auf Dauer mit Körper und Stimmung macht, ist das Thema von Unterdrückte Wut.
Führungskräfte schützt die Rolle außerdem davor, den Menschen gegenüber ganz zu spüren. Das macht manches leichter, das Kündigungsgespräch etwa oder die Absage an den Lieferanten, mit dem man seit zwanzig Jahren arbeitet. Aber eine Entscheidung, die du als Rolle triffst, bleibt deine Entscheidung, und die Verantwortung dafür auch. Wer nur noch die Rolle sprechen lässt, sieht irgendwann Kostenstellen, wo Menschen sitzen, und wundert sich, warum er sich trotz sauberer Abläufe nicht gut fühlt.
Willst du etwas sagen oder einen Eindruck machen?
Wenn du etwas ausdrücken willst, bist du bei der Sache und bei deinem Gegenüber. Du schaust aus deinen eigenen Augen in den Raum, und die Worte kommen, weil etwas gesagt werden will. Wenn du einen Eindruck machen willst, schaust du auf dich, und zwar mit den Augen der anderen. Du prüfst, wie du wirkst, und korrigierst nach, noch während du redest. Es bleibt ein Steuern, und dein Gegenüber spürt das, auch wenn es nicht benennen kann, was es spürt.
Ausdruck heißt nicht, in der Verhandlung alles zu sagen, was dir durch den Kopf geht. Es heißt, dass das, was du sagst, aus dir kommt und nicht aus der Überlegung, welches Bild der andere von dir haben soll. Echt bist du dann nicht für die anderen, sondern für dich.
Wer heute als Selbstständiger sein Profil und seine Marke pflegt, steht ständig vor der Versuchung, die Maske noch schöner zu machen. Davon handelt der Essay über den Selbstoptimierungswahn. Mich interessiert hier etwas Schlichteres. Jede Stunde, in der du Eindruck machst, statt dich auszudrücken, vergrößert den Abstand zwischen dir und deiner Rolle ein kleines Stück.
Zehn Jahre durchziehen, und dann bist du frei?
Viele, die das alles ahnen, haben einen Plan. Noch zehn Jahre richtig ranklotzen und dann die Firma verkaufen. Dann aussteigen und endlich leben. Ich verstehe diesen Plan gut, und ich halte ihn für einen der teuersten Irrtümer, die Unternehmer machen können. Nicht, weil das Geld falsch wäre. Sondern weil er davon ausgeht, dass am Ende derselbe Mensch aussteigt, der heute einsteigt.
Zehn Jahre in einer Rolle leistet man nicht ab, man wird in ihnen geformt. Die Wachsamkeit, die nie ganz abschaltet, und der Blick, der in jedem Gespräch zuerst nach dem Nutzen sucht, sind danach keine Arbeitstechnik mehr. Sie sind die Art, wie du die Welt siehst, und die gibst du am Tag des Verkaufs nicht mit dem Schlüsselbund ab. Man geht unterwegs verloren, nicht auf einen Schlag, sondern in vielen kleinen Momenten, in denen die Rolle wichtiger war als das, was du gerade gespürt hast.
Am Ende solcher Pläne liegt fast immer ein Erlösungsort, die Finca oder das Boot, an dem endlich alles gut wird. Solange du auf ihn zuläufst, trägt dich die Bewegung, und du merkst nicht, wie viel von dir am Wegrand liegen bleibt. Erst wenn du ankommst und es still wird, zeigt sich, was du in all den Jahren vor allem gelernt hast, nämlich zu kämpfen.
Und den Kampf nimmst du mit. Stell dir einen Mann vor, der seine Firma verkauft hat und endlich segelt. Nach einem Jahr kennt er die Wetterdaten jedes Hafens in seinem Revier und plant jeden Törn wie ein Quartal. Über jede Stunde, die er gegen den Wind verliert, ärgert er sich, als wäre ihm ein Auftrag entgangen. Die Yacht hat seine Haltung nicht verändert, sie hat ihr nur ein neues Gelände gegeben.
In Erfolgreich, aber unglücklich geht es um das Publikum, für das viele ihren Erfolg erarbeiten. Hier geht es um die Haltung, die beim Erarbeiten entsteht und bleibt, ganz gleich, ob jemand zusieht.
Warum mehr Personal dich nicht befreit
Die zweite verbreitete Hoffnung ist praktischer. Wenn ich erst genug gute Leute habe, muss ich nicht mehr alles selbst tragen. Arbeit lässt sich tatsächlich verteilen, Verantwortung auch. Was sich nicht verteilen lässt, ist die Art, wie du auf dich selbst schaust. Wer sich bedient wie eine Maschine, mit Wochenplan und Kennzahlen bis hinein in die eigene Erholung, tut das auch mit einer zweiten Geschäftsführerin an seiner Seite. Die Maschine wird größer, ihre Logik bleibt.
Ein Unternehmen braucht Strukturen, und wer es führt, hat darin eine Funktion. Die Frage ist, ob du innerhalb dieser Strukturen noch als Mensch vorkommst, ob du in der Besprechung aus deinen eigenen Augen schaust oder von außen auf dich, als Teil eines Apparats, der funktionieren muss. Ich sehe ein Unternehmen als Ausdehnung der inneren Struktur dessen, der es führt. Wenn du dich selbst wie ein Werkzeug behandelst, wird dein Unternehmen mit der Zeit auch die Menschen darin so behandeln. Bei Führungskräften in der Mitte zeigt sich das oft als ein Tragen ohne Ende, wie es in Führungskraft überfordert geschildert ist. Bei Unternehmern eher als eine Freiheit, die sie sich längst leisten könnten und trotzdem nicht nehmen.
Wohlstand ist nicht Freiheit
An diesem Satz halte ich fest, gerade bei Menschen, die es von außen betrachtet geschafft haben. Geld kann dir Zeit kaufen, und das ist nicht wenig. Wer für seine Familie sorgen will, und dieser Antrieb steckt hinter erstaunlich vielen Unternehmerleben, braucht wirtschaftlichen Erfolg. Ich halte Erfolg und Zeit für die Menschen, die du liebst, auch nicht für Gegensätze. Aber die Freiheit, um die es mir im Kern geht, lässt sich nicht kaufen. Es ist die emotionale. Frei zu sein von der inneren Spannung, die dich auch dann noch antreibt, wenn draußen längst nichts mehr brennt. Am Sonntag einfach Vater oder Mutter sein zu können, ohne dass innen der Geschäftsführer weiterläuft.
Diese Freiheit hängt nicht am Kontostand. Es gibt Menschen mit kleinem Vermögen, die sie haben, und Menschen mit großem, die sie nie hatten. Sie hängt viel eher daran, wie weit du und deine Rolle auseinanderliegen. Je näher ihr beieinander seid, desto weniger musst du ablegen, wenn du nach Hause kommst, und desto weniger brauchst du einen Erlösungsort am Ende des Plans.
Wie du in deiner Arbeit wieder vorkommst
Es geht nicht darum, den Job hinzuwerfen. Du darfst Chefin sein, ohne die Chefin zu werden. Der Weg dahin beginnt damit, den Unterschied im Moment zu bemerken und nicht erst im Rückblick.
Achte auf die Schwelle, an der die Rolle einrastet, beim Klingeln des Telefons etwa oder beim Schritt in den Besprechungsraum. Wenn du merkst, dass sich deine Stimme verändert oder dein Gesicht sich ordnet, frag dich kurz, ob hier gerade jemand eine Aufgabe erfüllt oder ob du dich verlässt. Die Antwort kommt meistens sofort, und selten aus dem Kopf. Und wenn du nach einem kurzen Termin leer bist, frag nicht, was mit dir nicht stimmt, sondern wer dort gesessen hat.
Lass einen Satz durch, den die Rolle nicht vorsieht. Ein „Das weiß ich gerade nicht“ vor deinem Team, oder ein Widerspruch, den du sonst hinunterschluckst, im Moment, solange er noch klein ist. Oft wird das Gespräch dann nicht schwieriger, sondern leichter, weil auf beiden Seiten jemand sitzt. Und schau, ob es Menschen gibt, bei denen du nichts können und nichts darstellen musst. Wenn dir lange niemand einfällt, zeigt dir das, wie weit die Rolle schon in dein Leben hineingewachsen ist.
Vielleicht merkst du, dass sich das leichter liest, als es sich umsetzen lässt. Eine Rolle aus der Kindheit ist in Beziehung entstanden, als Antwort auf Menschen, die man nicht verlieren durfte. Sie lockert sich am ehesten dort, wo dir jemand gegenübersitzt, der nichts von deiner Rolle braucht. Erst in so einem Kontakt erlebst du, dass du auch ohne die Maske gemeint sein kannst.
Wenn aus der stillen Traurigkeit über Wochen eine Antriebslosigkeit wird, aus der du morgens kaum herausfindest, oder wenn Gedanken kommen, nicht mehr leben zu wollen, sprich bitte mit deiner Ärztin oder einem Psychotherapeuten. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichbar, im Notfall wähle die 112.
Weitere Beiträge über Führung und das, was darunter liegt, findest du unter Geld & Business.
Quellen und Bezüge2 Quellen
Ashforth, B. E. & Mael, F. (1989) — Social identity theory and the organization. Academy of Management Review 14 (1), S. 20–39.
DOI: 10.2307/258189
Maslach, C. & Leiter, M. P. (2016) — Understanding the burnout experience: Recent research and its implications for psychiatry. World Psychiatry 15 (2), S. 103–111.
DOI: 10.1002/wps.20311
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