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Erik RulandsMit Erik sprechen

Lampenfieber:Warum es nicht hilft, dich von außen zu sehen

Die meisten Tipps gegen Lampenfieber bringen dich auf Abstand zu dir selbst. Dabei entsteht die Angst genau dort, wo du dir beim Reden von außen zusiehst.

Erik RulandsErik Rulands · 19. Oktober 2026 · 11 Min. Lesezeit
Ein kleiner leerer Saal mit Stuhlreihen unter einem Gewölbe, durch ein Fenster fällt Tageslicht
Fast jeder Tipp gegen Lampenfieber bringt dich ein Stück weiter von dir weg. Dabei entsteht die Angst genau dort, an dem Platz außerhalb von dir, von dem aus du dir beim Reden zusiehst.
Dein Name wird aufgerufen, und auf dem Weg nach vorn fühlen sich deine Beine an, als gehörten sie jemand anderem. Am Pult hörst du deine eigene Stimme, als käme sie aus dem Nebenraum, ein wenig zu hoch und zu schnell. Du siehst dich selbst dort stehen, mit dem Klicker in der Hand, du siehst, dass deine Hand zittert, und weil du es siehst, zittert sie mehr.
Hinterher weißt du genau, an welcher Stelle du dich versprochen hast. Was du nicht weißt, ist, wer in der ersten Reihe saß und ob irgendwer gelächelt hat. Du warst zwanzig Minuten in diesem Raum und hast ihn kaum gesehen.
Im Videocall ist es kleiner und kaum weniger anstrengend. Unten rechts läuft dein eigenes Bild mit, und du schaust öfter hinein als in die Gesichter der anderen. Du prüfst, ob du interessiert genug aussiehst, während jemand etwas erzählt, das du eigentlich hören wolltest.
Wer das kennt, hat meistens schon einiges ausprobiert, Atemtechniken zum Beispiel oder kluge Sätze über Lampenfieber als gute Energie. Manches davon hilft für den Moment. Aber das Grundgefühl bleibt, und vor dem nächsten wichtigen Auftritt ist es wieder da. Ich glaube, das liegt daran, dass die meisten Ratschläge an der falschen Stelle ansetzen.

Die meisten Tipps arbeiten mit Abstand

Schau dir an, was einem gegen Lampenfieber üblicherweise empfohlen wird. Stell dir das Publikum in Unterwäsche vor. Sieh dich wie in einem Film, wie du souverän auf der Bühne stehst. Übe vor dem Spiegel. Nimm dich auf und schau dir die Aufnahme an. Stell dir vor, du schwebst über der Szene und betrachtest alles aus sicherer Entfernung.
Fast alle diese Ratschläge haben etwas gemeinsam. Sie bringen dich in eine Position außerhalb von dir. Du wirst zum Bild auf einer Leinwand oder zum Gesicht im Spiegel. Das kann die Angst kurzfristig senken, denn was man von außen sieht, spürt man weniger stark.
Manches davon hat seinen Sinn. Eine Aufnahme kann dir zum Beispiel zeigen, dass du von außen viel ruhiger wirkst, als du dich fühlst, und das ist eine wertvolle Korrektur. Als Dauerhaltung hat der Blick von außen aus meiner Erfahrung aber einen Preis. Du übst damit genau die Haltung, in der Lampenfieber überhaupt erst entsteht. Je öfter du dich von außen betrachtest, desto selbstverständlicher wird dieser Platz neben dir. Und desto schwerer wird es, im entscheidenden Moment einfach da zu sein.

Wo du bist, wenn die Angst kommt

Probier etwas aus, es dauert nur einen Moment. Denk an eine Situation, in der du vor anderen gesprochen hast und nervös warst, bei einem Vortrag oder vielleicht nur in einer Vorstellungsrunde. Und jetzt achte darauf, was du vor deinem inneren Auge siehst. Schaust du aus deinen eigenen Augen in den Raum, auf die Gesichter und die Stuhlreihen? Oder siehst du dich selbst dort stehen?
Viele Menschen mit Lampenfieber sehen sich selbst. Denk zum Vergleich an einen Abend, an dem du dich wohlgefühlt hast, ein Essen mit Freunden oder einen Spaziergang am Meer. Sehr oft schaust du dann aus deinen eigenen Augen.
Dieser Unterschied ist auch in der Forschung aufgefallen. Eine Forschungsgruppe um die Psychologen Adrian Wells und David Clark bat 1998 Menschen mit einer sozialen Angststörung, sich an unangenehme soziale Situationen zu erinnern. Sie sahen sich dabei deutlich häufiger von außen als Menschen ohne diese Angst. Bei Erinnerungen an Situationen ohne andere Menschen gab es diesen Unterschied nicht. Lampenfieber ist keine soziale Angststörung. Aber der Mechanismus zeigt in dieselbe Richtung.
Was heißt das für dich? In dem Moment, in dem die Angst kommt, bist du nicht im Raum. Du bist in einem Bild vom Raum, und du siehst dich darin mit den Augen des Publikums. Von dort aus wird jedes Publikum zur Jury. Dabei gibt es diesen Blick im Raum gar nicht. Niemand dort sieht dich so, wie du dich in diesem Moment siehst. Die Menschen in den Reihen denken an ihren nächsten Termin oder an das, was du gerade sagst. Der strenge Blick, unter dem du stehst, ist aus vielen Gesichtern zusammengesetzt, und die meisten davon sind gar nicht anwesend.

Eindruck machen oder etwas sagen wollen

Es gibt eine Situation, in der fast niemand Lampenfieber hat. Du stehst mit einer Freundin in der Küche und erzählst ihr von etwas, das dich gerade wirklich beschäftigt. Du bist vielleicht aufgeregt und suchst nach Worten. Aber du beobachtest dich nicht. Deine Aufmerksamkeit ist bei der Sache und bei ihr, bei ihrem Gesicht und bei der Frage, ob sie versteht, was du meinst.
Der Unterschied zur Bühne ist nicht die Zahl der Menschen. Es ist die Absicht. In der Küche willst du etwas sagen. Auf der Bühne willst du oft vor allem einen Eindruck machen. Und wer einen Eindruck machen will, muss ständig prüfen, ob er gelingt. Die Aufmerksamkeit dreht sich um und richtet sich auf dich selbst.
Viele berufliche Auftritte sind genau so gebaut. Beim Pitch oder im Bewerbungsgespräch dreht sich scheinbar alles darum, wie du wirkst. Das lässt sich nicht immer ändern. Aber du kannst dich vorher fragen, was du diesen Menschen eigentlich mitteilen willst. Nicht, wie du wirken willst, sondern was du ihnen geben willst, das sie vorher nicht hatten. Wer darauf eine Antwort hat, schaut beim Sprechen eher nach draußen.
Das unterscheidet Lampenfieber übrigens von der Angst, überhaupt sichtbar zu werden. Wer seine Texte nie veröffentlicht oder sein Angebot nicht zeigt, kämpft mit einem älteren Urteil über das Gesehenwerden, darum geht es in Angst vor Sichtbarkeit. Lampenfieber kann auch Menschen treffen, die sich gern zeigen. Bei ihnen geht es weniger um das Ob als um das Wo: um die Position, aus der sie im entscheidenden Moment auf sich schauen.

Warum dich ein Vortrag so erschöpft

Viele Menschen sind nach einem halbstündigen Vortrag so müde wie nach einem ganzen Arbeitstag. Das liegt selten am Sprechen. Es liegt daran, dass sie zwei Dinge gleichzeitig getan haben. Sie haben gesprochen, und sie haben sich dabei die ganze Zeit selbst Regie geführt. War der Satz zu lang? Hat der Mann in der dritten Reihe gerade auf die Uhr geschaut? Diese innere Regie arbeitet ohne Pause, und sie ist sehr anstrengend.
Sie erklärt auch die Versprecher. Wer spricht und sich gleichzeitig zuhört, unterbricht sich ständig selbst. Irgendwann kommt der Kommentar dem nächsten Satz in die Quere, und der Faden reißt. Der gefürchtete Moment, in dem plötzlich alles weg ist, ist oft der Moment, in dem der Beobachter die ganze Aufmerksamkeit an sich gezogen hat. Für das, was du sagen wolltest, ist dann kein Platz mehr.
Wie unterschiedlich die Position sein kann, aus der man sich zusieht, steht in Was ist Narzissmus? Es lohnt sich, deine zu kennen. Denn wer weiß, von wo er sich anschaut, bemerkt schneller, wenn er wieder dort ist.

Vor der Kamera sitzt der Zuschauer schon im Gerät

Vor der Kamera ist das alles noch schwieriger, und das hat einen einfachen Grund. Auf der Bühne gibt es wenigstens echte Gesichter, die antworten, mit einem Nicken oder einem Stirnrunzeln. Eine Kamera antwortet nie. Sie ist ein Auge ohne Gesicht, und viele füllen diese Leere mit dem strengsten Blick, den sie kennen.
Dazu kommt, dass du dich vor der Kamera fast immer selbst siehst. Im Videocall läuft das eigene Bild mit, bei Aufnahmen schaust du dir hinterher jede Sekunde an. Damit ist der Blick von außen technisch eingebaut. Kein Wunder, dass viele Menschen, die im Gespräch lebendig und klar sind, vor der Kamera steif werden.
Ein paar Dinge helfen hier ganz praktisch. Blende im Videocall dein eigenes Bild aus, wenn das Programm es erlaubt. Sprich bei Aufnahmen zu einem bestimmten Menschen, den du kennst und dem du etwas erklären willst, statt zu einem unbestimmten Publikum. Wenn es geht, setz jemanden hinter die Kamera, der wirklich zuhört. Und frag dich vor jeder Aufnahme, ob du etwas mitteilen willst oder ob es vor allem darum geht, gut dazustehen. Beides ist menschlich, nur lenkt das Erste deinen Blick nach draußen.

Was im Raum wirklich los ist

Wenn der Blick von außen das Problem ist, liegt die Lösung nicht darin, dich noch genauer zu beobachten. Sie liegt in der anderen Richtung. Deine Aufmerksamkeit darf wieder dorthin, wo sie von Natur aus hingehört, nach draußen, zu dem, was tatsächlich im Raum ist.
Lampenfieber fühlt sich an wie Furcht. Das Herz rast, und der ganze Körper bereitet sich auf eine Gefahr vor. Nur gibt es im Raum keine. Niemand wird dich angreifen, und niemand wird dich aus der Gruppe werfen. Was dein Körper meldet, ist ein Alarm, der zu einer anderen Zeit gehört als zu dem Raum, in dem du gerade stehst. Warum Angst so oft etwas anderes ist als eine Antwort auf echte Gefahr, beschreibt der Beitrag Angst oder Furcht.
Du kannst das prüfen, und zwar mit den Augen, nicht mit dem Kopf. Komm früher und geh einmal durch den Raum, bevor er sich füllt. Sprich mit den ersten Menschen, die hereinkommen, über irgendetwas. Dann sind sie, wenn du anfängst, keine Jury mehr, sondern die Frau, die mit dem Fahrrad gekommen ist, und der Mann, der nach dem Kaffee gefragt hat.
Während du sprichst, such dir ein Gesicht, das dir zugewandt ist, und erzähl diesem Menschen für einen Moment, was du zu sagen hast. Stell eine Frage, deren Antwort dich wirklich interessiert, und hör dann auch zu. Das alles sind keine Tricks, um die Angst zu überlisten. Es sind Gelegenheiten, in denen deine Aufmerksamkeit wieder bei etwas ist, das tatsächlich da ist.
Und damit kein falsches Versprechen entsteht: Das ist keine Fähigkeit, die du einmal lernst und dann besitzt. Du wirst immer wieder in den Blick von außen rutschen, gerade dann, wenn viel auf dem Spiel steht. Es geht nicht darum, das zu verhindern oder dich dafür zu tadeln. Es geht darum zu bemerken, wohin deine Aufmerksamkeit gerade zeigt, und sie wieder auf etwas zu richten, das im Raum ist. Dass der innere Zuschauer leiser wird, wenn dich etwas außerhalb von dir wirklich beschäftigt, ist auch ein Gedanke aus dem Essay Die Antilope führt kein Selbstgespräch. Auf der Bühne zeigt er sich besonders deutlich.

Woher der Blick von außen kommt

Woher die Neigung stammt, sich in solchen Momenten von außen zu sehen, ist bei jedem anders. Zwei Spuren tauchen aber häufig auf. Die eine führt in die Leistungsphase, ungefähr vom vierten bis zum siebten Lebensjahr, in der die Grundfrage lautet: Darf ich gesehen werden? Ein Kind, das bei der Aufführung im Kindergarten auf der Bühne steht, sucht in den Gesichtern der Erwachsenen nach Freude. Fand es dort eher Prüfung oder Spott, lernt es, sich vorab mit den Augen der Prüfer anzuschauen, um nicht überrascht zu werden. Lampenfieber aus dieser Zeit fühlt sich oft nach Scham an, die heiß ins Gesicht steigt.
Die andere Spur führt weiter zurück, in die Phase, in der es um Vertrauen geht, von der Geburt bis etwa acht Monate, mit der Frage: Bin ich sicher? Neben sich zu treten ist eine der frühesten Arten, mit etwas fertigzuwerden, das zu viel ist. Lampenfieber aus dieser Zeit fühlt sich anders an. Weniger nach Scham, mehr nach Unwirklichkeit, als wäre man gar nicht ganz da, mit einem dumpfen Kopf und einem Rauschen in den Ohren.
Bei vielen mischen sich beide, und keine davon ist eine Diagnose. Den Hintergrund zu den vier Phasen findest du in Prägung in der Kindheit. Wenn die Angst vor Auftritten so groß ist, dass du sie meidest, wo es nur geht, oder wenn sie dich auch abseits von Bühne und Kamera überfällt, lass das ärztlich oder psychotherapeutisch abklären. Dafür gibt es gute Behandlungen, und es ist kein Zeichen von Schwäche, sie zu nutzen.

Gesehen werden, ohne beurteilt zu werden

Der Blick von außen ist zwischen Menschen entstanden, und er wird am ehesten zwischen Menschen weicher. Nicht durch eine weitere Technik, sondern durch die wiederholte Erfahrung, angeschaut zu werden, ohne dass daraus ein Urteil folgt. Durch ein Gegenüber, das sich für das interessiert, was du sagst, und nicht dafür, wie du dabei aussiehst. Wer diese Erfahrung oft genug macht, muss sich irgendwann nicht mehr vorab mit fremden Augen prüfen. Er kann einfach hinschauen, wer da sitzt.
Mehr darüber, was zwischen Können und Zeigen im Weg stehen kann, findest du unter Leistung & Umsetzung.
Quellen und Bezüge1 Quelle
Wells, Adrian / Clark, David M. / Ahmad, S. — How do I look with my minds eye: perspective taking in social phobic imagery Behaviour Research and Therapy 36 (1998), Heft 6, S. 631–634.
Erik Rulands
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