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Chronische Schmerzen: Wenn der Körper verheilt ist und die Meldung bleibt

Der Befund ist unauffällig, der Schmerz ist trotzdem da. Warum er echt ist, wie Angst und Schonung ihn festhalten und was es heißt, zu ihm zu stehen.

Erik RulandsErik Rulands · 25. Oktober 2026 · 15 Min. Lesezeit
Ein leerer Bahnsteig einer kleinen Landstation in der Morgendämmerung
Der Befund kommt in einem Gespräch, das keine zehn Minuten dauert. MRT unauffällig, Blutwerte im Normbereich, keine Entzündung, kein Bandscheibenvorfall. Danach sitzt du im Auto auf dem Parkplatz der Praxis, den Schlüssel in der Hand, und weißt nicht, ob du erleichtert sein sollst. Denn der Schmerz ist mit eingestiegen, genau wie heute Morgen.
Vielleicht kennst du auch die kleinen Rechnungen, die dein Tag inzwischen enthält. Wie lange du sitzen kannst, bevor es zieht. Ob du die Getränkekiste trägst oder lieber zweimal gehst. Auf welcher Seite du schlafen kannst. Welchen Weg du nimmst, damit du nicht so lange stehen musst. Und den Satz, den du dir angewöhnt hast, wenn jemand fragt, wie es dir geht: „Geht schon.“
Bevor es weitergeht, etwas, das mir wichtig ist. Schmerzen, die neu sind oder bleiben, gehören ärztlich abgeklärt. Und chronische Schmerzen gehören in eine Schmerztherapie, am besten dorthin, wo verschiedene Fachrichtungen zusammenarbeiten. Medikamente haben dort ihren Platz, und welche du nimmst, entscheidest du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Dieser Beitrag ersetzt nichts davon. Er behauptet auch nicht, deine Schmerzen seien psychisch verursacht. Er beschreibt, wie Gefühle und Aufmerksamkeit mitbestimmen können, wie laut ein Schmerz ist und wie lange er bleibt. Er ist für dich, wenn die Abklärung gemacht ist und trotzdem etwas offen bleibt.

„Da ist nichts“: der Satz, der dich allein lässt

Wer lange Schmerzen hat, hört diesen Satz in vielen Fassungen. „Organisch ist alles in Ordnung.“ „Das ist bestimmt der Stress.“ „Du siehst doch gut aus.“ „Vielleicht solltest du einfach mal Urlaub machen.“ Gemeint ist er meistens beruhigend. Ankommen tut er anders.
Er kommt an als Zweifel. Wenn da nichts ist, was spüre ich dann jeden Morgen beim Aufstehen? Bilde ich mir das ein? Und weil der Schmerz sich von diesem Zweifel nicht beeindrucken lässt, bleiben dir zwei Wege, die beide erschöpfen. Entweder du suchst weiter, nach der nächsten Fachärztin und dem Befund, der endlich beweist, dass du recht hast. Oder du fängst an, dir selbst nicht mehr zu glauben, und erzählst irgendwann niemandem mehr davon. Im ersten Fall wirst du zum Ankläger deines Körpers. Im zweiten zum Angeklagten.
Ich sehe es so: Der Satz „Da ist nichts“ stimmt meistens in einem engen Sinn und ist in einem weiten Sinn falsch. Er stimmt, wenn er heißt, dass auf den Bildern kein Schaden zu sehen ist, der deine Schmerzen erklärt. Er ist falsch, wenn er heißt, dass dein Schmerz nicht da ist. Denn den Schmerz selbst kann kein Gerät fotografieren.

Dein Schmerz ist echt, auch ohne Befund

Um zu verstehen, wie beides gleichzeitig stimmen kann, hilft eine Unterscheidung, die sich im Alltag kaum jemand klarmacht. Es gibt die Verletzung, und es gibt die Meldung über die Verletzung. Die Verletzung passiert im Gewebe, ein Riss oder eine Entzündung. Die Meldung entsteht in dir. Dein Organismus nimmt Signale aus dem Körper auf, verrechnet sie mit allem, was er weiß und erwartet, und gibt dir dann eine Nachricht, die sich anfühlt wie der Schaden selbst. So muss es auch sein. Eine Meldung, die sich nicht dringlich anfühlt, würde niemand ernst nehmen, und du würdest auf dem gebrochenen Fuß weiterlaufen.
Stell dir eine Durchsage am Bahnsteig vor. „Wegen einer Störung am Stellwerk verzögert sich die Abfahrt.“ Die Störung ist irgendwo draußen an der Strecke, die Durchsage hörst du hier. Meistens gehören beide zusammen. Aber es kann passieren, dass die Störung längst behoben ist und die Durchsage weiterläuft, in Schleife, weil niemand im System die Entwarnung durchgegeben hat. Die Durchsage ist dann nicht eingebildet. Du hörst sie, und sie hält dich am Bahnsteig fest. Nur meldet sie nicht mehr, was draußen tatsächlich los ist.
So ähnlich kann es mit Schmerz sein. Ein Knochen ist nach einem Bruch längst verheilt oder ein Hexenschuss lange vorbei, und die Meldung bleibt. Die Schmerzforschung sieht das inzwischen sehr ähnlich. Die Internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, kurz IASP, hat ihre Definition 2020 überarbeitet. In den Anmerkungen dazu heißt es, dass Schmerz und die Signale, die Nervenfasern bei einer Gewebereizung weiterleiten, zwei verschiedene Dinge sind. Schmerz lässt sich nicht allein aus diesen Signalen ableiten. Er ist immer eine persönliche Erfahrung, an der körperliche Vorgänge beteiligt sind, aber auch seelische und soziale. Und im selben Atemzug verlangt die IASP, dass die Schmerzangabe eines Menschen respektiert wird.
Die IASP kennt außerdem seit einigen Jahren eine eigene Kategorie für Schmerz, der aus einer veränderten Verarbeitung im Nervensystem kommt, ohne dass sich ein Gewebeschaden oder eine Nervenschädigung findet, die ihn vollständig erklärt. Wie das genau zustande kommt, gilt dort ausdrücklich als noch nicht geklärt. Für dich heißt das zweierlei. Schmerz ohne Befund ist keine Randerscheinung, für die man sich schämen müsste, sondern ein anerkanntes Phänomen. Und niemand, auch ich nicht, kann dir mit Gewissheit sagen, woher deiner kommt.

Warum ein Schmerz ohne Grenze lauter wird

Eine Spritze, die angekündigt wird, fühlt sich anders an als eine, die überraschend kommt, einmal wie ein kurzer Stich und einmal wie ein Überfall. Dahinter steckt ein Gedanke, den ich für einen der wichtigsten zum Verständnis von Schmerz halte.
Jede Verletzung im Körper hat eine Grenze. Ein Schnitt ist so tief, wie er ist, ein Bluterguss so groß, wie er ist. Dein Organismus weiß das aber nicht automatisch. Wenn er nicht abschätzen kann, wo der Schaden endet, muss er vom Schlimmsten ausgehen, und dann stellt er die Meldung so laut, wie es geht. Weißt du dagegen, was passiert und wo es aufhört, und vertraust du dem Menschen, der es tut, bekommt die Meldung ihre Grenze zurück. Das ist keine Einbildung und kein Trick. Es ist eine Information, die dem Alarm gefehlt hat.
Jetzt überleg, was das für jemanden bedeutet, der seit Monaten Schmerzen hat und keine Erklärung. Wer keine Erklärung hat, hat auch keine Grenze. Jede Untersuchung ohne Befund lässt die Frage offen, wie weit das alles noch geht. Nachts um zwei liest du über Krankheiten, die du hoffentlich nicht hast. Du achtest darauf, ob es heute weiter nach links ausstrahlt als gestern. Ein Organismus, der so lebt, hat allen Grund, die Durchsage weiterlaufen zu lassen. Die Unsicherheit selbst wird zu einem Teil dessen, was wehtut.
Damit ist nicht gesagt, dass deine Sorge unbegründet wäre. Manchmal wird tatsächlich etwas übersehen, und wenn sich deine Beschwerden verändern oder neue dazukommen, gehört das wieder ärztlich angeschaut. Es geht um etwas anderes: Ein Teil der Lautstärke kommt nicht aus dem Gewebe, sondern aus dem fehlenden Rand.
Wie schnell ein Organismus vom Schlimmsten ausgeht, ist bei Menschen sehr verschieden. Aus meiner Erfahrung führt die Spur häufig in die allererste Zeit des Lebens, etwa bis zum achten Monat, als die Grundfrage lautete, ob du sicher bist und ob jemand kommt, wenn etwas wehtut. Wer damals oft mit seinem Alarm allein war, hat manchmal gelernt, dass auf eine Entwarnung kein Verlass ist. Das ist eine Spur und keine Zuordnung, und die vier Phasen der frühen Jahre beschreibt Prägung in der Kindheit genauer. Wie ein Körper Alarm gibt, obwohl draußen keine Gefahr ist, erklärt Angst oder Furcht.

Wie Wachsamkeit und Schonung den Schmerz festhalten

Vielleicht hast du dir ein Ritual angewöhnt, ohne es so zu nennen. Morgens, noch bevor du die Augen ganz aufmachst, prüfst du, wie es heute ist. Beim Bücken hältst du kurz inne und horchst. Treppen nimmst du mit einer Vorsicht, die man dir von außen gar nicht ansieht. Wer einmal heftig Schmerzen hatte, will nicht noch einmal überrascht werden.
Die Schmerzforschung hat für diesen Weg ein Modell, das Fear-Avoidance-Modell. Eine Übersichtsarbeit aus der Forschergruppe um den Psychologen Johan Vlaeyen hat 2007 zusammengetragen, was dafür spricht. Grob gesagt: Wer einen Schmerz als Zeichen für etwas Gefährliches erlebt, bekommt Angst vor ihm. Die Angst lenkt die Aufmerksamkeit auf den Schmerz, und wer ihn ständig im Blick hat, spürt ihn deutlicher. Dann vermeidet man Bewegungen, die wehtun könnten. Der Körper wird unbeweglicher, und du traust ihm immer weniger zu. Bei Rückenschmerzen gehört dieser Kreislauf zu den Wegen, auf denen aus einem akuten Schmerz ein chronischer werden kann. Auch die deutsche Patientenleitlinie zu funktionellen Körperbeschwerden nennt zu viel Aufmerksamkeit für die Beschwerden und zu viel Schonung als ungünstig.
Viele Menschen mit chronischen Schmerzen gehen zwischen zwei Bewegungen hin und her. Die eine geht gegen den Schmerz an. Zähne zusammenbeißen und trotzdem zum Sport, bis gar nichts mehr geht. Die andere geht vom Schmerz weg. Schonen, ablenken, umplanen, die Wanderung absagen, das Kind lieber nicht hochheben. Beide sehen gegensätzlich aus und haben doch etwas gemeinsam. Der Schmerz ist in beiden ein Feind, der von außen über dich herfällt und den du besiegen oder umgehen musst.
Medikamente gehören für mich nicht in diese Reihe. Eine gut eingestellte Schmerzmedikation kann genau das sein, was dir Bewegung überhaupt wieder möglich macht, und Bewegung ist eines der Dinge, die den Kreislauf aus Angst und Schonung lockern. Welche Mittel für dich passen, gehört in ärztliche Hände.

Erst die Bewegung, dann die Bedeutung

Wer im Internet nach Schmerzen und Psyche sucht, findet schnell Tabellen, in denen der Rücken für Lasten steht, die man trägt, und der Nacken für Sturheit. Ich halte davon nichts. Rückenschmerzen haben unzählige Ursachen, von Abnutzung über Krankheiten bis zu der schlichten Tatsache, dass ein aufrecht gehendes Säugetier seine Wirbelsäule ziemlich beansprucht. Und eine Bedeutung, die dir jemand von außen auf deinen Körper legt, ist am Ende nur eine neue Fassung von „Da ist nichts“. Wieder weiß ein anderer besser als du, was in dir los ist.
Ich frage lieber anders. Statt „Was bedeutet mein Nacken?“ frage ich: Welche Bewegung hat mein Körper hier angehalten? Ein Nacken, der seit Jahren hochgezogen ist, sieht bei vielen aus wie ein Kopf, der sich duckt, mitten in einer Bewegung, die nie zu Ende gehen durfte. Ein Kiefer, der nachts mahlt, hält bei manchen etwas zurück, das gesagt werden wollte. Das sind keine Gesetze. Es sind Beobachtungen am Körper, und erst danach, ganz zuletzt, kommt die Frage, was das für dich bedeutet. Diese Antwort findest du selbst. Ich kann sie dir nicht vorlesen.
Die Reihenfolge ist wichtig. Zuerst der Ort, an dem du etwas spürst. Dann die Art, wie es sich anfühlt, ob es zieht oder drückt. Dann die Richtung, in die es will, nach oben oder nach innen, nach vorn oder weg. Und dann die Frage: Was würde mein Körper gerade tun, wenn er dürfte? Manche merken dabei, dass da ein Impuls ist, sich aufzurichten oder einfach zu weinen. Anderen fällt erst einmal gar nichts ein, und auch das ist eine Auskunft.
Spannung ist sehr oft ein zurückgehaltener Impuls, aber nicht immer. Für den chronischen Schmerz möchte ich dabei besonders vorsichtig sein. Aus meiner Erfahrung spricht in manchem Schmerz, der nach der Heilung bleibt, ein Gefühl mit, das nie sein durfte, ein Nein oder eine Trauer. Das erklärt deinen Schmerz nicht, und es macht ihn nicht weniger körperlich. Es ist eine Frage, die sich lohnt, wenn die medizinischen Fragen gestellt sind.

Wenn Schmerz die Sprache war, in der Nähe kam

Eine Spur möchte ich genauer anschauen, weil sie häufig übersehen wird und weil sie so leicht falsch verstanden wird. Manche Kinder machen früh eine Erfahrung, die sich tief einprägt. Wenn es ihnen schlecht geht, bleibt die Mutter länger am Bett. Wenn der Bauch wehtut, hat der Vater plötzlich Zeit. Krankheit und Schmerz werden zu einer Sprache, in der Nähe zuverlässig ankommt. In Bindungsstrategien habe ich das Sorge erzeugen genannt.
Zuerst das Wichtigste: Das ist kein Simulieren. Das Kind hat echte Bauchschmerzen, und der Erwachsene später hat echte Rückenschmerzen. Und nicht jeder chronische Schmerz hat diese Geschichte. Sie ist ein möglicher Faktor unter mehreren, neben dem Gewebe, der Angst, der Schonung und den Lebensumständen. Wer sie bei sich entdeckt, hat nichts falsch gemacht. Ein Kind, das so Nähe findet, ist klug. Es nimmt den Weg, der offen ist.
Aus der Praxis kenne ich eine Variante, die mir besonders wichtig scheint. Ein Kind, das Schmerz zeigt, obwohl es eigentlich etwas anderes fühlt, zum Beispiel Einsamkeit, lernt manchmal, dieses andere Gefühl als Schmerz zu lesen. Als Erwachsener spürt es dann im Rücken, was eigentlich ein Alleinsein ist. Das lässt sich nicht im Labor nachweisen, und ich erzähle es als Erfahrungswissen, nicht als Befund. Aber vielleicht kennst du es. Der Schmerz ist sonntags schlimmer, wenn niemand anruft, und an dem Abend, an dem dich ein Freund besucht, merkst du ihn kaum.
Und dann gibt es das Gegenstück, das mich immer wieder überrascht. Es ist das Kind, das gerade keine Sorgen machen durfte. Vielleicht gab es ein Geschwisterkind, um das sich alles drehte, oder Eltern, die selbst genug zu tragen hatten. Dieses Kind wird pflegeleicht und beklagt sich nie. Wie das zur Lebensform wird, steht in People Pleaser. Seine Strategie ist das genaue Gegenteil der ersten, und trotzdem landen auch diese Menschen später nicht selten bei Schmerzen, die nicht weggehen. Wer jahrzehntelang eigene Empfindungen übergeht, damit niemand sich kümmern muss, verbraucht dafür Kraft, und der Körper zeigt das irgendwann.
Beide Wege führen oft in unterschiedliche Zeiten. Das Sorge-Erzeugen hat seine Spur häufig in der Phase, in der es um Versorgung geht, etwa zwischen acht Monaten und zweieinhalb Jahren. Das Funktionieren-Müssen führt sehr häufig in die Jahre zwischen etwa vier und sieben, in denen ein Kind lernt, wofür es gesehen wird. Verlässlicher als jede Zuordnung ist der Zeitpunkt, an dem dein Schmerz lauter wird. Wird er lauter, wenn du allein bist und dich übersehen fühlst? Oder dann, wenn du durchhalten musst und niemand merken darf, wie es dir geht?

Zu deinem Schmerz stehen wie zu deiner eigenen Hand

Stell dir vor, du hättest Angst vor deiner eigenen Hand. Du würdest jede ihrer Bewegungen kontrollieren, und wenn sie zuckt, würdest du erschrecken, als gehöre sie einem Fremden. Das klingt absurd. Aber so leben viele Menschen mit ihrem Schmerz. Er ist der Eindringling, und sie sind der Wachdienst.
Ich glaube, dass sich an dieser Stelle etwas verändern kann, und zwar nicht dadurch, dass du den Schmerz liebst oder ihm dankbar bist. Es geht um etwas Nüchterneres. Der Schmerz ist kein Gast in deinem Körper. Er ist eine Meldung deines eigenen Organismus und gehört zu dir, so wie deine Hand zu dir gehört. Wer das anerkennt, muss nicht mehr gegen sich selbst kämpfen und auch nicht vor sich selbst fliehen.
Praktisch bedeutet das einen kleinen Unterschied in der Richtung deiner Aufmerksamkeit. Du kannst einen Schmerz von außen betrachten, wie mit einer Taschenlampe, die von oben in den Keller leuchtet. Wo genau ist er? Ist er schlimmer als gestern? Das ist Kontrolle, und sie hält den Alarm am Laufen. Was ich meine, ist etwas anderes. Spür, wie sich die Stelle von innen anfühlt, gerade jetzt, ohne dass sie anders werden muss. Warm oder kalt, eng oder weit. Nicht um etwas wegzumachen, sondern um da zu sein. Den Unterschied zwischen dem Blick von außen und dem Spüren von innen beschreibt Selbstbeobachtung oder Selbstreflexion ausführlicher.
In der Forschung gibt es einen Ansatz, der ein verwandtes Grundprinzip verfolgt. Die Pain Reprocessing Therapy lädt Menschen ein, sich dem Schmerz zuzuwenden und ihn als ungefährlich neu einzuordnen, statt gegen ihn anzukämpfen. In einer randomisierten Studie um Yoni Ashar und Tor Wager mit 151 Menschen mit chronischen Rückenschmerzen, erschienen 2022 in JAMA Psychiatry, waren nach der Behandlung 66 Prozent schmerzfrei oder fast schmerzfrei. In der Placebogruppe waren es 20 Prozent, unter der üblichen Behandlung 10 Prozent, und der Effekt hielt über ein Jahr. Das ist eine erste Studie. Die Kontrolle durch das Placebo galt Kritikern als schwach, und solche Ergebnisse müssen erst von anderen Forschergruppen bestätigt werden, bevor man sich auf sie verlassen kann. Ob dort genau das passiert, was ich hier beschreibe, kann ich nicht sagen. Ich lese die Studie als Hinweis, dass die Haltung zum Schmerz mehr ist als Kosmetik, und nicht als Versprechen.
Wichtig ist mir auch, was daraus nicht folgt. Es folgt nicht, dass du deinen Schmerz wegdenken könntest, wenn du dich nur richtig einstellst. Und es folgt nicht, dass du schuld bist, solange er bleibt. Ein Symptom als Strafe für falsches Denken zu lesen, ist selbst ein Teil des Problems. Es setzt einen neuen Richter über dich, und der Alarm hat noch einen Grund mehr.

Schmerztherapie, Ärztin und Mentoring: wie das zusammenpasst

Die Reihenfolge ist klar. Zuerst gehören Schmerzen ärztlich abgeklärt, und wenn sie chronisch werden, in eine Schmerztherapie. Dort wird heute in aller Regel nicht nur auf das Gewebe geschaut, sondern auch auf Bewegung und auf das, was die Schmerzen mit deinem Leben machen. Psychotherapie hat bei chronischen Schmerzen einen festen Platz, und wenn der Schmerz dein Leben eng gemacht hat oder du kaum noch Hoffnung hast, ist sie der richtige Ort. Wie sich Begleitung und Behandlung unterscheiden, kannst du in Coaching oder Therapie nachlesen. Viele Menschen finden außerdem in Selbsthilfegruppen für Schmerzpatienten etwas, das ihnen keine Praxis geben kann, nämlich Menschen, die nicht erst überzeugt werden müssen.
Mentoring ersetzt nichts davon. Es kann dazukommen, wenn du merkst, dass in deinem Schmerz ein Muster mitspricht, das du auch an anderen Stellen deines Lebens kennst, etwa ein Durchhalten, mit dem du niemandem zur Last fallen willst, oder eine Einsamkeit, die sich anfühlt wie ein Ziehen im Rücken.
Und dafür braucht es meistens einen anderen Menschen. Das hat einen einfachen Grund. Die alte Erfahrung, um die es hier geht, ist oft in einer Beziehung entstanden, in der ein Kind mit seinem Schmerz oder seinem Gefühl allein war, oder in der es nur über den Schmerz gesehen wurde. Allein im Kopf lässt sich das kaum neu ordnen, denn dort sitzt gerade die Wache. Was den Alarm leiser machen kann, ist die Erfahrung, dass jemand neben dir bleibt und nicht mit erschrickt. Und dass du ein Gefühl zeigen kannst, ohne dass es erst den Umweg durch den Körper nehmen muss, um gehört zu werden.
Wenn dich der Schmerz an einen Punkt bringt, an dem du nicht mehr weiterweißt oder daran denkst, nicht mehr leben zu wollen, dann sprich mit jemandem, heute noch. Die Telefonseelsorge ist anonym und rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In einer akuten Notlage wähle die 112.
Weitere Beiträge zu Prägung, Körper und Gefühl findest du unter Grundlagenwissen.
Quellen und Bezüge4 Quellen

Raja, S. N. / Carr, D. B. / Cohen, M. et al. — The revised International Association for the Study of Pain definition of pain: concepts, challenges, and compromises
Pain 161 (9), 2020, S. 1976–1982.
DOI: 10.1097/j.pain.0000000000001939

Leeuw, M. / Goossens, M. E. J. B. / Linton, S. J. / Crombez, G. / Boersma, K. / Vlaeyen, J. W. S. — The fear-avoidance model of musculoskeletal pain: current state of scientific evidence
Journal of Behavioral Medicine 30 (1), 2007, S. 77–94.
DOI: 10.1007/s10865-006-9085-0

Ashar, Y. K. / Gordon, A. / Schubiner, H. et al. — Effect of Pain Reprocessing Therapy vs Placebo and Usual Care for Patients With Chronic Back Pain: A Randomized Clinical Trial
JAMA Psychiatry 79 (1), 2022, S. 13–23.
DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2021.2669

AWMF — S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden, Patientenleitlinie (Register-Nr. 051-001)
AWMF, 2020.
Online: register.awmf.org

Erik Rulands
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