Ehrgeiz: Wann dein Antrieb aus dir kommt und wann aus dem Vergleich
Ehrgeiz kann Lust an der Sache sein oder ein ständiger Blick zur Seite. Woran du am Körper merkst, welcher Antrieb gerade läuft, und was hinter dem Vergleich steht.
Ein ehemaliger Kollege postet seine Beförderung. Du tippst „Herzlichen Glückwunsch, verdient!“ darunter, und noch während du auf Senden drückst, sitzt da ein kleiner Stich im Magen. Den ganzen Abend rechnest du nach, wie viele Jahre er jünger ist als du. Von außen nennt man so etwas Ehrgeiz, und du selbst würdest es wahrscheinlich auch so nennen.
Am Sonntagmorgen läufst du deine Runde am Rhein, und die Beine fühlen sich gut an. Zu Hause öffnest du die App und siehst, dass jemand aus deiner Laufgruppe dieselbe Strecke zwei Minuten schneller gelaufen ist. Von dem schönen Morgen bleibt nicht viel übrig.
Und dann gibt es die anderen Abende. Du sitzt an einem Problem, das dich wirklich interessiert, an einer Kalkulation, die nicht aufgeht, oder einem Konzept, das endlich Form annimmt. Irgendwann schaust du auf und es ist halb elf. Du hast nicht gegessen und es nicht gemerkt. An niemanden hast du dabei gedacht, auch nicht an dich.
Beides nennen wir Ehrgeiz. Von außen sieht es gleich aus. Von innen sind es zwei verschiedene Antriebe, und es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten. Weniger wollen musst du deshalb nicht. Es reicht, zu merken, wann dein Wollen dir gehört.
Ehrgeiz ist nichts Schlechtes, er hat nur zwei Quellen
Ich halte nichts davon, Ehrgeiz grundsätzlich schlechtzumachen. Wer ein Unternehmen aufbaut oder ein Können entwickelt, braucht Kraft, die nach außen geht und durch Widerstände hindurch will. Diese Kraft ist eine leise Verwandte der Wut. Ohne sie würde kaum etwas entstehen. Erfolg und ein gutes Leben schließen sich nicht aus, und wer gern viel verdient, muss sich dafür nicht schämen.
Die Frage ist deshalb nicht, wie viel Ehrgeiz du hast. Die Frage ist, wohin dein Blick geht, während du dich anstrengst.
Der eine Ehrgeiz schaut auf die Sache. Er will wissen, wie etwas funktioniert und was daraus noch werden kann. Er hat Lust am Gegenstand selbst, an der Kalkulation oder am Text. Der andere Ehrgeiz schaut zur Seite. Er will wissen, ob du vor oder hinter den anderen liegst und ob du für dein Alter schnell genug bist. Und wenn du genau hinhörst, steckt hinter diesem seitlichen Blick noch eine zweite Frage: ob du so gesehen wirst, wie du gesehen werden willst.
Wohin du schaust, wenn du dich anstrengst
Stell dir zwei Menschen vor, die Klavier spielen lernen. Der eine hört auf den Ton. Er merkt, dass der Akkord heute runder klingt, und spielt ihn noch einmal. Der andere hört auch auf den Ton, aber nur mit einem Ohr. Mit dem anderen hört er, ob es besser klingt als bei der Nachbarstochter, die schon länger spielt, und ob die Lehrerin zufrieden aussieht. Beide üben gleich lange, aber nur einer von beiden hat dabei Klavier gespielt.
Der Unterschied liegt nicht in der Menge der Anstrengung, sondern in ihrer Richtung. Im ersten Fall bist du mit der Welt in Kontakt, mit dem Instrument oder dem Problem. Im zweiten Fall bist du in Wahrheit mit dir selbst beschäftigt, nur über einen Umweg. Der Blick geht nach außen und kommt sofort wieder bei dir an.
Das ist für mich der Kern dessen, was ich Lebendigkeit nenne. Lebendig bist du, wenn du der Welt begegnest, statt dich ständig selbst zu beobachten und zu bewerten. Der Ehrgeiz aus dem Vergleich sieht aus wie Weltkontakt, ist aber eine besonders gut getarnte Form der Selbstbeobachtung. Wann dieses Sich-selbst-Zuschauen krank macht, steht in Selbstbeobachtung oder Selbstreflexion.
Der kanadische Psychologe Robert Vallerand und sein Team haben 2003 zwei Arten von Leidenschaft für eine Tätigkeit beschrieben. Bei der einen ist die Tätigkeit frei gewählt. Bei der anderen hängt an ihr etwas, das man innerlich braucht, oft das eigene Selbstwertgefühl, und man fühlt sich gedrängt. In einer ihrer Studien befragten sie Freizeitradfahrer im Sommer und fragten im Februar nach, wer noch fuhr. Weitergefahren waren im Winter in Québec, wenn Radfahren auf den Straßen riskant wird, vor allem jene mit hohen Werten in der zweiten, getriebenen Form. Ich lese das so: Wer aus der Sache heraus handelt, kann eine Pause machen, wenn es gefährlich wird. Wer sich über die Sache etwas beweisen muss, kann das oft nicht.
Woran du am Körper merkst, welcher Ehrgeiz gerade läuft
Dein Kopf wird dir fast immer sagen, dass es um die Sache geht. Dein Körper ist da ehrlicher. Nur vorweg: Wenn dein Magen sich über Wochen meldet, du schlecht schläfst oder dein Herz auch in ruhigen Momenten jagt, lass das bitte ärztlich abklären, bevor du es als Muster deutest. Nicht jedes Signal des Körpers hat eine seelische Ursache.
Wenn du aus Interesse an etwas arbeitest, verschwindet die Zeit. Der Atem ist ruhig, oft tiefer als sonst, und Hunger oder Durst melden sich erst, wenn du auftauchst. Geht etwas schief, ärgerst du dich über die Sache. Der Ärger will das Problem lösen, und meistens versuchst du es gleich noch einmal. Danach bist du müde, aber auf eine satte Art.
Wenn der Vergleich läuft, verschwindet die Zeit nicht. Der Kiefer ist leicht angespannt und der Atem bleibt oben. Dazu kommt der Drang, etwas nachzuprüfen, die Zahlen oder das Profil des anderen. Geht etwas schief, zieht es dich nach unten, und du möchtest am liebsten unsichtbar sein. Das ist kein Ärger, das ist Scham. Und gelingt dir etwas, kommt ein kurzes Hoch, das schnell in eine merkwürdige Leere übergeht, oft gefolgt von dem Gedanken, wer es wohl mitbekommen hat.
Ein Zeichen ist unangenehm und deshalb besonders aufschlussreich. Wenn jemandem, mit dem du dich vergleichst, etwas misslingt, spürst du dann eine leise Erleichterung? Das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Es zeigt dir nur, dass in diesem Moment dein Platz gezählt hat und nicht die Sache.
Nimmt dir der Erfolg eines anderen etwas weg, obwohl er dich gar nicht betrifft? Und wann hast du zuletzt etwas getan, worin du schlecht warst, und es trotzdem gern getan? Wer stark aus dem Vergleich lebt, hört oft mit Dingen auf, in denen er nicht zu den Besten gehören wird. Die Gitarre steht dann im Keller, obwohl die Lust nie ganz weg war, einfach weil es dort nichts mehr zu gewinnen gab.
Hinter dem Vergleich steht die Frage, ob du gesehen wirst
Ein Vergleich braucht immer mehr als zwei. Da bist du und da ist der andere, und dann gibt es noch jemanden, der euch beide anschaut und bewertet. Manchmal ist das ein realer Mensch, der Chef etwa oder der eigene Vater. Sehr oft ist es ein vorgestellter Blick, den du nicht mehr als fremd erkennst. Wer fragt, ob er besser ist als jemand, fragt in Wahrheit, wie er in diesen Augen dasteht.
Und verglichen wird nicht nur mit anderen. Viele vergleichen sich am heftigsten mit einem Menschen, den es gar nicht gibt: mit der Version von sich, die sie längst sein müssten. Mit vierzig, sagt dieses Bild, hättest du längst das Buch geschrieben und wärst endlich gelassen. Dieses Ideal ist immer ein Stück weiter als du, denn es ist aus allem gebaut, was du nicht bist.
Deshalb kommt der Vergleichsehrgeiz nie an. Er gibt dir eine kurze Ruhe, wenn du jemanden überholst, und sie hält, bis der Nächste auftaucht, der weiter ist. Der Maßstab wandert mit dir mit wie der Horizont beim Gehen.
Außerdem macht der Vergleich aus etwas Harmlosem eine Bedrohung. Stell dir zwei Kinder im Sandkasten vor, die zusammen eine Burg bauen. Dann sagt ein Erwachsener: „Mal sehen, wer den höchsten Turm schafft.“ Sofort ist das Spiel ernst. Die Kinder schauen sich gegenseitig auf die Hände, und eines fängt an zu weinen, als sein Turm umfällt. Nichts ist gefährlicher geworden, nur der Blick hat sich gedreht. So reagiert auch dein Körper, wenn sich der Vergleich einschaltet, als stünde etwas auf dem Spiel. Und es steht auch etwas auf dem Spiel, nur nicht der Turm.
Was Ehrgeiz von Arbeitssucht und Perfektionismus unterscheidet
Diese Muster treten gern gemeinsam auf, fragen aber nach Verschiedenem.
Bei der Arbeitssucht geht es um das Nicht-aufhören-Können. Die Arbeit hält etwas in dir im Gleichgewicht. Hört sie auf, wird es unruhig, ganz gleich, ob jemand vor oder hinter dir liegt. Ein Mensch kann arbeitssüchtig sein, ohne sich je mit anderen zu messen.
Beim Perfektionismus sitzt ein innerer Prüfer, der die eigene Arbeit nach Fehlern absucht. Sein Blick geht auf das Werkstück und kaum zur Seite, und er hat Angst vor dem einen Fleck, den jemand finden könnte. Was diesen Prüfer antreibt, beschreibt Perfektionismus genauer.
Der Vergleichsehrgeiz dagegen kann ziemlich nachlässig arbeiten, solange er vorn liegt. Er kann auch gut Feierabend machen. Was er nicht kann, ist aufhören zu zählen. Ihn interessiert nicht, ob etwas fehlerfrei ist, sondern wo er auf der Liste steht. Viele kennen alle drei Muster. Es lohnt sich nur, zu sehen, welcher gerade führt.
Woher der seitliche Blick kommt
Etwa zwischen vier und sieben Jahren will ein Kind vor allem eines: zeigen, was es kann, und erleben, dass sich jemand mit ihm freut. Die vier Phasen der frühen Jahre und ihre Grundfragen erkläre ich in Prägung in der Kindheit.
Häufig führt die Spur des Vergleichsehrgeizes in genau diese Zeit, und zwar dann, wenn das Gesehenwerden an einen Rang gebunden war. Wenn die Freude der Eltern am größten war, sobald man besser war als der Bruder, oder wenn auf das selbstgemalte Bild die Frage folgte, was die anderen Kinder gemalt haben. Ein Kind lernt daraus: Gesehen werde ich, wenn ich besser bin. Der Blick zur Seite war dann eine kluge Lösung, und mit einer Schwäche des Charakters hat er wenig zu tun. Sie gehört zur Strategie des Leistens, die Bindungsstrategien neben drei anderen beschreibt.
Es gibt aber noch eine zweite mögliche Spur, und du erkennst sie an der gefühlten Qualität. Fühlt sich der Vergleich weniger nach Übersehenwerden an als danach, dass für dich nichts übrig bleibt, wenn der andere etwas bekommt, kann er weiter zurückreichen, in die Zeit, in der es um Versorgung ging. Der Stich ist dann weniger Scham als ein Hunger, der nicht satt wird. Beides sind Hinweise zum Nachspüren, keine Zuordnung. Dasselbe Verhalten kann aus verschiedenen Zeiten stammen.
Eltern, die vergleichen, tun das selten aus Härte. Meistens wurden sie selbst verglichen, und sie lebten in einer Welt, die mit Noten und Ranglisten arbeitet. Auch heute ist das nicht nur Privatsache. Wer jeden Tag sieht, was andere erreicht haben, gefiltert und in Bestform, bekommt den Vergleich frei Haus. Die Prägung macht dich dafür empfänglich, die Umgebung sorgt für Nachschub. Wie ein ganzer Markt von diesem Ungenügen lebt, zeigt Selbstoptimierungswahn.
Wenn du ein Unternehmen führst, bleibt das nicht bei dir, denn ein Unternehmen ist für mich immer auch ein Abbild dessen, was in dem Menschen an seiner Spitze vorgeht. Wer aus dem Vergleich heraus führt, schaut zuerst, was die Konkurrenz macht, und seine Strategie wird zur Antwort auf die Strategie der anderen. Im Team entsteht dann leicht ein Klima, in dem jeder nachrechnet, wer mehr Anerkennung bekommen hat. Kurzfristig steigert das manchmal die Zahlen, langfristig hören die Menschen auf, einander zu helfen, weil sich jeder Erfolg des anderen wie ein eigener Verlust anfühlt.
Was unter dem Vergleich liegt
Wenn du genauer hinschaust, findest du unter dem Vergleichsehrgeiz oft zwei Gefühle, die lange keinen Platz hatten.
Das eine ist Wut. Ein Teil der Kraft, die in die Sache gehen könnte, richtet sich als Neid gegen den anderen, ein anderer Teil als Antreiben gegen dich selbst. Bei vielen ist die Wut darüber, ständig gemessen worden zu sein, nie nach außen gegangen. Sie hat sich nach innen gedreht und wurde zu einem Maßband, das man selbst in der Hand hält. Wie gedeckelte Wut sich im Alltag tarnt, beschreibt Unterdrückte Wut.
Das andere ist Trauer. Trauer darüber, dass du so lange als Position gesehen wurdest und so selten als der Mensch, der du einfach bist. Und Trauer über die Dinge, die du aufgegeben hast, weil du darin nicht glänzen konntest, die Gitarre im Keller oder die Sprache, die du so gern gesprochen hättest. Solange der Vergleich läuft, musst du diese Trauer nicht fühlen, denn es gibt immer einen nächsten Rang.
Im Körper zeigt sich das oft als Spannung, die nicht weggeht, im Kiefer oder als Druck im Bauch. Spannung ist sehr oft ein zurückgehaltener Impuls. Beim Vergleich ist es häufig der Impuls, einmal laut zu sagen, dass du dieses Rennen nicht mehr laufen willst, oder der Impuls zu weinen, weil du es so lange gelaufen bist.
Wie du den Blick zurück auf die Sache holst
Sich das Vergleichen zu verbieten, hilft wenig. Dann vergleichst du dich bald mit Menschen, die sich angeblich nie vergleichen. Was hilft, ist, den Moment zu bemerken, in dem dein Blick zur Seite geht, und ihn freundlich zurückzuholen.
Fang bei dem kleinen Griff zur Rangliste an, wenn du das Profil des Konkurrenten anklickst oder im Kopf nachrechnest, wie alt jemand ist. Du musst ihn nicht unterdrücken. Es reicht, ihn zu bemerken und zu spüren, wo er im Körper sitzt, in den Schultern vielleicht oder als Ziehen im Magen.
Wenn du merkst, dass du dich wieder misst, kannst du die Frage umdrehen und statt der anderen die Sache befragen. Was zieht dich an ihr eigentlich an, ganz unabhängig davon, was sie dir bringt? Manchmal gibt es darauf keine Antwort, und dann weißt du auch etwas.
Hilfreich ist auch, ganz bewusst etwas zu tun, worin du schlecht bist, und es nicht zu messen. Töpfern, singen, eine Sprache, ein Spiel, das du immer verlierst. Achte darauf, wie stark es in dir dagegen arbeitet, und auf den Moment, in dem es irgendwann einfach Spaß macht.
Und wenn das nächste Mal jemand etwas erreicht, das du auch wolltest, gratuliere ihm und bleib danach einen Moment bei dem Stich, ohne ihn zu bewerten. Er sagt dir etwas darüber, was dir fehlt.
Am schwierigsten ist es, dich anschauen zu lassen, ohne vorn zu liegen, und das gelingt selten allein. Der seitliche Blick ist zwischen Menschen entstanden, und er verändert sich am ehesten in einer Beziehung, in der du gesehen wirst, ohne dass ein Rang eine Rolle spielt. Im Kopf kannst du den Vergleich durchschauen. Dass du auch als Mittelmaß willkommen bist, erfährst du nur bei jemandem, der dich so anschaut. Im Mentoring ist mir genau so ein Raum wichtig, in dem niemand vorn liegen muss, damit jemand hinschaut.
Der Ehrgeiz verschwindet dabei nicht. Er dreht sich nur langsam wieder nach vorn, zur Sache hin, und an manchen Abenden schaust du auf und es ist halb elf, ohne dass du an irgendwen gedacht hast.
Mehr über Leistung und das, was darunter liegt, findest du unter Leistung & Umsetzung.
Quellen und Bezüge1 Quelle
Vallerand, R. J. / Blanchard, C. / Mageau, G. A. / Koestner, R. / Ratelle, C. / Léonard, M. / Gagné, M. / Marsolais, J. — Les Passions de l’Âme: On Obsessive and Harmonious Passion
Journal of Personality and Social Psychology 85 (4), 2003, S. 756–767.
DOI: 10.1037/0022-3514.85.4.756
Ursachen-Analyse-Gespräch
Wenn du dich hier wiedererkennst.
Im Ursachen-Analyse-Gespräch schauen wir gemeinsam darauf, woher dein Muster kommt und was es heute noch steuert.
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