Jeden Abend Alkohol: Warum Aufhören keine Frage des Willens ist
Wer abends gegen das Glas kämpft, kämpft mit derselben inneren Aufsicht, von der es ihn erlöst. Warum das selten trägt und was es verrät, wenn etwas anderes in die Lücke springt.
Halb acht, in der Küche ist es noch kühl vom offenen Fenster, und deine Hand weiß schon, in welcher Schublade der Korkenzieher liegt. Seit Monaten trinkst du jeden Abend Alkohol, und heute Morgen hast du beschlossen, dass dieser Abend einer ohne wird. Jetzt stehst du am Fenster und verhandelst mit dir, und du kennst das Ergebnis dieser Verhandlung, bevor sie begonnen hat.
Vielleicht hast du schon einiges ausprobiert. Eine App, die die trockenen Tage zählt. Die Regel, unter der Woche nichts zu trinken, die bis Mittwoch hält. Der Kasten alkoholfreies Bier, der fast voll im Keller steht. Oder einen Januar ganz ohne, nach dem der Februar umso selbstverständlicher wieder mit einem Glas beginnt. Und nach jedem Versuch bleibt derselbe Satz übrig: Mir fehlt einfach der Wille.
Wenn du das kennst und es lassen willst, möchte ich dir diesen Satz abnehmen. Der Wille spielt eine Rolle, er sitzt nur an einer anderen Stelle, als du vermutest. Aus meiner Erfahrung scheitert das Aufhören oft genau an dem Werkzeug, mit dem du es versuchst. Du kämpfst gegen das Glas mit derselben inneren Aufsicht, von der dich das Glas abends erlöst. Wer so kämpft, macht es meistens noch wichtiger.
Vorweg etwas Wichtiges. Dieser Beitrag beschreibt ein seelisches Muster und ersetzt keine Diagnose. Ob dein Trinken schon eine Abhängigkeit ist, kann deine Hausärztin oder dein Hausarzt mit dir klären, und Suchtberatungsstellen beraten dich vertraulich und meist kostenlos, auch wenn du dir nur unsicher bist. Wenn dein Körper deutlich reagiert, sobald der Alkohol fehlt, hör bitte nicht allein und von heute auf morgen auf, sondern lass dich dabei ärztlich begleiten. Es geht um deine Sicherheit. Viele finden außerdem Halt in einer Selbsthilfegruppe, etwa bei den Anonymen Alkoholikern, beim Kreuzbund, beim Blauen Kreuz oder bei den Guttemplern. Dort treffen sie Menschen, die denselben Weg aus eigener Erfahrung kennen, und diese Arbeit schätze ich sehr. Wo Begleitung, wie ich sie anbiete, endet und Behandlung beginnt, steht in Coaching oder Therapie.
Warum hinter dem Glas am Abend so oft eine Angst steht, die man nicht als Angst erkennt, habe ich in Angst und Sucht beschrieben, und dort steht auch, warum die Geschichte vom starken Willen meist erst hinterher erzählt wird. Hier geht es um den Kampf selbst und darum, warum er so selten trägt, obwohl du es ernst meinst.
Jeden Abend Alkohol trotz Vorsatz: Warum der Kampf das Glas größer macht
Schau dir einen Abend an, an dem du kämpfst. Schon auf dem Heimweg denkst du daran, dass du heute nicht trinkst, und beim Kochen erst recht. Um neun hast du an kaum etwas anderes gedacht als an das, was du nicht tust. Das Glas, das nicht auf dem Tisch steht, ist der wichtigste Gegenstand im Raum.
Dass Unterdrücken so wirken kann, hat die Psychologie früh untersucht. Daniel Wegner bat 1987 Versuchspersonen, nicht an einen weißen Bären zu denken. Es gelang nicht, und als sie später an ihn denken durften, kam er ihnen häufiger in den Sinn. Ein amerikanisches Forschungsteam um Tracy Palfai hat das zehn Jahre später auf das Trinken übertragen. Menschen, die in Gesellschaft regelmäßig viel tranken, bekamen ihr gewohntes Getränk zu sehen und zu riechen, und ein Teil von ihnen sollte dabei den Drang unterdrücken. Genau diese Gruppe reagierte danach schneller auf Aussagen darüber, was Alkohol angenehm macht. Das war eine kleine Laborstudie, die nichts darüber sagt, wer wie viel trinkt. Sie passt aber zu dem, was viele an einem solchen Abend erleben, an dem der Gedanke an das Glas umso hartnäckiger wird, je fester sie ihn wegschieben.
Es gibt noch einen zweiten Grund, und der wiegt für mich schwerer. Schau, womit du gegen das Glas kämpfst. Du setzt dir Regeln und zählst Tage, du beobachtest dich und bewertest dich am nächsten Morgen. Mit genau diesen Werkzeugen bestreitest du auch deinen Tag, an dem du aufpasst und ständig prüfst, ob es reicht. Und wer abends trinkt, um runterzukommen, sucht sehr oft genau davon eine Pause. Das Glas ist der Moment, in dem die innere Aufsicht endlich Feierabend hat.
Jetzt versuchst du, dir das Glas ausgerechnet mit dieser Aufsicht abzugewöhnen. Du verschließt den einen Ausgang aus diesem Zustand und verschärfst zugleich den Zustand selbst. An einem Kampfabend ist der Druck, den das Glas lösen soll, größer als an jedem gewöhnlichen. Dass du irgendwann nachgibst, ist dann beinahe folgerichtig.
Diesen Zustand, in dem du dich ständig von außen ansiehst und bewertest, nenne ich Selbstbezug. Er ist anstrengend, weil er nie aufhört, und das Glas ist einer der wenigen Wege, auf denen er für eine Stunde Ruhe gibt. Wie dieses innere Beobachten entsteht und warum es so viel Kraft kostet, beschreibe ich in Selbstbeobachtung oder Selbstreflexion.
Wer gibt dir sonst Feierabend?
Wenn Kämpfen nicht trägt, lohnt ein genauerer Blick darauf, welche Arbeit das Glas an deinem Abend übernimmt. Bei den meisten ist es eine von zwei, und manchmal sind es beide.
Bei vielen soll das Glas dämpfen. Der Kopf soll leiser werden, und die Liste für morgen soll für ein paar Stunden aufhören, sich zu melden. Wer so trinkt, sucht weniger Genuss als einen Schalter, und dieser Schalter entspannt nicht bloß, er erlaubt. Viele Menschen, die viel tragen, haben niemanden, der ihnen sagt, dass es für heute genug ist. Kein Kunde sagt es, und die eigene innere Stimme schon gar nicht. Das Glas sagt es. Für manche ist es der einzige Vorgesetzte, der ihnen Feierabend gibt. Warum Abschalten eher eine Erlaubnis ist als eine Technik, zeigt Nicht abschalten können.
Bei anderen soll es das Gegenteil, nämlich anfeuern. Nach einem Tag, an dem sie nur funktioniert haben, fühlt sich der Abend flach an, und erst mit dem Glas kommt etwas zurück. Sie werden gesprächiger, und auf einmal erreicht sie auch Musik wieder. Hier fehlt weniger die Erlaubnis zum Aufhören als die Lebendigkeit. Das Glas soll eine Verbindung zur Welt zurückbringen, die über den Tag abgerissen ist. Das kann es nicht, es macht nur für eine Weile leiser, was dich von ihr trennt.
Oft mischt sich beides. Achte trotzdem darauf, mit welchem Satz du dir das Glas genehmigst. „Das habe ich mir verdient“ klingt nach einem Lohn für Leistung, und häufig führt die Spur dann in die Jahre, in denen ein Kind vor allem für das gesehen wurde, was es geschafft hat. „Jetzt gönne ich mir was“ klingt eher nach Fürsorge, nach dem einen Moment am Tag, in dem sich etwas um dich kümmert. Diese Spur führt sehr häufig in die frühe Zeit, in der die Frage war, ob genug für dich da ist. Nimm das als Richtung, nicht als Zuordnung, denn dasselbe Glas kann bei dir aus beiden Zeiten stammen. Wie diese Phasen zusammenhängen, steht in Prägung in der Kindheit.
Was später am Abend hochkommt
Aufschlussreich ist ein Moment, über den selten gesprochen wird. Was passiert mit dir, wenn der Abend fortschreitet? Ich meine nicht die erste halbe Stunde, in der alles leichter wird, ich meine die Zeit danach.
Manche werden gereizt. Ein harmloser Satz des Partners wird plötzlich zum Streit, und eine Kleinigkeit in den Nachrichten bringt sie auf. Andere werden weich und schwer. Ein altes Lied läuft, und die Augen werden nass. Am nächsten Morgen schiebt man beides auf den Alkohol. Ich glaube, er hat dabei nichts erfunden.
Grob gesagt will ein Gefühl in eine von zwei Richtungen. Wut drängt nach außen, Trauer zieht nach innen. Wer viel funktioniert, deckelt beide über den Tag oft so gründlich, dass er es selbst nicht mehr bemerkt. Der Ärger über die Besprechung, in der du geschwiegen hast, verschwindet ja nicht, und die Müdigkeit, die eigentlich eine Traurigkeit über dein Leben ist, auch nicht. Das Glas lockert abends für eine Weile den Deckel, und was dann auftaucht, ist das, was den ganzen Tag gehalten wurde. Danach dämpft es wieder, und am nächsten Morgen beginnt das Halten von vorn.
Deshalb sagen dir die späten Stunden mehr über dein Muster als jede Frage nach der Menge. Kommt bei dir eher Gereiztheit, frag dich, wozu du tagsüber nicht Nein gesagt hast. Kommt eher Wehmut, frag dich, worum du nie getrauert hast. Und wenn du merkst, dass dein Trinken Menschen um dich herum verletzt oder ihnen Angst macht, dann trägst du dafür die Verantwortung, ganz gleich, woher der Ärger stammt. Dann geht ihre Sicherheit vor, und es ist Zeit für Hilfe von außen.
Was in die Lücke springt, wenn das Glas fehlt
Angenommen, du hörst mit zusammengebissenen Zähnen auf, und es hält. Dann rückt bei vielen etwas nach, das sie nicht mit dem Glas verbinden. Der Laptop wird abends noch einmal aufgeklappt, oder das Training wird so verbissen, dass sich ein freier Tag wie Versagen anfühlt.
Es ist wie bei einem Maulwurf, dessen Hügel du plattgetreten hast und der einen Meter weiter wieder herauskommt. Der Hügel hat nur angezeigt, dass darunter jemand gräbt, und gegraben wird weiter, auch wenn der Hügel fehlt.
Daraus lässt sich etwas lernen, wenn du es nicht als Rückschlag liest. Was in die Lücke springt, verrät dir, welche Aufgabe das Glas hatte. Wird es die Arbeit, ging es vermutlich um die Unruhe, die kommt, wenn nichts mehr zu tun ist. Wird es das Essen, ging es eher darum, dass sich am Ende des Tages etwas um dich kümmert. Wird es der Bildschirm, ging es vielleicht darum, abends nicht allein mit dir zu sein. Und wird es der Streit, wollte womöglich eine Wut hinaus, die sonst keinen Weg hatte.
Das ist allerdings kein Argument gegen das Aufhören. Wenn sich eine Abhängigkeit entwickelt hat, ist es medizinisch oft genau richtig, ganz auf Alkohol zu verzichten, und das schließt die Frage nach dem Wofür nicht aus. Es heißt nur, dass es sich lohnt, danach genau hinzuschauen, was sich in die frei gewordene Stunde schiebt.
Wann das Glas überflüssig wird
Wenn Kämpfen verstärkt und Weglassen verschiebt, was bleibt dann? Aus meiner Sicht verliert das Glas seine Bedeutung in dem Maß, in dem das, was es für dich erledigt, auf anderem Weg in deinen Abend kommt.
Wenn dein Glas dämpfen soll, heißt das zuerst, die Erlaubnis woanders herzuholen. Ein Feierabend, der wirklich einer ist, beginnt mit dem Moment, in dem du innerlich aufhörst, zuständig zu sein. Warum das so schwer gelingt, liegt oft im Tag. Wer bis sieben jeden Ärger geschluckt und jede Müdigkeit überspielt hat, braucht um acht etwas Starkes. Das Bedürfnis nach dem Glas entsteht am Nachmittag, auch wenn es sich erst am Abend meldet. Schau deshalb einmal auf die Stunden vor dem Abend und frag dich, wo du heute etwas zurückgehalten hast.
Wenn dein Glas anfeuern soll, geht es um Lebendigkeit, und damit meine ich etwas Ruhigeres als Energie. Ich meine den Moment, in dem du aufhörst, dich selbst zu beobachten, und wieder bei dem bist, was um dich herum geschieht. Der Geruch von Zwiebeln, die in der Pfanne glasig werden, oder das warme Wasser über deinen Händen, wenn du nach einem langen Tag am Waschbecken stehst und es wirklich spürst. Wer seinen Abend so erlebt, muss sich nicht erst etwas zuführen, um ihn zu spüren.
Und manchmal liegt die Antwort gar nicht in dir. Wenn das Glas jeden Abend nötig ist, damit du morgen wieder in ein Leben gehst, das dir nicht entspricht, dann ist es nicht das Problem, sondern der Preis dafür, dass das Problem bleiben darf. Ein Job, in dem du jeden Tag gegen dich selbst arbeitest, oder eine Beziehung, in der du abends nur noch funktionierst. Dann wird das Glas erst überflüssig, wenn sich draußen etwas ändert. Diesen Gedanken führe ich in Die Antilope führt kein Selbstgespräch weiter aus.
Es reicht, wenn du beim nächsten Mal neugierig wirst, wofür du das Glas gerade brauchst, statt über dich zu urteilen. Was sich mit der Zeit verändert, wächst eher aus solchen Momenten als aus einem neuen Verbot.
Warum sich das eher in einer Beziehung löst als im Kopf
Der Kampf gegen das Glas findet meistens allein statt, im Kopf, mit einer inneren Stimme, die zählt und urteilt. Genau dort sitzt das Muster. Viele, die abends trinken, haben früh gelernt, ihre Anspannung ganz allein zu regeln, tagsüber mit Disziplin und abends mit etwas von außen. Wer allein im Kopf dagegen angeht, setzt diese alte Lösung nur fort.
Was sich verändert, verändert sich eher im Kontakt mit Menschen, die weder Buch über dich führen noch wegschauen. Bei jemandem, vor dem du nichts leisten musst, nicht einmal das Aufhören, kann die innere Aufsicht leiser werden, ohne dass dafür etwas betäubt werden muss. Für manche ist das zuerst eine Gruppe von Menschen, die denselben Weg gehen, für andere eine Therapie und später vielleicht Mentoring.
Mentoring, wie ich es anbiete, ersetzt keine Suchtbehandlung. Wenn der Alkohol dein Leben bestimmt, steht ärztliche und therapeutische Hilfe an erster Stelle. Wenn du wieder festen Grund unter den Füßen hast, kann es sinnvoll sein, gemeinsam zu verstehen, wofür du das Glas so lange gebraucht hast.
Mehr darüber, was Leistung mit dir macht, wenn der Arbeitstag längst vorbei ist, findest du unter Leistung & Umsetzung.
Quellen und Bezüge2 Quellen
Wegner, D. M. / Schneider, D. J. / Carter, S. R. / White, T. L. — Paradoxical Effects of Thought Suppression
Journal of Personality and Social Psychology 53 (1), 1987, S. 5–13.
DOI: 10.1037/0022-3514.53.1.5
Palfai, T. P. / Monti, P. M. / Colby, S. M. / Rohsenow, D. J. — Effects of Suppressing the Urge to Drink on the Accessibility of Alcohol Outcome Expectancies
Behaviour Research and Therapy 35 (1), 1997, S. 59–65.
DOI: 10.1016/S0005-7967(96)00079-4
Ursachen-Analyse-Gespräch
Wenn du dich hier wiedererkennst.
Im Ursachen-Analyse-Gespräch schauen wir gemeinsam darauf, woher dein Muster kommt und was es heute noch steuert.
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