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Frustessen: Was du runterschluckst, statt es auszusprechen

Frustessen beginnt selten beim Hunger. Meist beginnt es nach einem Gespräch, mit einem Satz, der nicht herauskam. Warum der Mund sich dann in die andere Richtung öffnet.

Erik RulandsErik Rulands · 27. Oktober 2026 · 12 Min. Lesezeit
Ein angeschnittener Brotlaib liegt auf einem bemehlten Holzbrett, davor ein Brotmesser, ringsum Krümel und Mehlstaub.
Frustessen hat mit Hunger oft wenig zu tun. Es fängt meistens in dem Moment an, in dem ein Gespräch vorbei ist und in dir noch etwas weiterläuft.
Das Telefonat mit deiner Mutter dauert zwölf Minuten. Sie erzählt von der Nachbarin und sagt dann beiläufig, dein Bruder helfe ihr ja immer so schön im Garten. Du sagst „Schön, dass er die Zeit hat“, legst auf und stehst zwei Minuten später in der Küche. Du schneidest dir eine Scheibe Brot ab, dann noch eine. Du isst im Stehen, an die Arbeitsplatte gelehnt, und schmeckst eigentlich nichts.
Bei anderen ist es die Mail eines Kunden, die um halb fünf kommt und das Konzept, an dem du drei Wochen gesessen hast, in zwei Sätzen kleinmacht. Du antwortest freundlich und sachlich. Auf dem Heimweg hältst du an der Tankstelle und reißt die Tüte noch auf dem Parkplatz auf, bevor du den Motor wieder anlässt. Oder es ist der Sonntagsbesuch bei den Schwiegereltern, nach dem du zu Hause als Erstes an den Vorratsschrank gehst, obwohl du dort gerade drei Stunden am Tisch gesessen hast.
Wir nennen das halb im Scherz Frustessen. Dabei sagt das Wort mehr, als man ihm zutraut. Es setzt nicht beim Hunger an, sondern beim Frust. Und Frust entsteht fast immer zwischen Menschen, dort, wo etwas nicht so gekommen ist, wie du es gebraucht hättest, und du es nicht sagen konntest.
Ich sehe Frustessen deshalb nicht in erster Linie als Frage des Essens. Ich sehe darin einen Satz, der nicht herausgekommen ist. Der Mund, der eben noch zu war, öffnet sich, nur in die andere Richtung.
Bevor es weitergeht, etwas Wichtiges. Dieser Beitrag handelt vom alltäglichen Essen aus Frust. Er gibt keine Ernährungsratschläge, und er bewertet keine Körper. Wenn sich Essen für dich zwanghaft anfühlt, wenn du Essanfälle hast, bei denen du nicht mehr aufhören kannst, wenn du dich nach dem Essen erbrichst oder wenn du unter dem Essen und deinem Körper stark leidest, dann sprich mit deiner Hausärztin oder einer Psychotherapeutin. Essstörungen sind ernsthafte Erkrankungen, und sie lassen sich behandeln. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, früher BZgA, berät dazu telefonisch unter 0221 892031 und führt auf seiner Website eine Übersicht über Beratungsstellen in ganz Deutschland. Wo die Grenze zwischen Begleitung und Behandlung verläuft, erkläre ich in Coaching oder Therapie.

Frustessen beginnt nach dem Gespräch, nicht beim Hunger

Achte einmal darauf, wann es passiert. Selten mitten im Ärger. Fast immer danach, wenn das Telefon wieder auf dem Tisch liegt oder die Tür hinter dem Besuch ins Schloss gefallen ist.
Solange der andere da ist, hast du zu tun. Du hörst zu und achtest darauf, dass die Stimmung hält. Erst wenn du allein bist, kommt bei dir an, was in diesem Gespräch eigentlich passiert ist. Und genau dann gibt es keinen Ort mehr, an den es gehen könnte. Der Mensch, dem dein Satz gegolten hätte, ist nicht mehr da.
Was da ankommt, ist eine Mischung. Ein Teil davon ist Ärger: Das war nicht fair. Ein anderer Teil ist Enttäuschung: Ich hätte mir etwas anderes gewünscht, und zwar von ihr. Frust ist genau dieses Gemisch. Es ist Wut, die gegen eine Wand gelaufen ist, und die Traurigkeit darüber, dass die Wand dasteht.
Im Körper fühlt sich das oft gar nicht wie ein Gefühl an. Eher wie ein Druck unter dem Brustbein oder eine Rastlosigkeit in den Händen, die etwas tun wollen. Der Körper sucht einen Ausgang. Und der nächste Ausgang, den er kennt, liegt in der Küche.

Sprechen und Schlucken passieren am selben Ort

Der Mund ist der Ort, an dem Worte hinausgehen und Essen hineingeht. Das klingt banal, aber es erklärt erstaunlich viel. Ein Satz, der eben nicht hinausdurfte, hat an dieser Stelle keinen Ausgang gefunden, und was stattdessen hineingeht, füllt den Platz, den er gebraucht hätte.
Es hilft, sich die Richtung vor Augen zu halten, in die ein Gefühl will. Wut drängt nach außen, zu dem Menschen hin, der dich geärgert hat. Trauer geht nach innen. Sie macht weich, und sie will gehalten werden. Ein Satz wie „Das hat mich getroffen“ hätte beides nach außen getragen, den Ärger und die Enttäuschung, zu dem Menschen, den es betrifft.
Frustessen dreht diese Richtung um. Was hinauswollte, wird zugedeckt und beschwert. Viele beschreiben das Gefühl danach als Schwere, als läge etwas im Magen, das dort nicht hingehört. Vielleicht liegt da tatsächlich etwas, nämlich der Satz.
Hinzu kommt etwas Merkwürdiges. Das Essen tröstet nicht, weil Trost in ihm steckt. Das Brot weiß nichts von deiner Mutter. Du legst die Beruhigung, die du brauchst, erst in das Essen hinein und holst sie dir dann Bissen für Bissen wieder heraus. Was du dir da zurückholst, war vorher schon in dir. Es hatte nur keinen anderen Weg.

Wonach greift deine Hand?

Eine Frage kann dir hier viel zeigen, wenn du sie ohne Urteil stellst. Wonach greift deine Hand, wenn der Frust kommt, und was erhoffst du dir in diesem Moment davon? Bei vielen ist es jedes Mal etwas anderes, und auch das sagt etwas.
Ich will daraus keine Regel machen, und was dein Griff bedeutet, weißt nur du. Vielleicht hilft dir eine zweite Frage weiter. Was hättest du in dem Gespräch eigentlich gern mit dem anderen Menschen gemacht, wenn es erlaubt gewesen wäre? Ihm etwas entgegensetzen, oder dich von ihm halten lassen? Du musst die Antwort nicht kennen, um etwas mit der Frage anzufangen. Es reicht, beim nächsten Mal zu bemerken, wonach du greifst, und dich zu fragen, was diese Hand eigentlich vorhatte, bevor sie zum Schrank gegangen ist.

Der Kühlschrank widerspricht nie

Zurückgehaltene Wut sucht sich gern ein Ziel, das keine Bindung gefährdet. Manche werden beim Sport plötzlich verbissen, andere putzen das Bad mit einer Gründlichkeit, die mit dem Bad wenig zu tun hat. Wie viele solcher Umwege es gibt, zeigt Unterdrückte Wut. Essen ist von all diesen Zielen vielleicht das sicherste.
Essen schmollt nicht, und es meldet sich nicht zwei Tage lang nicht. Es ist da, wann immer du es brauchst, und es sagt immer Ja. Mit dem Essen kann in der Beziehung nichts schiefgehen, jedenfalls für die zehn Minuten, in denen du isst. Genau darin liegt seine Kraft und auch sein Haken. Es beruhigt für den Moment, aber es antwortet nicht. Und weil es nicht gibt, was eigentlich gefehlt hat, kommt der Griff beim nächsten Telefonat wieder. Wie sehr solche kleinen Tröster eine fehlende Verbindung ersetzen sollen, ist das Thema von Angst und Sucht.
Achte auch darauf, wo du bist, während du isst. Bei vielen läuft das Gespräch in dieser Zeit weiter. Du sagst deiner Mutter innerlich endlich, was du hättest sagen sollen, schärfer und klüger, als du es je laut sagen würdest. Du isst und redest zugleich, nur eben mit niemandem. Das Gespräch wird zu Ende geführt, in deiner Küche und ohne den anderen. Er wird nie davon erfahren.
Das ist keine Willensschwäche. Wenn ein Mensch keinen Weg sieht, mit einem Zustand umzugehen, greift er zu dem, was in Reichweite ist. Der Griff zur Brotdose ist dann weniger eine Entscheidung für das Brot als ein Ausweg aus einem Moment, für den es gerade keinen anderen gibt.

Danach bist du das Problem

Dann kommt der zweite Teil, und den kennen viele besser als den ersten. „Schon wieder.“ „Wie kann man nur so wenig Disziplin haben.“ Hör einmal genau hin, wie scharf diese Stimme ist. Sie hat oft eine Härte, die du nie gegen deine Mutter oder den Kunden richten würdest. Das ist kein Zufall. Es ist derselbe Ärger, der vorhin keinen Ausgang gefunden hat. Jetzt hat er ein Ziel gefunden, und das bist du.
Und noch etwas verschiebt sich, fast unbemerkt. Am Abend ist das Thema nicht mehr, was deine Mutter gesagt hat. Das Thema ist, was du gegessen hast. Du erzählst deinem Partner vielleicht, dass du „schon wieder genascht“ hast, aber nicht, dass dich das Telefonat getroffen hat. Aus einer Enttäuschung zwischen zwei Menschen ist ein privates Problem zwischen dir und dem Essen geworden.
Ich möchte dir dazu eine Sicht anbieten, als Möglichkeit und nicht als Vorwurf. Diese Verschiebung ist auf eine leise Art bequem. Solange das Essen das Problem ist, musst du nie riskieren, deiner Mutter zu sagen, dass ihr Satz wehgetan hat. Die Beziehung bleibt unberührt, und du bleibst mit deiner Enttäuschung allein. Vielleicht hat das Essen also nicht nur dich beruhigt. Vielleicht hat es auch die Beziehung geschützt, und zwar vor dir.
Das heißt nicht, dass der Satz deiner Mutter in Ordnung war oder dass die Mail des Kunden fair war. Für ihre Worte tragen die anderen die Verantwortung. Was mit deiner Antwort darauf passiert, liegt dagegen bei dir. Und darin steckt eine gute Nachricht, denn dort kannst du etwas tun. Wenn du lieber selbst etwas hinunterschluckst, als jemandem zur Last zu fallen, erzählt People Pleaser eine verwandte Geschichte.

Woher das Schlucken kommt

Viele Menschen haben sehr früh gelernt, dass Essen das Ende einer schwierigen Situation ist. Ein Kind weint oder tobt, und jemand drückt ihm einen Keks in die Hand. „Jetzt iss erst mal was, dann geht es dir besser.“ Das ist fast immer gut gemeint, oft auch aus Hilflosigkeit, und kein Grund für einen Vorwurf an deine Eltern. Sie haben gegeben, was sie konnten. Aber das Kind lernt dabei etwas Bestimmtes: Wenn in mir etwas aufgewühlt ist, kommt etwas in den Mund, und dann ist es still. Das Gefühl wird nicht beantwortet, sondern versorgt.
In anderen Familien war der Esstisch der Ort, an dem nicht gestritten wurde, oder umgekehrt der Ort, an dem es regelmäßig laut wurde. Dann lernt ein Kind, dort vor allem zu essen und nichts zu sagen.
Wenn du deiner eigenen Spur folgen willst, achte weniger auf das Essen als darauf, wie es sich danach anfühlt. Sehr häufig berührt Frustessen die Frage, ob genug für dich da ist. Dann bleibt nach dem Essen ein Hunger, den kein Bissen erreicht, und ein Loch, das mit jedem weiteren Happen eher größer wird. Diese Spur führt oft in die Zeit zwischen etwa acht Monaten und zweieinhalb Jahren, in der Nahrung und Zuwendung für ein Kind noch fast dasselbe sind. Häufig zeigt sich auch eine andere Spur. Dann fühlt es sich danach eher an, als hättest du etwas hinuntergewürgt, das dir gegen den Strich ging, mit einem Rest Groll und dem Gefühl, dich verbogen zu haben. Das führt öfter in die Jahre, in denen ein Kind herausfindet, ob sein Nein und sein Ärger neben den Eltern Platz haben. Nimm beides als Richtung, nicht als Zuordnung. Die vier Phasen und ihre Grundfragen findest du in Prägung in der Kindheit.

Wie der Satz einen anderen Weg finden kann

Wenn du jetzt beschließt, ab morgen nie wieder aus Frust zu essen, wird das wenig ändern. Ein Verbot nimmt dem Satz nur seinen letzten Ausgang und lässt ihn trotzdem drinnen. Es geht nicht darum, das Essen zu verhindern. Es geht darum, dem, was hinauswollte, einen anderen Ausgang zu zeigen.
Fang beim Übergang an. Zwischen dem Gespräch und der Küche liegen oft nur ein paar Schritte. Wenn du merkst, dass du aufstehst, frag dich: Mit wem hatte ich gerade zu tun? Was ist da eben passiert? Allein diese Frage stellt eine Verbindung her, die sonst fehlt, zwischen deinem Griff zum Schrank und dem Menschen, um den es geht.
Dann gib dem Satz eine Form. Sag ihn laut, in der leeren Küche, wenn niemand zuhört. „Das hat mich getroffen.“ Oder: „Das war nicht fair.“ Es muss keine Rede gegen den anderen sein, der Satz soll einfach einmal hinausdürfen. Achte darauf, wie deine Stimme dabei klingt und was sich in deiner Brust tut. Manchmal kommt nach dem Ärger eine Traurigkeit, vielleicht sogar Tränen. Lass sie da sein. Sie gehören zur Enttäuschung, und sie sind oft das, wonach das Essen gesucht hat.
Wenn du danach trotzdem essen willst, dann iss. Setz dich hin, nimm einen Teller und schmeck, was du isst. Nicht, damit es weniger wird, darum geht es hier nicht. Sondern damit du dabei bist. Frustessen geschieht fast immer in Abwesenheit, der Körper steht in der Küche, und der Kopf ist noch bei der Mutter oder beim Kunden. Wenn du dich hinsetzt und schmeckst, kommst du zurück in den Raum, in dem du gerade bist, zum Stuhl unter dir und zum Geschmack auf deiner Zunge. Für mich fängt genau da an, was ich Lebendigkeit nenne. In diesem Moment bist du nicht mehr mit jemandem beschäftigt, der gar nicht da ist.
Und irgendwann, wenn es dir möglich ist, gib den Satz dem Menschen, dem er gehört. Nicht jeder Ärger muss ausgesprochen werden. Aber wenn dasselbe Telefonat immer wieder in derselben Küche endet, dann ist der Satz nicht klein. Er kann ruhig und kurz sein: „Als du das über meinen Bruder gesagt hast, hat mich das getroffen.“ Mehr braucht es oft nicht, damit der andere zum ersten Mal erfährt, dass es dich an dieser Stelle gibt.

Warum sich das eher zwischen Menschen löst als am Teller

Frustessen ist an einer Stelle entstanden, an der ein Mensch mit seinem Gefühl allein geblieben ist. Das Essen war die Lösung von damals, und es war eine kluge. Es hat beruhigt, als niemand da war, der den Ärger oder die Enttäuschung hätte aushalten können. Deshalb verändert sich das Muster selten durch einen Plan. Es verändert sich am ehesten dort, wo du erlebst, dass deine Enttäuschung bei einem Menschen ankommen darf, ohne dass er sich zurückzieht oder dich beschwichtigt.
Das kann ein Freund sein oder eine Partnerin, eine Gruppe oder ein Gegenüber in einer Begleitung. Entscheidend ist die Erfahrung, dass ein ausgesprochener Satz die Verbindung nicht kostet. Wer das ein paarmal erlebt hat, braucht den Weg in die Küche seltener. Er muss sich dafür nicht zusammenreißen, der Satz hat einfach einen anderen Ort gefunden.
Mehr darüber, was zwischen Menschen geschieht und warum es sich so oft wiederholt, findest du unter Beziehungen & Muster.
Quellen und Bezüge2 Quellen

Macht, M. (2008) — How emotions affect eating: A five-way model. Appetite 50 (1), S. 1–11.
DOI: 10.1016/j.appet.2007.07.002

van Strien, T., Frijters, J. E. R., Bergers, G. P. A. & Defares, P. B. (1986) — The Dutch Eating Behavior Questionnaire (DEBQ) for assessment of restrained, emotional, and external eating behavior. International Journal of Eating Disorders 5 (2), S. 295–315.
DOI: 10.1002/1098-108X(198602)5:2<295::AID-EAT2260050209>3.0.CO;2-T

Erik Rulands
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