Selbstwertgefühl stärken: Warum du dir verdienen willst, was du längst hast
Du behandelst deinen Wert wie einen Preis, der steigen soll. Doch ein Preis kann fallen, deshalb bleibt die Angst. Warum dein Platz kein Tauschgeschäft ist.
Du schickst ein Angebot raus, und bis die Antwort kommt, schaust du öfter aufs Handy, als du zugeben würdest. Du hast gelesen, wie man das Selbstwertgefühl stärken kann, und vieles davon ausprobiert. Trotzdem hängt deine Stimmung an diesem Abend an einer Mail, die noch nicht da ist.
Am Wochenende hast du für Freunde gekocht, lange und mit Liebe. Alle essen, reden über ihre Arbeit, und niemand sagt etwas über das Essen. Den Rest des Abends fühlst du dich ein kleines Stück weniger, und du weißt nicht einmal genau, wovon.
Oder es läuft beruflich so gut wie lange nicht. Zwei Tage lang trägt dich das. Dann siehst du, dass eine frühere Kollegin Geschäftsführerin geworden ist, und auf einmal fühlt sich dein gutes Quartal an wie Mittelmaß.
Wer so lebt, hat meistens schon einiges versucht. Erfolge aufschreiben, Ziele setzen und abhaken, sich gut zureden, weniger auf andere schauen. Manches hilft für eine Weile. Und dann reicht ein Schweigen beim Abendessen, und alles ist wieder auf null.
Ich glaube nicht, dass dein Wert zu niedrig ist. Ich glaube, das Problem liegt eine Ebene tiefer: Du behandelst ihn wie einen Preis. Und ein Preis hat eine Eigenschaft, die dich nie zur Ruhe kommen lässt.
Warum „Selbstwertgefühl stärken“ so selten hält
Ein Preis entsteht im Tausch. Er wird verhandelt und hängt davon ab, was andere bieten, deshalb kann er jeden Tag steigen oder fallen. Wer sich so erlebt, schaut morgens nach seinem Kurs: Wie wurde ich gestern gesehen, und wo stehe ich im Vergleich?
Fast alle Ratschläge zum Selbstwert arbeiten mit genau dieser Logik. Sie wollen den Preis nach oben treiben, mit mehr Leistung und mehr Anerkennung. Das fühlt sich gut an, solange der Kurs steigt. Nur verändert ein höherer Preis nichts an der Tatsache, dass es ein Preis ist. Je höher er steht, desto mehr kann er fallen. Deshalb bleibt die Angst, egal wie gut es gerade läuft.
Die Psychologin Jennifer Crocker hat diesen Zusammenhang lange erforscht. In einer Studie aus dem Jahr 2002 begleitete sie mit Kollegen Studierende, die sich um einen Platz für ein weiterführendes Studium bewarben. Je stärker jemand sein Selbstwertgefühl an akademische Leistung knüpfte, desto mehr stieg es an Tagen mit einer Zusage, und desto tiefer sank es an Tagen mit einer Absage. Wer seinen Wert an etwas bindet, das sich bewerten lässt, schwankt also stärker, und zwar in beide Richtungen.
Ein kurzer Hinweis, bevor es weitergeht: Wenn das Gefühl, nichts wert zu sein, dich über Wochen niederdrückt, zusammen mit Antriebslosigkeit, schlechtem Schlaf oder Hoffnungslosigkeit, kann eine Depression dahinterstehen. Dann ist der erste Weg der zu deiner Hausärztin oder in eine psychotherapeutische Praxis. Wenn Gedanken auftauchen, nicht mehr leben zu wollen, erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, im Notfall wähle die 112.
Ein Wort, das aus dem Handel kommt
Hör einmal genau auf das Wort. Selbstwert. Wert ist ein Begriff aus dem Tausch, er beantwortet die Frage, was etwas einbringt und was man dafür hergeben muss. Wer sagt, ihm fehle Selbstwert, sagt im Grunde: Mein Preis ist zu niedrig, für das, was ich bin, bekomme ich zu wenig.
Diese Sprache zieht sich durch erstaunlich viele Sätze, die wir für harmlos halten. „Das habe ich mir verdient.“ „Nach allem, was ich in dich investiert habe.“ In beiden Sätzen wird Zuwendung gegen etwas aufgerechnet. Und genau da liegt der Denkfehler. Liebe und Zugehörigkeit lassen sich nicht kaufen. Sie lassen sich höchstens mit etwas verwechseln, das man kaufen kann, etwa mit Bewunderung oder Dankbarkeit.
Ein Bild dafür: In einer Familie zahlt kein Kind Miete für seinen Platz am Tisch. Der Platz ist da, weil das Kind da ist. Es muss ihn nicht verdienen, und es kann ihn auch nicht verspielen, wenn es einen schlechten Tag hat. So sollte es jedenfalls sein. Viele Menschen, die heute ihren Selbstwert stärken wollen, haben aber als Kind erlebt, dass dieser Platz an Bedingungen hing. Sie zahlen seitdem Miete, mit Leistung oder mit Anpassung, und sie tun es so lange, dass es sich wie ihr Charakter anfühlt.
Damit ist auch der Unterschied zu einem verwandten Begriff klar: Selbstvertrauen betrifft das, was du dir zutraust, Selbstwert die Frage, ob du hier sein darfst, auch wenn du gerade nichts kannst.
Wie ein Kind anfängt, sich einen Preis zu geben
Ein Kind kann nicht denken: Meine Mutter ist erschöpft, mein Vater hat selbst nie gelernt, Zuneigung zu zeigen. Wenn Zuwendung knapp ist oder nur unter bestimmten Umständen kommt, zieht es einen anderen Schluss. Es liegt an mir. Ich bin nicht genug. Dieser Schluss ist für ein Kind sogar die bessere Wahl, denn er lässt eine Hoffnung offen. Wenn es an mir liegt, kann ich etwas tun. Ich kann mehr werden.
So beginnt ein Mensch, sich selbst zu bepreisen. Er beobachtet, wofür es Aufmerksamkeit gibt, und liefert das. Und er fängt an, sich selbst zu prüfen, ob er schon genug ist, um geliebt zu werden. Dieser prüfende Blick auf sich selbst bleibt oft ein Leben lang. Wie sehr er dich vom Leben abhalten kann, ist das Thema von Selbstbeobachtung oder Selbstreflexion.
Häufig führt die Spur in die Phase zwischen etwa vier und sieben Jahren, in der ein Kind die Frage stellt: Darf ich gesehen werden? Wer damals vor allem für das Gelungene einen Blick bekam, verwechselt später Wert mit Leistung. Manchmal liegt die Spur früher, in der Zeit, in der es um die Frage ging, ob genug für mich da ist. Dann geht es weniger um Leistung als darum, ob man überhaupt etwas brauchen darf. Unterscheiden lässt sich das am ehesten am Erleben. Kippt dein Gefühl vor allem nach einem Fehler oder einer Kritik, und wird es dann unruhig und beschämt, spricht einiges für die spätere Spur. Kippt es, wenn sich jemand ohne Grund zurückzieht, und fühlt es sich dann hungrig an, als würde nie etwas für dich übrig bleiben, eher für die frühere. Beides kann nebeneinander laufen. Mehr zu den vier Phasen steht in Prägung in der Kindheit.
Mit Schuld hat das nichts zu tun. Wer als Elternteil sagt, er habe so viel investiert, hat diese Rechnung oft selbst als Kind gelernt und nie eine andere Sprache für Liebe gefunden. Die Preislogik wird weitergereicht, so lange, bis einer sie bemerkt.
Wer sich aufbläht und wer sich klein macht, trägt denselben Preiszettel
Auf den ersten Blick gibt es zwei völlig verschiedene Menschen. Der eine tritt groß auf und erzählt bei jeder Gelegenheit von seinen Erfolgen. Der andere macht sich klein und entschuldigt sich schon für seine Fragen. Der eine scheint zu viel Selbstwert zu haben, der andere zu wenig.
Aus meiner Erfahrung sitzen beide auf demselben Markt. Der eine treibt seinen Preis hoch, damit er gekauft wird. Hinter verschlossener Tür fühlt er sich oft wertlos, und je größer der Auftritt, desto größer der Abstand zu diesem Gefühl. Der andere setzt seinen Preis vorsorglich niedrig an. Das hat einen stillen Vorteil: Wer sich selbst schon abgewertet hat, kann nicht mehr tief fallen. Er gewährt sich den Rabatt, bevor ihn jemand verlangt.
Wer selbstständig ist, kennt diesen Rabatt manchmal ganz wörtlich. Dann landet der innere Preis auf der Rechnung, und man verlangt für seine Arbeit weniger, als sie wert wäre. Wie das zusammenhängt, zeigt Unter Wert verkaufen. Ein echter Preis für eine Leistung ist übrigens nichts Schlechtes, schwierig wird es erst, wenn du dich selbst als Ware erlebst.
Beide Formen haben eines gemeinsam: Sie hängen an einem Bild von sich, groß oder klein, das gepflegt werden will. Warum ein solches Bild etwas anderes ist als das Gefühl, da sein zu dürfen, erzähle ich in Was ist Narzissmus?
Was die Preislogik zwischen zwei Menschen anrichtet
Selbstwert entsteht nicht im stillen Kämmerlein. Er entsteht in Beziehung, in der Erfahrung, dass dein Dasein einem anderen Menschen schon genügt. Deshalb zeigt sich die Preislogik auch am deutlichsten in Beziehungen.
Wer sich wie eine Ware erlebt, macht den anderen unweigerlich zum Käufer. Dein Partner wird zur Ratingagentur, die täglich deinen Kurs festlegt. Ein vergessener Jahrestag ist dann kein Versäumnis, sondern eine Herabstufung. Und weil sich niemand gern herabstufen lässt, beginnt die Buchführung. Wer hat sich zuletzt gemeldet, und wer hat öfter nachgegeben? Den Satz „Nach allem, was ich für dich getan habe“ hörst du dann auch in deiner eigenen Partnerschaft, manchmal aus deinem eigenen Mund.
Hier liegt auch der Teil, den du selbst in der Hand hast, und ich biete ihn dir als Perspektive an, nicht als Vorwurf. Wer sich selbst bepreist, bepreist auch andere. Du merkst es am Vergleich, der fast automatisch anspringt, wenn jemand den Raum betritt: Steht er über mir oder unter mir? Und du merkst es daran, dass du gibst, um etwas gutzuhaben. Die Großzügigkeit wird zur Vorauszahlung. Das ist verständlich, denn es ist die einzige Form von Nähe, die du gelernt hast. Nur kann dich auf einem Markt niemand wirklich treffen, weil dort jeder Blick auf dich auch eine Bewertung ist.
Und wer verletzt oder Liebe gezielt entzieht, trägt dafür die Verantwortung, ganz gleich, wie dein eigener Preiszettel aussieht. Den eigenen Anteil zu sehen heißt nicht, sich alles gefallen zu lassen. Es heißt, an der Stelle anzusetzen, an der du etwas verändern kannst.
Woran dein Körper merkt, dass du gerade verhandelst
Dein Kopf erzählt dir viel über deinen Wert. Dein Körper ist ehrlicher. Achte einmal darauf, was in dir passiert, während du auf eine Antwort wartest, die dir etwas bedeutet. Bei vielen bleibt der Atem oben in der Brust, während der Blick immer wieder zum Display wandert. Es ist ein Zustand der Wachsamkeit, als würde gerade über dich abgestimmt.
Und dann erinnere dich an einen Moment, in dem die Frage nach deinem Wert gar nicht auftauchte. Vielleicht beim Umtopfen einer Pflanze, oder in einem Gespräch, in dem ihr beide die Zeit vergessen habt. In solchen Momenten geht der Atem tiefer, und niemand führt Buch. Du warst nicht besonders wertvoll in diesem Augenblick. Du warst einfach da, mit etwas anderem beschäftigt als mit dir.
Das ist für mich der vielleicht wichtigste Hinweis. Ein sicheres Gefühl für den eigenen Wert merkt man kaum. Es ist wie Sattsein: Wer satt ist, denkt nicht ans Essen. Der Wert wird erst zum Thema, wenn er fehlt, und jedes Nachdenken darüber führt dich wieder in den Blick auf dich selbst. Für mich ist das der Kern dessen, was ich Lebendigkeit nenne, der Weg vom Selbstbezug, in dem du dich ständig beobachtest und bewertest, zurück in den Weltbezug, in dem du einem Menschen oder einer Sache wirklich begegnest.
Die Spannung beim Warten hält sehr oft etwas zurück. Manchmal ist es Wut über den alten Handel, der nie fair war: Ich liefere, und dafür darf ich bleiben. Manchmal ist es Trauer darüber, dass du so früh angefangen hast zu zahlen, für etwas, das dir einfach hätte gegeben werden sollen. Beides muss nicht sofort verstanden werden. Es reicht, dass es einmal da sein darf.
Was an die Stelle des Preises treten kann
Wenn das eigentliche Problem der Markt ist, hilft es nicht, den Preis höher zu treiben. Es hilft, nach und nach aus dem Handel auszusteigen. Crocker und ihre Kollegin Lora Park haben das 2004 in einer großen Übersichtsarbeit beschrieben. Wer sein Selbstwertgefühl ständig absichern muss, zahlt dafür auf Dauer einen Preis, unter anderem in seinen Beziehungen und bei der eigenen Gesundheit. Entscheidend war für sie weniger, ob jemand viel oder wenig Selbstwert hat, sondern wie sehr er ihm hinterherläuft.
Aussteigen beginnt damit, den Handel zu bemerken. Frag dich in einem Moment, in dem du dich anstrengst: Wem zeige ich gerade, dass ich es wert bin? Oft ist die Antwort erstaunlich konkret. Manchmal ist es ein Kunde, manchmal der Vater, der längst nicht mehr im Raum ist.
Dann kannst du kleine Dinge unbezahlt lassen. Geh zu einer Freundin, ohne etwas mitzubringen. Sag deinem Partner, dass du ihn heute brauchst, ohne gleich anzubieten, was du dafür tust. Halte in einer Besprechung den Mund, wenn du nichts Kluges beizutragen hast, und bleib trotzdem im Raum. Und mach etwas, das niemand sehen wird und das dir trotzdem gefällt. Wie es dir damit geht, ist interessanter als jede Erfolgsliste. Denn dort, wo es unangenehm wird, sitzt der alte Preiszettel. Wenn du merkst, dass vor allem Anerkennung an dir abprallt, ist Lob annehmen die passende Fortsetzung.
Und erlaube dir, an diesen Stellen etwas zu fühlen, ohne es gleich zu bewerten. Das kann Unruhe sein oder Ärger, manchmal auch eine Traurigkeit, die dich überrascht. Das ist kein Rückschritt. Es ist das Gefühl, das der Handel all die Jahre überdeckt hat.
Warum sich dein Platz in Begegnung zeigt und nicht im Kopf
Du kannst dir nicht selbst einreden, dass du keinen Preis hast. Der Satz würde nur in der Abteilung landen, die ständig prüft, ob du genug bist. Was sich verändert, verändert sich durch Erfahrung, und zwar durch die Erfahrung, dass es Menschen gibt, bei denen dein Kurs gar nicht erst notiert wird. Du kannst einen schlechten Tag haben oder schlicht erschöpft sein, und dein Platz am Tisch bleibt trotzdem frei.
Diese Erfahrung ist in Beziehung verloren gegangen, und am ehesten wächst sie auch in einer Beziehung nach, in der niemand Buch führt. Das kann eine Freundschaft oder Partnerschaft sein, ebenso eine begleitete Arbeit wie Mentoring, in der du nicht beeindrucken musst. Irgendwann merkst du, dass du den Kurs am Morgen nicht mehr nachgeschaut hast. Dir war an diesem Morgen einfach etwas anderes wichtiger.
Weitere Beiträge über Bindung, Nähe und alte Muster findest du unter Beziehungen & Muster.
Quellen und Bezüge2 Quellen
Crocker, J., Sommers, S. R. & Luhtanen, R. K. — Hopes dashed and dreams fulfilled: Contingencies of self-worth and graduate school admissions
Personality and Social Psychology Bulletin 28 (9), 2002, S. 1275–1286.
DOI: 10.1177/01461672022812012
Crocker, J. & Park, L. E. — The costly pursuit of self-esteem
Psychological Bulletin 130 (3), 2004, S. 392–414.
DOI: 10.1037/0033-2909.130.3.392
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