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Narzisstischer Chef: Warum er dich krank macht und deine Kollegen nicht

Deine Kollegin zuckt mit den Schultern, du liegst nachts wach. Warum trifft dich derselbe Chef so viel tiefer? Die Antwort hat weniger mit ihm zu tun, als dir lieb ist, und genau darin liegt deine Freiheit.

Erik Rulands · 10. Oktober 2026 · 9 Min. Lesezeit
Eine Frau sitzt nachdenklich an einem Tisch
Es ist halb elf, und du liest den Bericht für morgen zum vierten Mal. Im Kopf sitzt du schon im Meeting. Du gehst durch, was er sagen könnte und wie du reagierst, wenn er dich wieder vor allen unterbricht. Und du fragst dich, ob es diesmal gut genug ist, obwohl du längst weißt, dass es bei ihm kein gut genug gibt.
Vielleicht kennst du auch die andere Seite. Die Tage, an denen er dich lobt, vor dem ganzen Team, und du für einen Moment wieder weißt, warum du das alles machst. Die E-Mail um 22 Uhr mit einem knappen „Super“, die dich mehr freut, als sie sollte. Und die Ernüchterung am nächsten Tag, wenn er so tut, als hätte es das nie gegeben.
Und dann ist da noch deine Kollegin. Sie hat denselben Chef. Sie ärgert sich auch, aber am Abend ist es für sie vorbei. Sie schläft. Du nicht. Warum trifft er dich so viel tiefer als sie?
Diese Frage ist der Schlüssel. Sie führt an einen unbequemen Ort, an dem du aber selbst etwas verändern kannst.

Ob er ein Narzisst ist, spielt weniger Rolle, als du denkst

Vielleicht hast du schon viel über Narzissmus gelesen und bist dir sicher: Er erfüllt alle Kriterien. Vielleicht hast du recht. Aber eine Diagnose kann nur jemand stellen, der ihn untersucht hat. Und selbst wenn sie stimmen würde, hätte sie für dich wenig Nutzen. Er wird sich nicht ändern, weil du ihn richtig eingeordnet hast.
Hilfreicher ist ein Blick auf das, was zwischen euch passiert. Menschen mit starken narzisstischen Anteilen brauchen ein Bild von sich, das ständig bestätigt werden muss. Im Job zeigt sich das auf typische Weise: Erfolge des Teams werden zu seinen Erfolgen. Fehler werden zu Fehlern der anderen. Kritik wird als Angriff erlebt. Wer ihn bewundert, steigt auf. Wer widerspricht, wird kaltgestellt. Warum dieses Bild so viel Pflege braucht und warum es dabei gerade nicht um zu viel Selbstliebe geht, steht in Was ist Narzissmus?
All das kann sehr belastend sein. Aber es erklärt noch nicht, warum es dich so viel stärker trifft als andere.

Der Chef ist nie nur der Chef

Die Arbeitswelt ist für unsere Psyche keine neutrale Zone. Sie ist eine Art zweite Familie. Und die Rollen in ihr sind erstaunlich klar verteilt.
Der Arbeitgeber versorgt dich. Er zahlt dein Gehalt, er sichert dein Leben. Damit berührt er eine sehr alte Frage: Werde ich versorgt? Kommt genug? Und der Vorgesetzte bewertet dich. Er sieht, was du leistest, und er entscheidet, ob du sichtbar wirst. Damit berührt er eine andere alte Frage: Werde ich gesehen? Bin ich gut genug?
Diese Fragen hast du dir zum ersten Mal nicht im Job gestellt, sondern als Kind. Die zweite stammt aus der Phase, in der es um Leistung geht, etwa vom vierten bis zum siebten Lebensjahr. Ein Kind will dann zeigen, was es kann, und es braucht jemanden, der hinschaut. In dieser Zeit wendet es sich dem Vater zu, und er wird zum Maßstab dafür, wie man draußen in der Welt besteht. Wie die vier Phasen der frühen Prägung aufeinander aufbauen, beschreibe ich im Grundlagenartikel Prägung in der Kindheit.
Wenn dein Vater damals nicht da war, nicht interessiert oder abwertend, oder wenn auf jede Leistung ein „aber“ folgte, dann trägst du eine offene Frage in dir. Und ein Chef, der genauso funktioniert, trifft diese Frage mit voller Wucht. Er ist für dich nicht einfach ein schwieriger Vorgesetzter. Er ist die Wiederholung einer Szene, die nie zu Ende gespielt wurde.
Deine Kollegin hat vielleicht einen Vater, der sie einfach so gesehen hat. Für sie ist der Chef ein Chef. Für dich ist er etwas anderes.

Warum du dich noch mehr anstrengst

Das führt zu einem Verhalten, das von außen schwer zu verstehen ist. Je weniger Anerkennung du bekommst, desto mehr strengst du dich an. Du machst Überstunden, und jeder Bericht wird noch ein bisschen gründlicher. Als könntest du ihn irgendwann dazu bringen, dich endlich so zu sehen, wie du gesehen werden möchtest.
Wer als Kind Zuwendung vor allem für Leistung bekommen hat, hat genau diese Strategie im Blut. Sie hat damals funktioniert, wenigstens manchmal. Und deshalb fühlt sie sich auch heute richtig an. Aber ein Chef, der in seinem eigenen Bild lebt, kann dich nicht sehen. Er braucht dich als Spiegel, nicht als Menschen. Deine Leistung wird nie reichen, weil es nie um deine Leistung ging. Leisten ist übrigens nur einer von mehreren Wegen, auf denen Kinder sich Zuwendung sichern; die anderen findest du in Bindungsstrategien.
Und dann ist da noch das Lob. Das seltene, unberechenbare Lob, das alle Mühe für einen Moment lohnend macht. Gerade weil es so unregelmäßig kommt, bindet es so stark. Ein Lob, auf das du nie zählen kannst, hält dich fester als eines, das verlässlich kommt. Derselbe Mechanismus hält Menschen in Liebesbeziehungen, die ihnen nicht guttun, und er wirkt im Büro genauso. Wie er funktioniert, zeigt Trauma Bonding.

Was dein Körper dir sagt

Wenn ein Chef dich krank macht, ist das oft wörtlich gemeint. Der Körper reagiert auf eine Bedrohung, der er nicht entkommen kann. Und weil die Bedrohung jeden Werktag wiederkommt, kommt er nicht mehr zur Ruhe.
Das zeigt sich auf ganz unterschiedliche Weise. Die Unruhe, sobald du an seine Rückmeldung denkst. Der Magen, der sich vor dem Jour fixe meldet. Kopfschmerzen, die genau dann kommen, wenn du ihm eine Mail schreiben musst. Schlaf, der nicht mehr erholt. Infekte, die nicht mehr ganz weggehen. Und irgendwann die Erschöpfung, die man Burnout nennt, und die oft weniger mit der Menge der Arbeit zu tun hat als mit der Spannung, unter der sie geleistet wird.
Dein Körper unterscheidet nicht zwischen einem schreienden Vater und einem kühlen Vorgesetzten. Er reagiert auf das Muster. Und wenn das Muster vertraut ist, reagiert er mit allem, was er damals gelernt hat.
Was er dabei festhält, ist meistens nicht neu. Es ist der Protest des Kindes, das übersehen wurde, und die Enttäuschung darüber, dass das Bild wieder nicht angeschaut wird. Beides bleibt im Meeting unausgesprochen, weil es dort nichts zu suchen hat. Also landet es im Nacken, im Kiefer oder im Magen. Spannung ist ein Impuls, der nicht nach außen darf, und unter einem Chef, der dich nicht sieht, gibt es viele davon.

Dein eigener Anteil

Ich spreche hier nicht von Schuld. Wer verletzend führt, trägt dafür die Verantwortung. Aber es hilft dir, auf deinen Teil des Spiels zu schauen. Denn nur dort hast du einen Hebel.
Vielleicht ist es die Hoffnung, ihn doch noch zu gewinnen. Die Vorstellung, dass du derjenige sein wirst, dem er endlich Anerkennung gibt. Das fühlt sich nach Ehrgeiz an. Im Kern ist es dieselbe Hoffnung, die ein Kind hat, wenn es dem Vater zum zehnten Mal ein Bild zeigt.
Vielleicht ist es die Rolle des Retters. Du fängst das Team auf und glättest seine Ausfälle, und den anderen erklärst du, wie er es eigentlich gemeint hat. Damit hältst du das System am Laufen, das dich krank macht.
Vielleicht ist es die Deutungshoheit, die du abgibst. Wenn er sagt, deine Arbeit sei nicht gut, glaubst du ihm, auch wenn alle anderen sie gut finden. Sein Urteil wiegt mehr als dein eigenes. Und vielleicht ist es auch eine gewisse Bequemlichkeit: Solange er der Grund für dein Unglück ist, musst du nicht entscheiden, ob du gehst.
Nichts davon macht dich zum Mitschuldigen. Es zeigt nur, dass du eine sehr alte Strategie in einem neuen Umfeld anwendest. Und es zeigt dir, wo du ansetzen kannst.

Warum es nichts bringt, ihn zu konfrontieren

Irgendwann kommt bei vielen der Wunsch, ihm endlich die Wahrheit zu sagen. Im Mitarbeitergespräch vielleicht oder in einer langen E-Mail. Das ist verständlich, und manchmal ist eine klare Grenze nötig. Aber die Hoffnung, dass er dann einsieht, was er tut, wird sich fast nie erfüllen.
Wer sein Selbstbild ständig schützen muss, hört in deiner Kritik keine Rückmeldung, sondern einen Angriff. Also verteidigt er sich, mit Abwertung oder indem er die Geschichte so erzählt, dass am Ende du das Problem bist. Und in einer Hierarchie hat er dabei die besseren Karten.
Wenn du eine Grenze ziehst, dann tu es für dich. Nicht, um ihn zu ändern. Sondern damit du dich selbst nicht weiter verlässt.

Was dir im Umgang mit ihm hilft

Trenne innerlich den Chef vom Vater. Wenn er dich wieder trifft, frag dich, wessen Blick du gerade eigentlich suchst. Oft fühlst du dich in diesem Moment weniger wie ein erwachsener Profi als wie ein Kind, das sein Bild hochhält. Allein dieses Erkennen schafft einen kleinen Abstand. Er ist dein Vorgesetzter. Er ist nicht der Mensch, der über deinen Wert entscheidet.
Hör auf, um seine Anerkennung zu werben. Mach deine Arbeit gut, weil du sie gut machen willst. Nicht, weil du hoffst, dass er es endlich sieht. Das ist leichter gesagt als getan. Aber du wirst merken, wie viel Energie frei wird, wenn du ihm nicht mehr gefallen musst.
Hol dir andere Spiegel. Solange sein Urteil das einzige ist, das zählt, hat er eine Macht über dich, die ihm nicht zusteht. Frag Kolleginnen oder Kunden, deren Urteil du traust, wie sie deine Arbeit sehen, und lass ihre Antwort genauso viel wiegen wie seine. Wird es ernster, etwa bei Mobbing, Benachteiligung oder Gesundheitsfolgen, lohnt sich der Weg zum Betriebsrat, zur Personalabteilung oder zu einer Fachanwältin für Arbeitsrecht. Dann hilft es, wenn du vorher notiert hast, was wann gesagt wurde.
Lass die Wut zu, die du ihm gegenüber nicht zeigen kannst. Nicht im Büro, sondern für dich. Die Wut ist da, und solange sie nicht sein darf, richtet sie sich gegen dich, als Selbstzweifel und als Erschöpfung. Was zurückgehaltene Wut auf Dauer anrichtet, ist das Thema von Unterdrückte Wut.
Und entscheide bewusst. Bleiben oder gehen ist eine echte Entscheidung, keine Niederlage in die eine oder andere Richtung. Wer bleibt, weil er Angst vor dem Gehen hat, ist nicht frei. Wer geht, ohne das Muster verstanden zu haben, nimmt es mit. Denn auch der nächste Chef wird Chef sein. Die Frage ist, ob er dann noch so viel Macht über dich hat.
Wenn du bereits gesundheitliche Folgen spürst, wie anhaltende Schlafstörungen, Herzrasen, Panik oder eine Erschöpfung, die nicht mehr weggeht, sprich bitte mit deiner Hausärztin, und zwar bevor du entschieden hast, wie es im Job weitergeht. Dein Körper wartet nicht auf diese Entscheidung.
Weitere Artikel über Beziehungsmuster, auch im Job, findest du unter Beziehungen & Muster.
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