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Erik RulandsMit Erik sprechen

Toxischer Chef:Die Anzeichen, die du spürst, bevor du sie benennen kannst

Sonntagabend zieht sich dein Magen zusammen. Im Meeting wählst du jedes Wort. Und wenn du jemandem erklären willst, was eigentlich los ist, klingt es harmlos. Ein toxischer Chef ist selten laut. Er ist vor allem schwer zu fassen.

Erik RulandsErik Rulands · 15. Oktober 2026 · 9 Min. Lesezeit
Ein Mann im Anzug sitzt am Schreibtisch und stützt den Kopf in die Hände
Es ist Sonntagabend, kurz nach acht. Der Tag war eigentlich schön. Und dann, ohne dass etwas passiert wäre, legt sich etwas auf deine Brust. Morgen ist Montag. Um zehn ist das Teammeeting. Du gehst im Kopf schon durch, was du sagen wirst und was du besser nicht sagst.
Wenn du jemandem erklären sollst, was eigentlich los ist, wird es schwierig. Dein Chef schreit nicht. Er beleidigt niemanden offen. Er sagt Dinge wie: Das hatte ich anders verstanden. Oder: Interessant, dass du das so siehst. Oder er sagt gar nichts, und du weißt nicht, warum. Erzählt klingt das alles harmlos. Erlebt ist es zermürbend.
Genau das macht toxische Führung so schwer zu benennen. Sie zeigt sich selten in einzelnen Vorfällen, die man jemandem vorlegen könnte. Sie zeigt sich in einem Klima. Und das Erste, was dieses Klima verändert, ist deine Wahrnehmung von dir selbst.

Die Anzeichen, die du eher spürst als siehst

Die meisten Listen zu diesem Thema zählen Verhaltensweisen auf: Er nimmt Erfolge für sich in Anspruch und kritisiert vor anderen. Das stimmt alles. Aber die verlässlicheren Anzeichen liegen oft bei dir.
Du bereitest dich auf Gespräche vor wie auf Verhöre. Du überlegst nicht, was du sagen willst, sondern was du nicht sagen darfst. Du formulierst Mails dreimal um, damit kein Satz angreifbar ist.
Du zweifelst an deiner Erinnerung. Nach Gesprächen fragst du dich, ob es wirklich so war, wie du es erlebt hast. Ob du vielleicht überempfindlich bist. Ob du das falsch verstanden hast, so wie er es behauptet.
Deine Stimmung hängt an seiner. Du liest seine Laune am Ton seiner ersten Mail und daran, ob er morgens grüßt. Danach richtest du deinen Tag aus.
Dein Körper reagiert, bevor du denkst. Du hast Herzklopfen, wenn sein Name auf dem Bildschirm aufleuchtet, und einen verspannten Nacken, der am Wochenende besser wird und am Montag zurückkommt. Vor wichtigen Terminen schläfst du schlecht.
Du verstummst. Menschen, die dich länger kennen, sagen vielleicht, dass du dich verändert hast. Dass du weniger lachst und kaum noch von dir erzählst. Und du merkst, dass du in Meetings schweigst, obwohl du früher Ideen hattest.

Was dabei eigentlich passiert

Im Kern greift jede toxische Dynamik zwei Dinge an: die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit selbst zu lenken, und die Deutungshoheit über das eigene Erleben. Was das allgemein bedeutet und woran du es in Beziehungen erkennst, steht in Toxische Beziehung erkennen. Im Job hat dieser Angriff eine eigene Form, weil er sich hinter Sachfragen verstecken kann.
Die Aufmerksamkeit wird über die Arbeit selbst umgelenkt. Prioritäten wechseln von Woche zu Woche, dringende Anfragen kommen am Abend, und keine Aufgabe kannst du in deinem eigenen Rhythmus zu Ende denken. Das lässt sich als Tempo oder Flexibilität verkaufen. Und die Deutungshoheit wird über Zuständigkeiten untergraben: Absprachen, an die du dich erinnerst, hat es so nie gegeben, und wenn du nachfragst, hast du etwas falsch verstanden. Weil er derjenige ist, der Ziele setzt und Leistung beurteilt, hat seine Version der Dinge in der Firma mehr Gewicht als deine.
Wer über längere Zeit in so einem Umfeld arbeitet, verliert nicht nur Energie. Er verliert das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, und dieser Schaden geht tiefer als jede einzelne Kränkung.

Warum dich seine Unberechenbarkeit so tief trifft

Ein Chef versorgt dich und er bewertet dich, und beides waren einmal Aufgaben deiner Eltern. Warum derselbe Vorgesetzte deshalb manche Kollegen kaum berührt und andere bis in den Schlaf verfolgt, erkläre ich ausführlich in Narzisstischer Chef. Bei toxischer Führung kommt etwas hinzu, das noch früher ansetzt: Sie ist unberechenbar. Heute ist er freundlich, morgen eisig, und nie ist klar, woran es liegt.
Unberechenbarkeit berührt die allererste Grundfrage, die sich ein Mensch stellt: Bin ich sicher? Sie gehört in die Phase, in der es um Vertrauen geht, von der Geburt bis etwa zum achten Lebensmonat. Wer damals wenig Halt erlebt hat und auch später nie wusste, in welcher Verfassung ein Elternteil nach Hause kommt, hat gelernt, Stimmungen zu lesen, bevor jemand ein Wort sagt. Diese Wachsamkeit war eine kluge Lösung. Sie hat geholfen, rechtzeitig auszuweichen oder sich klein zu machen.
Unter einem launischen Chef springt sie wieder an. Das Lesen seiner Laune, das du weiter oben vielleicht wiedererkannt hast, ist genau diese alte Wachsamkeit. Dein Körper bleibt den ganzen Arbeitstag in Bereitschaft, auch in den Stunden, in denen er gar nicht im Haus ist. Kollegen, die mit verlässlicheren Eltern aufgewachsen sind, registrieren seine Launen auch, aber sie nehmen sie nicht mit nach Hause.
Wie solche frühen Erfahrungen entstehen und warum sie sich so hartnäckig halten, liest du in Prägung in der Kindheit.

Die Strategien, mit denen du durchhältst

Fast jeder Mensch, der unter einem toxischen Chef arbeitet, entwickelt eine Strategie, um durchzuhalten. Und fast immer ist es eine, die er schon kennt.
Manche werden besonders angepasst. Sie liefern, bevor jemand fragt, und vermeiden jeden Widerspruch. Damit kaufen sie sich eine trügerische Ruhe. Wie aus dieser Anpassung ein ganzes Lebensmuster werden kann, zeigt People Pleaser.
Andere werden besonders leistungsstark. Sie arbeiten länger und gründlicher, in der Hoffnung, irgendwann so gut zu sein, dass die Kritik aufhört. Sie hört nicht auf. Denn sie hatte nie etwas mit der Qualität der Arbeit zu tun.
Wieder andere gehen in den stillen Widerstand. Sie machen Dienst nach Vorschrift und lästern in der Kaffeeküche. Das fühlt sich besser an als Unterwerfung, verändert aber ebenso wenig.
Und manche werden krank. Nicht absichtlich, aber auffällig oft dann, wenn ein wichtiger Termin ansteht oder eine Konfrontation droht. Der Körper übernimmt, was du nicht aussprechen darfst: Ich kann nicht mehr. Eine Krankmeldung ist dann manchmal das einzige Nein, das sich noch erlaubt anfühlt.
Wer genau hinsieht, erkennt in diesen Reaktionen die vier Wege, auf denen schon Kinder sich Nähe sichern: lieb sein, leisten, rebellieren und Sorge erzeugen. Mehr über sie steht in Bindungsstrategien. Diese Strategien sind keine Schwäche. Sie haben dich einmal geschützt. Aber sie haben eines gemeinsam: Sie halten dich in der Beziehung zu ihm, statt dich bei dir ankommen zu lassen.

Wenn das Team zur Familie wird

Ein toxischer Chef wirkt selten nur auf einzelne Menschen. Er verändert das ganze Team. Und oft entsteht dabei eine Struktur, die sich erschreckend vertraut anfühlt, weil sie einer schwierigen Familie gleicht.
Da gibt es die Lieblinge, die eine Zeit lang in der Gunst stehen und genau wissen, dass sie sie jederzeit verlieren können. Da gibt es den Sündenbock, an dem sich die schlechte Laune entlädt. Und da gibt es die Kollegin, die zwischen allen vermittelt und abends erschöpft nach Hause geht. Jeder hat eine Rolle, und kaum jemand hat sie bewusst gewählt.
Wenn du dich in einer dieser Rollen wiedererkennst, lohnt sich eine ehrliche Frage: Kennst du diese Rolle von früher? Viele Menschen nehmen in einem toxischen Team genau den Platz ein, den sie in ihrer Herkunftsfamilie hatten. Wer als Kind vermittelt hat, vermittelt auch hier. Wer als Kind der Schwierige war, wird es auch hier.
Diese Erkenntnis entlastet niemanden von der Verantwortung für sein Verhalten, auch den Chef nicht. Aber sie zeigt dir, wo dein Handlungsspielraum liegt. Du kannst eine Rolle nicht ablegen, die du nicht siehst. Wenn du sie siehst, kannst du anfangen, dich anders zu verhalten. Das braucht keine großen Gesten. Es reicht, einmal nicht zu vermitteln oder einmal etwas zu sagen, statt zu schweigen. Und das Team wird darauf reagieren, so wie eine Familie reagiert, wenn jemand aus seiner Rolle fällt.

Wenn der Feierabend nicht mehr kommt

Ein toxischer Chef endet nicht um siebzehn Uhr. Er sitzt mit am Abendbrottisch, und er ist unter der Dusche dabei. Viele führen innerlich Dialoge, in denen sie endlich sagen, was sie im Meeting nicht gesagt haben.
Diese inneren Dialoge sind ein deutliches Zeichen. In ihnen will etwas nach außen, das im Büro nicht sein durfte, und meistens ist es Wut. Und Wut, die nicht nach außen darf, geht nach innen, als Erschöpfung oder als Nacken, der sich nicht mehr löst. Was das mit dir macht, liest du in Unterdrückte Wut und in Nicht abschalten können.

Was du für dich tun kannst

Halte Absprachen schriftlich fest. Schick nach wichtigen Gesprächen eine kurze Mail: Wie besprochen, übernehme ich bis Freitag dies und das. Das ist im Arbeitsleben üblich und wirkt nicht wie ein Angriff. Es sorgt dafür, dass es eine Version der Ereignisse gibt, die nicht nur in seinem Kopf existiert. Und wenn du später an deiner Erinnerung zweifelst, kannst du nachlesen.
Frag Menschen, die dich von vor diesem Job kennen. Sie sehen oft schneller als du, was sich an dir verändert hat. Wenn es in deinem Unternehmen einen Betriebsrat gibt, kann er eine vertrauliche Anlaufstelle sein.
Hol deine Aufmerksamkeit zurück. Bemerke die Momente, in denen du ihn liest: wenn du auf seine Schritte im Flur horchst oder seine Mail dreimal auf einen Unterton prüfst. Halte dann kurz an und spür, wo du gerade sitzt und wie dein Atem geht. Das nimmt seinem Verhalten nichts von seiner Ungerechtigkeit. Aber es holt dich aus der alten Wachsamkeit für einen Moment zu dir zurück, und nur dort kannst du etwas verändern.
Setze kleine Grenzen. Grenzen müssen nicht dramatisch sein. Eine Mail am Sonntag erst am Montag beantworten. In einem Meeting sagen: Das sehe ich anders. Jede kleine Grenze, die du hältst, stärkt etwas in dir, das lange geschwiegen hat.
Nimm deinen Körper ernst. Wenn du dauerhaft schlecht schläfst, dein Magen rebelliert oder du dich kaum noch erholst, sprich mit deinem Hausarzt. Dein Körper ist manchmal der Erste, der weiß, dass es so nicht weitergeht.
Und erlaube dir, zu gehen. Manchmal ist die gesunde Antwort auf einen toxischen Chef nicht, besser mit ihm umzugehen, sondern ihn zu verlassen. Das ist keine Niederlage, sondern eine Entscheidung für dich. Wenn dir das Gehen schwerer fällt, als es die Lage erklären würde, lohnt sich ein Blick in Toxische Beziehung beenden. Vieles davon gilt auch für den Job.
Weitere Beiträge über Beziehungsmuster findest du unter Beziehungen & Muster.
Erik Rulands
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