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Arbeitssucht: Für wen du immer noch rödelst

Du arbeitest weiter, obwohl nichts brennt. Warum Arbeitssucht selten Ehrgeiz ist, welcher alte Blick dich antreibt und welche Trauer unter dem Rödeln liegt.

Erik RulandsErik Rulands · 24. Oktober 2026 · 12 Min. Lesezeit
Ein halb aufgeklappter Laptop leuchtet in einem dunklen Raum
Sonntag, kurz nach vier. Die Kinder spielen im Garten, der Kuchen steht noch auf dem Tisch, und du sagst, du schaust nur kurz in die Mails. Eine Stunde später sitzt du immer noch am Laptop und hast eine Präsentation umgebaut, die erst in drei Wochen fällig ist. Niemand hat danach gefragt.
Oder der Abend nach einem richtig guten Quartal. Die Zahlen stimmen, das Team läuft, und eigentlich könntest du die Füße hochlegen. Stattdessen liegst du im Bett und gehst die Liste für morgen durch, als hinge an jedem Punkt die ganze Firma.
Von außen nennt man das fleißig. Du selbst nennst es manchmal Verantwortung und manchmal, wenn du ehrlich bist, Rödeln. Das Wort passt gut, weil es nach Bewegung klingt und nicht nach Ziel. Wer rödelt, kommt nicht an. Er hält etwas in Gang.
Ich glaube nicht, dass Arbeitssucht in erster Linie mit Ehrgeiz zu tun hat. Ehrgeiz will etwas erreichen und gibt Ruhe, wenn es geschafft ist. Das Rödeln gibt keine Ruhe, wenn etwas geschafft ist, und nicht einmal dann, wenn nichts brennt. Mich interessiert deshalb weniger, wie du weniger arbeitest. Mich interessiert, für wen du eigentlich immer noch arbeitest.

Viel arbeiten ist nicht dasselbe wie nicht aufhören können

Es gibt Zeiten, in denen viel Arbeit einfach dran ist, eine Gründung etwa oder ein großer Auftrag. Danach kann man wieder loslassen, und das fühlt sich gut an. Arbeitssucht erkennst du nicht an der Zahl der Stunden. Du erkennst sie daran, was passiert, wenn du aufhörst. Dann kommt keine Erleichterung, sondern Unruhe, ein Druck in der Brust oder ein schlechtes Gewissen ohne Anlass. Die Arbeit ist dann nicht mehr nur Arbeit. Sie regelt einen Zustand in dir.
Eine eigene Diagnose ist Arbeitssucht in den gängigen medizinischen Klassifikationen nicht. Erforscht wird sie trotzdem. In einer großen Befragung von über 16.000 Beschäftigten in Norwegen erfüllten knapp acht Prozent die Kriterien, die das Forschungsteam für Arbeitssucht angelegt hatte. Diese Menschen berichteten häufiger von Beschwerden, wie sie zu Angststörungen, Depressionen, ADHS oder Zwangsstörungen gehören, am deutlichsten bei Angst und ADHS. Die Zusammenhänge waren insgesamt eher klein, und eine Befragung sagt nichts darüber, was Ursache ist und was Folge. Sie passt aber zu dem, was ich für den Kern halte: Arbeit kann ein Mittel gegen Angst sein.
Deshalb gleich hier ein klarer Satz. Wenn du kaum noch schläfst, wenn dein Herz auch in ruhigen Momenten rast oder wenn alles grau und schwer geworden ist, lass das ärztlich oder psychotherapeutisch abklären, bevor du dich mit Mustern beschäftigst. Das gilt erst recht, wenn du Alkohol oder Tabletten brauchst, um abends herunterzukommen, oder etwas Aufputschendes, um morgens zu funktionieren. Dann sind deine Hausärztin oder eine Suchtberatungsstelle der richtige erste Schritt, und das ist keine Niederlage.

Was soll die Arbeit in dir herstellen?

Ich verstehe jede Sucht als eine Suche. Wer immer wieder zu einem Mittel greift, sucht etwas, das ihm fehlt. Das Mittel tröstet für einen Moment, so wie ein Kuscheltier ein kleines Kind tröstet, wenn die Mutter nicht im Raum ist. Genau deshalb muss man immer wieder danach greifen. Ein Tröster ersetzt nicht, was fehlt. Er überbrückt nur die Zeit, bis es wieder fehlt.
Arbeit ist ein besonders gut getarnter Tröster. Sie macht nicht betrunken, und wer sich in sie flüchtet, bekommt Anerkennung statt besorgter Blicke. Wie sich das für den Menschen anfühlt, der zu Hause wartet, zeigt Workaholic in der Beziehung. Hier geht es um die Innenseite.
Dabei hilft eine Frage weiter als die übliche, wie viel denn zu viel ist. Sie lautet: Was soll die Arbeit in mir herstellen? Manche brauchen sie, um sich überhaupt zu spüren, wie einen Kaffee, der den Pegel hebt. Andere brauchen sie zum Dämpfen, als gleichmäßiges Geräusch, unter dem alles andere leise bleibt. Wenn du dir die Frage ehrlich stellst, tauchen oft zwei Antworten auf, die zusammengehören. Die Arbeit soll einen Blick zufriedenstellen. Und sie soll eine Ungewissheit in Schach halten, die sich bedrohlich anfühlt.
Vorher noch etwas Entlastendes. Niemand fängt an, sich mit einem Mittel zu regulieren, solange er sich selbst regulieren kann. Die Fähigkeit, nach Anspannung wieder in Ruhe zu kommen, bringt jeder Mensch mit. Wenn die Arbeit diese Aufgabe übernommen hat, ist die eigene Fähigkeit irgendwann verschüttet worden. Das ist keine Charakterschwäche, sondern eine Spur.

Der Blick, der nicht wegschaut

Frag dich einmal, wessen Gesicht dir einfällt, wenn du dir vorstellst, einen ganzen Nachmittag lang nichts zu schaffen. Nicht das des Kunden, der hätte nichts dagegen. Gemeint ist das Gesicht, das danach noch übrig bleibt.
Wer diese Frage ehrlich zulässt, findet manchmal nur einen einzigen Blick. Er gehört oft einem Elternteil oder einem Menschen, der wie ein Elternteil war. Und er hat einen bestimmten Ausdruck. Er ist nicht böse. Er wartet darauf, dass endlich etwas aus dir wird.
Das ist etwas anderes als ein Publikum, das klatschen soll. In Erfolgreich, aber unglücklich geht es um den Applaus, der nie ankommt. Der Erwartungsblick will keinen Applaus. Er will, dass du dich bewährst, und weil er nie sagt, wann es genug ist, bleibt er offen. Zufriedenstellen kannst du so einen Blick nicht, nur beschäftigen. Hört die Arbeit auf, spürst du ihn wieder im Nacken.
Das Erstaunliche ist, wie unabhängig dieser Blick von dem Menschen geworden ist, dem er einmal gehört hat. Vielleicht ist dieser Mensch alt geworden und interessiert sich längst mehr für seine Tomaten als für deinen Umsatz. Oder er lebt nicht mehr. Der Blick lebt trotzdem weiter, denn er wohnt nicht bei ihm, sondern in dir. Du reagierst auf einen Menschen, den es in dieser Form nicht mehr gibt.
Oft beginnt das Rödeln auch gar nicht in der frühen Kindheit, sondern an einer späteren Schwelle. Bei der Berufswahl zum Beispiel, als du mit achtzehn oder zwanzig entscheiden musstest, was aus dir werden soll, und dieser Blick plötzlich mit am Tisch saß. Vorbereitet wird so etwas aber oft früher. Häufig führt die Spur in die Jahre zwischen etwa vier und sieben, in denen ein Kind gesehen werden will und manchmal vor allem für das gesehen wurde, was es konnte. Wie diese Zeit mit den Jahren davor zusammenhängt, steht in Prägung in der Kindheit.

Arbeit als Mittel gegen das Ungewisse

Der zweite Teil der Antwort ist leiser. Solange du arbeitest, tust du etwas gegen eine Zukunft, die niemand kennt. Jede Zahl, die du noch einmal geprüft hast, fühlt sich an wie ein Stück befestigter Boden. Wer rödelt, kontrolliert, wenn nicht andere Menschen, dann das Ungewisse.
Hier hilft es, zwei Dinge auseinanderzuhalten, die leicht verwechselt werden. Kontrolle ist der Versuch, das Ergebnis festzuhalten, bevor es da ist. Selbstwirksamkeit ist das Vertrauen, dass du auf das antworten kannst, was kommt, auch wenn du es vorher nicht weißt. Kontrolle braucht ständig Nachschub, weil die Zukunft nie fertig kontrolliert ist. Wer rödelt, hält das eine oft für das andere und nennt seine Unruhe Verantwortungsgefühl.
Wie sich die Ungewissheit anfühlt, verrät dir manches darüber, woher sie kommt. Fühlt sie sich an wie ein Fallen ohne Boden, als könnte jederzeit alles wegbrechen, reicht sie oft sehr weit zurück, in die allererste Zeit, in der sich entschied, ob die Welt überhaupt ein sicherer Ort ist. Wie dieser alte Wachposten nach Feierabend weiterläuft, zeigt Nicht abschalten können. Fühlt sie sich eher an wie die Sorge, dass dann eben nichts aus dir wird, gehört sie meist zu dem wartenden Blick. Beides sind Hinweise zum Nachspüren, keine Zuordnung, und bei vielen laufen die beiden Spuren ineinander.

Was unter dem Rödeln liegt

Jetzt kommt der Teil, der mir an diesem Muster am wichtigsten ist. Gefühl kann sich in zwei Grundrichtungen bewegen. Nach außen, das ist Wut, die Kraft, die durch etwas hindurch will. Nach innen, das ist Trauer, die Kraft, die loslässt, was nicht mehr zu haben ist. Jede der beiden kann gedeckelt sein, oder auch beide zugleich. Bei Arbeitssucht lohnt es sich besonders, nach der Trauer zu schauen.
Von außen sieht Rödeln aus wie Kraft nach außen. Es hat Tempo, und es packt an. Aber es drückt gegen eine Wand, die nicht nachgibt. Der Blick, für den du arbeitest, kann dir nicht mehr geben, was du damals von ihm gebraucht hättest, und vielleicht konnte er es nie. Was hier eigentlich dran wäre, ist nicht noch mehr Anstrengung, sondern das Gegenteil, nämlich anzuerkennen, dass dieser Mensch nie sagen wird, dass es reicht, und dass das Ziel, für das du seit Jahren arbeitest, so gar nicht zu erreichen ist.
Das ist Trauer, und solange du arbeitest, musst du sie nicht fühlen. Jede neue Aufgabe verschiebt den Moment, in dem du dir eingestehen müsstest, dass es vorbei ist. Das Rödeln verwaltet also zweierlei, den Blick, der wartet, und die Traurigkeit darüber, dass er nie aufhören wird zu warten. Was Trauer eigentlich erledigen will und warum sie sich so schwer erlauben lässt, ist das Thema von Nicht weinen können.
Manchmal liegt neben der Trauer auch Wut. Wut auf eine Erwartung, die nie deine eigene war, und auf die Jahre, die du ihr gegeben hast. Auch sie hat im Rödeln keinen Platz, denn wer liefert, widerspricht nicht. Ihr eigentlicher Ausdruck wäre ein Nein zu dem alten Auftrag.
Dein Körper weiß das oft früher als dein Kopf. Achte einmal darauf, was in den ersten Minuten geschieht, wenn du die Arbeit wirklich weglegst. Bei manchen wird es eng in der Brust oder im Hals, bei anderen steigt ein Druck hinter den Augen auf, der sich nicht nach Müdigkeit anfühlt. Spannung ist sehr oft ein zurückgehaltener Impuls, und an dieser Stelle ist es häufig der Impuls zu weinen. Wer dann sofort wieder zum Laptop greift, hat nichts falsch gemacht. Er hat nur eine sehr alte und sehr wirksame Lösung benutzt.

Warum Urlaub und gute Vorsätze es nicht lösen

Ein langer Urlaub hilft meist eine Weile, feste Arbeitszeiten auch. Dann wandert das Rödeln weiter, und der Garten wird zum Projekt und der Urlaub zur Planungsaufgabe.
Mit fehlender Disziplin hat das wenig zu tun. Wer nur sein Verhalten ändert, lässt die Haltung darunter unberührt, und die sucht sich einen neuen Ausdruck. Solange in dir der Blick wartet und die Zukunft sich bedrohlich anfühlt, braucht etwas in dir das Rödeln. Ein Verbot nimmt ihm das Mittel weg, aber nicht die Not. Auch der Gedanke, es fehle dir einfach an Willen, führt in die Irre. Wer irgendwann wirklich aufhört, erzählt hinterher gern von dem Tag, an dem er sich entschieden hat. Tatsächlich hat sich über lange Zeit etwas im Gefühl verschoben, und dieser Tag sammelt es nur ein.
Bei Unternehmern hat der Ausweg oft schon ein Datum. Noch ein paar Jahre, dann verkaufe ich die Firma, und dann ist Ruhe. Ich verstehe diese Hoffnung gut. Aber sie legt die Lösung in die Zukunft und nach außen, genau dorthin, wo das Rödeln sie ohnehin sucht. Wohlstand ist nicht Freiheit. Mit Geld kannst du dir Zeit kaufen, aber nicht die Freiheit von einer inneren Spannung, die dich weitertreibt, wenn draußen längst alles geregelt ist. Warum man aus vielen Jahren in einer Rolle nicht einfach aussteigt wie aus einem Zug, beschreibe ich in Sich über die Arbeit definieren.

Wenn „Ich weiß nicht, wie es weitergeht“ normal wird

Was passiert, wenn die Trauer kommen darf? Aus meiner Sicht verliert dann der Blick an Gewicht. Nicht, weil du ihm endlich genügt hast, sondern weil du aufhörst, auf sein Urteil zu warten. Der Mensch, dem er gehört hat, rückt an den Platz, an dem er heute tatsächlich steht, in sein eigenes Leben oder in die Vergangenheit. Und auf einmal schaut niemand mehr erwartungsvoll auf dich.
Dann wird ein Satz möglich, der dich vorher in Unruhe versetzt hätte: Ich weiß nicht genau, wie es weitergeht. Der Satz ist schlicht wahr, auch für den, der bis Mitternacht Tabellen pflegt. Solange die Trauer gedeckelt ist, fühlt sich diese Wahrheit bedrohlich an. Wenn sie gefühlt werden durfte, fühlt sich dieselbe Wahrheit normal an. Nicht unbedingt beruhigend, aber normal. An die Stelle der Kontrolle tritt das Vertrauen in deine eigene Antwort auf das, was kommt.
Ein paar Dinge kannst du selbst tun, ohne daraus ein neues Projekt zu machen.
Nimm die Schwelle ernst. Der Moment, in dem du „nur kurz“ in die Mails schauen willst, ist der aufschlussreichste des Tages. Halte dort einen Atemzug lang an und spür nach, was in dir los ist. Du musst danach nicht aufhören.
Frag nach dem Blick. Wenn du merkst, dass du für jemanden arbeitest, frag dich, wer das ist und wo dieser Mensch heute wirklich steht, wie alt er ist und womit er seine Tage verbringt. Der Abstand zwischen dem Blick in dir und dem Menschen draußen ist oft größer, als du denkst.
Lass etwas Unfertiges liegen. Eine kleine Aufgabe, bei der ein offener Stand niemandem schadet, darf über Nacht liegen bleiben. Spür, was dann in dir passiert.
Sag den Satz. Sag „Ich weiß nicht, wie es weitergeht“ einmal laut, an einem ruhigen Abend, und achte darauf, was dein Körper damit macht. Wird es eng, zeigt dir das, wie viel bisher an der Arbeit hing. Kommt Traurigkeit, lass sie da sein, so lange sie dauert.

Warum sich das eher in Begleitung löst

Ein Erwartungsblick ist zwischen Menschen entstanden, und eine Trauer, die nie Platz hatte, findet ihn selten allein am Schreibtisch. Allein kommt der Kopf schnell auf die Idee, auch das Trauern abzuarbeiten. Was hilft, ist ein Gegenüber, das nichts von dir erwartet und nicht wegschaut, wenn es dir eng wird. In so einem Kontakt erlebst du, wie es ist, angeschaut zu werden, ohne etwas liefern zu müssen. Genau diese Erfahrung konnte dir der alte Blick nie geben, und durch Verstehen allein lässt sie sich nicht ersetzen.
Mentoring ist dafür nicht immer der richtige Rahmen. Wenn die Arbeit dein Leben so bestimmt, dass deine Gesundheit oder deine Familie ernsthaft darunter leiden, oder wenn du Substanzen brauchst, um durchzuhalten oder herunterzukommen, gehört das zuerst in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Wo die Grenze verläuft, steht in Coaching oder Therapie. Fragen kannst du auch bei einer Suchtberatungsstelle, und mit den Anonymen Arbeitssüchtigen gibt es Selbsthilfegruppen, in denen sich Menschen mit genau diesem Muster treffen und gegenseitig stützen. Wenn aus der Erschöpfung eine Schwere wird, aus der du kaum noch herausfindest, oder wenn Gedanken auftauchen, nicht mehr leben zu wollen, sprich bitte noch heute mit jemandem. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichbar, im Notfall wähle die 112.
Mehr über Leistung und das, was darunter wartet, findest du unter Leistung & Umsetzung.
Quellen und Bezüge1 Quelle

Andreassen, C. S. / Griffiths, M. D. / Sinha, R. / Hetland, J. / Pallesen, S. — The Relationships between Workaholism and Symptoms of Psychiatric Disorders: A Large-Scale Cross-Sectional Study
PLOS ONE 11 (5), 2016, e0152978.
DOI: 10.1371/journal.pone.0152978

Erik Rulands
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