Handysucht: Was du auf dem Bildschirm suchst, wenn du nicht bei dir sein kannst
Der Griff zum Handy beruhigt selten Langeweile. Oft beruhigt er das Gefühl, ohne Antwort von außen nicht da zu sein, und genau das kann kein Bildschirm stillen.
Der Aufzug braucht vom Erdgeschoss bis in den vierten Stock vielleicht zwanzig Sekunden. Du hast das Handy schon in der Hand, bevor sich die Tür geschlossen hat. Du hast nichts nachgesehen, was du wissen wolltest. Du hast nur nachgesehen. Am Abend läuft auf dem Sofa eine Serie, und auf deinem Schoß liegt das Handy, auf dem du durch Bilder von Menschen wischst, die du kaum kennst. Und wenn das Handy einmal im anderen Zimmer liegt, merkst du nach ein paar Minuten eine Unruhe, die du nicht recht benennen kannst. Spätestens dann taucht vielleicht das Wort Handysucht in deinem Kopf auf.
Vielleicht hast du schon Apps gelöscht und wieder installiert. Handysucht ist ein Wort, das viele halb im Scherz über sich sagen, und meistens steckt dahinter der ernste Verdacht, dass da etwas nicht mehr freiwillig ist. Ich möchte in diesem Beitrag keine Tipps zum Entgiften geben. Mich interessiert der kurze Moment, bevor die Hand zur Tasche geht. Denn in diesem Moment fehlt etwas, und es ist fast nie Unterhaltung.
Gleich vorweg: Wenn du die Nutzung nicht mehr steuern kannst, obwohl du es ernsthaft willst, wenn dein Schlaf oder deine Beziehungen spürbar darunter leiden oder wenn ohne Handy Panik oder eine Niedergeschlagenheit hochkommt, die nicht weicht, dann sprich mit deiner Hausärztin oder einer Psychotherapeutin. Auch eine Suchtberatungsstelle kann eine gute Adresse sein. Viele beraten inzwischen auch bei problematischer Mediennutzung, und dort kann man dir oft sagen, ob es in deiner Nähe eine Selbsthilfegruppe gibt. Wer diesen Weg geht, nimmt sich ernst. Wo die Grenze zwischen Begleitung und Behandlung verläuft, steht in Coaching oder Therapie.
Was in den zwanzig Sekunden im Aufzug fehlt
Achte einmal darauf, wann genau du zum Handy greifst. Erstaunlich selten ist es in einem Moment, in dem dir langweilig ist. Viel öfter ist es ein Übergang. Das Meeting ist zu Ende, und der nächste Termin hat noch nicht begonnen. Du hast eine Nachricht abgeschickt und wartest. Die Ampel ist rot, oder das Kind ist gerade im Kindergarten verschwunden, und du stehst noch einen Augenblick auf dem Gehweg. Es sind die Momente, in denen gerade niemand auf dich reagiert und du auch nichts zu erledigen hast.
In diesen Momenten taucht bei vielen ein sehr leises Gefühl auf. Es ist keine Leere im großen Sinn und auch keine Traurigkeit, eher eine Art Verblassen, als würde für einen Moment der Umriss weicher, der dich zusammenhält. Wer das kennt, beschreibt es selten mit Worten. Eher antwortet die Hand, die schon unterwegs ist. Langeweile wäre harmlos. Dieses Gefühl ist es nicht, denn darin steckt eine Frage, die sehr alt ist und sich nicht nach Frage anfühlt: Bin ich noch da, wenn gerade nichts auf mich antwortet?
Wie schwer es Menschen fällt, ohne äußeren Reiz mit sich zu sein, hat eine Forschungsgruppe um den Sozialpsychologen Timothy Wilson 2014 auf eine Weise gezeigt, die man so schnell nicht vergisst. Die Teilnehmenden sollten eine Viertelstunde allein in einem Raum sitzen und nichts tun als nachdenken. Sie konnten sich dabei selbst einen leichten Stromschlag geben, den sie vorher als so unangenehm bewertet hatten, dass sie Geld bezahlt hätten, um ihn zu vermeiden. Zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen drückten trotzdem mindestens einmal auf den Knopf. Ein leichter Schmerz war ihnen offenbar lieber als gar nichts. Für mich zeigt das, wie wenig selbstverständlich es ist, einfach da zu sein.
Handysucht als Antwort auf das Gefühl, nicht da zu sein
Hier liegt für mich der Kern. Viele Menschen erleben ihre eigene Existenz nicht von innen, sondern als Bestätigung von außen. Solange etwas läuft oder blinkt, ist klar, dass es dich gibt. Fällt das weg, fehlt nicht der Reiz. Es fehlt das Gefühl, zu existieren. Manche sagen das erstaunlich offen: Wenn nicht gleichzeitig etwas läuft, fühlt es sich an, als wäre ich nicht da. Andere sagen eher, sie bräuchten „ein bisschen Hintergrund“.
Was der Bildschirm dir dafür anbietet, sind zwei verschiedene Dinge, und es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten. Das eine ist Geräusch. Die Serie, die nebenher läuft, der Podcast beim Zähneputzen, die Nachrichtenseite, die du zum vierten Mal am Tag neu lädst, und das endlose Wischen durch Videos. Das alles füllt den Raum, in dem es sonst still würde, und hält das Verblassen auf Abstand. Das andere ist ein Blick. Die Nachricht, auf die jemand antwortet, das Herz unter deinem Bild, die zwei Haken, die blau werden, der Kollege, der deine Mail gelesen hat. Das Geräusch sagt dir, dass etwas da ist. Der Blick sagt dir, dass jemand dich bemerkt hat.
Beides wirkt, aber nur so lange, wie es anhält. Deshalb musst du nachsehen und dann wieder nachsehen. Ein Bedürfnis, das gestillt wird, gibt Ruhe. Dieses Bedürfnis gibt keine Ruhe, weil es mit dem, was der Bildschirm liefert, nicht gestillt werden kann. Was es braucht, ist das Gefühl, da zu sein, ohne dass es dir jemand bescheinigen muss. Wie eng ein abendliches Mittel mit einer Angst zusammenhängen kann, die man nicht als Angst erkennt, habe ich in Angst und Sucht beschrieben. Beim Handy kommt etwas hinzu, das es von einem Glas Wein unterscheidet. Es beruhigt dich nicht nur, es schaut auch zurück.
Warum du dich am Bildschirm nie unbeobachtet fühlst
Früher gab es Räume, in denen man allein war, wirklich allein. Das eigene Zimmer mit einem Buch oder der Wald hinter der Siedlung. Gerade in der Jugend waren das Orte, an denen niemand zusah, und genau dort hat man sich selbst getroffen, nicht immer angenehm, aber ohne Publikum.
Diesen Ort gibt es kaum noch. Das Handy trägt die anderen in die Hosentasche. Selbst wenn du nichts postest und nur schaust, bist du in einem Raum, in dem es ständig um Wirkung geht und darum, wer wie ankommt. Du schaust auf die Leben der anderen, und fast alles, was du siehst, wird zu einem Maßstab für dein eigenes. Ihr Urlaub, ihr Körper, ihr Erfolg, ihre Kinder am Frühstückstisch. Ohne dass du es merkst, verwandelt sich das Schauen in ein Messen, und gemessen wirst du.
Darin steckt ein merkwürdiger Kreislauf. Du greifst zum Handy, weil du dich ohne Reiz nicht mehr spürst. Auf dem Bildschirm spürst du dich aber auch nicht, du siehst dich. Du siehst dich in der Zahl unter deinem Bild und in der Frage, warum sie noch nicht geantwortet hat. Der Bildschirm bestätigt deine Existenz und schiebt dich dabei genau in die Haltung, die dich von dir entfernt: den Blick von außen auf dich selbst. Wie sich diese Zuschauerposition im Alltag einrichtet und warum sie sich als Nachdenken tarnt, steht in Selbstbeobachtung oder Selbstreflexion. Ich glaube, dass dieser Blick selbst einen suchthaften Zug hat. Er verspricht, dass du die Kontrolle darüber behältst, wie du bei anderen ankommst. Er hält dieses Versprechen nie ganz, also musst du wieder hinschauen.
Und dann wird die Stille noch schwerer auszuhalten. Wenn du das Handy weglegst, bist du nicht einfach allein. Der prüfende Blick ist ja noch da, nur hat er jetzt kein Material mehr außer dir selbst. Viele erleben deshalb die Minuten ohne Handy wie ein Verhör. Je gründlicher du dich mit dem Bildschirm vor dem Alleinsein schützt, desto weniger kannst du allein sein, und desto einsamer fühlt es sich an, wenn es doch passiert. Warum so viele Menschen gerade in einer vernetzten Welt einsam sind, ist das Thema von Einsamkeit.
Ein Herz unter deinem Bild ist keine Berührung
Was der Bildschirm dir gibt, ist Bedeutsamkeit. Jemand hat reagiert, also zählst du. Es ist nicht falsch, sich darüber zu freuen. Aber Bedeutsamkeit ist etwas anderes als Verbundenheit. Bedeutung wird dir zugeteilt, als Zahl oder als freundlicher Satz. Sie wird dir gesagt. Verbundenheit dagegen musst du fühlen, und zwar mit dem Körper. Sie entsteht, wenn etwas von außen tatsächlich bei dir ankommt: die Hand eines Menschen auf deinem Arm oder sein Lachen, das dich ansteckt, bevor du nachdenken konntest.
Man kann sehr bedeutsam sein und sehr unverbunden. Im Kleinen kennst du es vielleicht von einem Abend, an dem ein Beitrag von dir viel Zuspruch bekommen hat. Du hast immer wieder nachgesehen, und mit jedem Blick ist ein kleiner Stoß Freude gekommen. Hinterher warst du aufgekratzt und ein wenig leer, satt warst du nicht. Der Zuspruch war echt, aber er hat dich nur gespiegelt und nicht berührt.
Ähnlich ist es mit den Geschichten, die du am Bildschirm aufnimmst. Sie wirken lebendig, oft lebendiger als dein eigener Abend, und genau deshalb fesseln sie so. Doch du erlebst sie nicht, du bekommst sie in fertiger Form vorgesetzt. Ein Video über eine Wanderung in den Bergen gibt dir das Bild, aber nicht den schweren Atem am Hang und nicht die kalte Luft im Gesicht. Nach einer Stunde Scrollen bist du deshalb voll mit Bildern und hast trotzdem Hunger, nämlich nach etwas, das du selbst erlebt hast. Dass Bilder einen Hunger erzeugen, den sie nicht stillen können, ist auch ein Kern dessen, was Narzissmus eigentlich meint.
Woher das Gefühl kommt, ohne Antwort zu verschwinden
Kein Kind kommt auf die Welt mit der Überzeugung, dass es nur existiert, wenn jemand reagiert. Es lernt das. Ganz am Anfang, in der Zeit, in der es um Vertrauen geht und die Grundfrage lautet, ob es sicher ist, erfährt ein Säugling sich vor allem über die Antwort eines anderen Körpers, über das Gesicht, das sich ihm zuwendet, und die Stimme, die auf sein Weinen reagiert. Wo diese Antwort häufig ausblieb oder unberechenbar war, kann sich ein Grundgefühl bilden, dass das eigene Dasein auf wackeligem Boden steht und von außen bestätigt werden muss. Später, etwa zwischen vier und sieben Jahren, will ein Kind gesehen werden für das, was es kann. Wurde es vor allem dann gesehen, wenn es etwas vorgeführt hat, lernt es, dass Aufmerksamkeit verdient werden muss.
Beide Spuren können zum Handy führen, und am Erleben lassen sie sich oft unterscheiden. Fühlt sich der Moment ohne Bildschirm unwirklich an, als würdest du dich auflösen oder ins Leere fallen, führt die Spur häufig in die allererste Zeit. Fühlt er sich eher unruhig und ein wenig beschämt an, als müsstest du nachsehen, ob du noch gesehen wirst oder ob andere besser dastehen, führt sie häufig in die Phase, in der es um Leistung ging. Das sind Wegweiser zum Nachspüren, keine Zuordnung, und bei vielen Menschen laufen beide ineinander. Die vier Phasen der ersten Jahre und ihre Grundfragen findest du in Prägung in der Kindheit.
Was dir im Moment des Greifens wirklich fehlt
Was hilft also, wenn nicht die nächste App, die dir nach dreißig Minuten den Bildschirm grau färbt? Solche Sperren können eine Weile Luft verschaffen, und es spricht nichts dagegen, sie zu nutzen. Nur ändern sie nichts an dem Gefühl, gegen das die Hand greift. Oft wandert das Wischen dann einfach in eine andere App, denn das Handy ist nicht das eigentliche Ziel. Es ist der kürzeste Weg zu einer Antwort.
Deshalb lohnt es sich, im Moment des Greifens eine andere Frage zu stellen als „Darf ich jetzt?“. Frag dich lieber, was die Hand gerade holen wollte. War es Geräusch, damit es nicht still wird? Oder war es ein Blick, ein Zeichen, dass dich jemand bemerkt? Wenn es ein Blick war, frag weiter: Von wem eigentlich? Manchmal fällt dir dann ein konkreter Mensch ein, auf dessen Nachricht du wartest. Manchmal fällt dir niemand ein, und das ist eine ehrliche Auskunft darüber, wie allein du dich gerade fühlst.
Schau auch, was unmittelbar vorher passiert ist. Erstaunlich oft greift man zum Handy direkt nach einem Moment, in dem man etwas geschluckt hat. Ein Satz in der Besprechung, auf den du nichts erwidert hast, eine Bemerkung deines Partners, die dich getroffen hat. Der Impuls, etwas zu sagen, war kurz da, und dann war das Handy schneller. Unter dem Greifen liegt dann keine Langeweile, sondern ein Ärger, der keinen Ausgang bekommen hat, oder eine kleine Traurigkeit, für die gerade kein Platz war. Spannung ist sehr oft ein zurückgehaltener Impuls, und der Bildschirm ist ein sehr wirksamer Ort, um ihn verschwinden zu lassen.
Und dann gibt es eine andere Quelle für das Gefühl, da zu sein, eine, die nichts von dir verlangt. Die Welt antwortet nämlich die ganze Zeit, nur nicht mit Herzen. Der Boden trägt dein Gewicht, ob du ihn beachtest oder nicht. Das Geländer im Treppenhaus ist kühl unter der Hand, und das Wasser aus dem Hahn ist warm oder kalt. Draußen fährt ein Bus vorbei, und irgendwo spricht jemand Italienisch. Wenn du im Aufzug die zwanzig Sekunden einmal leer lässt, dich an die Wand lehnst und spürst, wie sie zurückdrückt, dann bestätigt dir etwas deine Existenz, ohne dich dabei anzuschauen. Dabei kommt es auf die Richtung an. Du sollst nicht prüfen, ob du jetzt präsent genug bist. Es reicht, dass deine Sinne nach draußen gehen, zu der Wand in deinem Rücken, zum Summen des Motors und zu dem kleinen Ruck, mit dem der Aufzug hält.
Wie aus Bespiegelung wieder Begegnung wird
Für das, worum es mir in meiner Arbeit geht, verwende ich das Wort Lebendigkeit. Ich meine damit nicht mehr Energie und nicht mehr Begeisterung. Ich meine den Weg aus dem ständigen Beobachten und Bewerten deiner selbst zurück in den Kontakt mit dem, was gerade um dich herum ist. Das Handy ist ein sehr genaues Bild für den einen Pol. Es zeigt dir die Welt, aber immer als Spiegel, in dem du am Ende dich selbst suchst. Die Welt ohne Bildschirm spiegelt dich nicht. Sie drückt zurück, wenn du dich an sie lehnst.
Weil das Gefühl, ohne Antwort nicht zu existieren, zwischen Menschen entstanden ist, verändert es sich auch am ehesten zwischen Menschen. Allein mit dem Vorsatz, weniger aufs Handy zu schauen, sitzt du wieder dem Blick gegenüber, der dich prüft. Was ihn leiser macht, ist ein Gegenüber, bei dem du nicht auf eine Reaktion warten musst, weil es einfach da ist, auch in den Pausen, in denen niemand etwas sagt. In so einem Kontakt erlebst du etwas, das kein Bildschirm liefern kann: dass du auch dann vorhanden bist, wenn du gerade nichts zeigst. Mentoring kann so ein Ort sein. Eine Abhängigkeit, die dein Leben deutlich einschränkt, gehört aber zuerst in fachliche Hände, und beides schließt sich nicht aus.
Vielleicht merkst du irgendwann, dass du an einer roten Ampel stehst und nicht nach der Tasche gegriffen hast. Beherrscht hast du dich dabei nicht. Dich hat einfach der Wind im Gesicht beschäftigt.
Weitere Beiträge über das Abschalten, über Leistung und das, was darunter liegt, findest du unter Leistung & Umsetzung.
Quellen und Bezüge1 Quelle
Wilson, T. D. / Reinhard, D. / Westgate, E. / Gilbert, D. T. / Ellerbeck, N. / Hahn, C. / Brown, C. / Shaked, A. — Just think: The challenges of the disengaged mind
Science 345 (6192), 2014, S. 75–77.
DOI: 10.1126/science.1250830
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