Seit vier Wochen hast du Magenschmerzen, und inzwischen liegt auch eine Magenspiegelung hinter dir. Jetzt sitzt du wieder im Sprechzimmer, und dein Arzt sagt freundlich, die Befunde seien alle unauffällig. Dann kommt der Satz, mit dem viele Menschen ihre erste Begegnung mit der Psychosomatik haben: „Das ist wahrscheinlich psychosomatisch.“ Er meint es vermutlich gut. Bei dir kommt etwas anderes an. Du hörst, dass du dir etwas einbildest und dass die Sache damit erledigt ist. Auf dem Heimweg drückt der Magen genauso wie am Morgen, und dazu kommt jetzt die Scham.
Vielleicht kennst du auch die andere Seite. Jemand in deiner Nähe, vielleicht du selbst, hat seit dem Jobwechsel jeden Sonntagabend Herzklopfen und seit der Trennung einen Rücken, der morgens kaum aus dem Bett will. Auf die vorsichtige Frage, ob das mit der Lage zu tun haben könnte, kommt ein knappes „Das ist rein körperlich“. Dann wird eine Tablette genommen, und über den Rest wird nicht gesprochen. Der Körper wird behandelt wie ein Auto, das in die Werkstatt muss und mit seinem Fahrer nichts zu tun hat.
Beide Sätze klingen nach Gegensätzen. Ich halte sie für zwei Seiten desselben Irrtums. Psychosomatik meint im Kern etwas sehr Einfaches, nämlich dass Körper und Erleben zusammengehören und sich ständig gegenseitig beeinflussen. Wer „nur psychisch“ sagt, nimmt dem Leiden seine Wirklichkeit. Wer „rein körperlich“ sagt, nimmt dem Körper seine Gefühle. In beiden Fällen bleibt ein Mensch zurück, der kleiner gemacht wurde, als er ist.
Etwas gehört an den Anfang. Neue oder anhaltende Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt, und zwar bevor du nach seelischen Zusammenhängen suchst. Dieser Beitrag behauptet nicht, dass Krankheiten oder Schmerzen psychisch verursacht seien. Er beschreibt, wie Gefühle sich im Körper zeigen, wie sie Körpermeldungen lauter machen können und warum das kein Grund ist, dir selbst die Schuld zu geben.
Das Wort setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen, psyche für die Seele und soma für den Körper. Im Alltag hat es eine merkwürdige Bedeutung bekommen. „Psychosomatisch“ sagt man oft dann, wenn nichts gefunden wurde. Das Wort wird zur Restkategorie, zu einer Schublade für alles, was auf keinem Bild zu sehen ist. Und weil es so verwendet wird, klingt es nach einem Urteil: Mit deinem Körper ist alles in Ordnung, also liegt es an dir.
Dabei steckt im Wort selbst keine Rangordnung. Es sagt nicht, dass die Seele den Körper krank macht. Es sagt auch nicht, dass der Körper nur ausführt, was im Kopf entschieden wird. Es sagt, dass beides zu einem Menschen gehört und dass man den einen Teil nicht verstehen kann, wenn man den anderen ausblendet. Ein Gefühl ohne Körper gibt es nicht, und einen Körper, den dein Erleben unberührt lässt, ebenso wenig.
Ich sehe das so: Die beiden Sätze vom Anfang kommen aus derselben Trennung. Beide gehen davon aus, dass es zwei getrennte Welten gibt, eine echte und eine weniger echte. „Nur psychisch“ erklärt den Körper zum einzig Wirklichen und die Seele zur Einbildung. „Rein körperlich“ erklärt den Körper zur Maschine, die mit dir als Person nichts zu tun hat. Wer in dieser Trennung denkt, kann immer nur eine Hälfte ernst nehmen, und die andere muss er wegerklären.
Achte einmal auf das kleine Wort „nur“. Kaum jemand sagt, eine Beschwerde sei „nur körperlich“. Das „nur“ hängt fast immer an der Seele. Darin steckt eine ganze Weltanschauung. Was im Gewebe passiert, zählt, und was im Erleben passiert, ist zweitrangig, vielleicht sogar ein bisschen selbst gemacht. Und was selbst gemacht ist, so lautet der unausgesprochene Nachsatz, könnte man auch lassen, wenn man nur wollte.
Genau das macht den Satz so verletzend. Er verschiebt eine Beschwerde in den Bereich des Willens. Wer Magenschmerzen hat und hört, das sei psychisch, fragt sich als Nächstes, warum er es dann nicht abstellen kann. Aus dem Schmerz wird ein Versagen. Und weil sich der Schmerz davon nicht beeindrucken lässt, bleibt am Ende beides, der Schmerz und das Gefühl, irgendwie selbst schuld zu sein.
Die deutsche Patientenleitlinie zu funktionellen Körperbeschwerden, also zu Beschwerden, für die sich kein ausreichender organischer Befund findet, hält ausdrücklich fest, dass Betroffene ihre Beschwerden weder spielen noch sich einbilden. Sätze wie „Das ist doch alles nur psychisch“ oder „Du hast doch nichts“ sollen Angehörige vermeiden. Die Leitlinie rät außerdem, weniger nach der einen Ursache zu suchen als die Mechanismen zu verstehen, weil meist mehrere, oft ganz verschiedene Faktoren zusammenkommen. Wie das beim Schmerz aussieht, der bleibt, obwohl das Gewebe verheilt ist, beschreibt
Chronische Schmerzen.
Dazu kommt etwas, das man leicht übersieht. Auch das, was wir psychisch nennen, ist körperlich. Eine Angst, die dich nachts weckt, ist kein Gedanke, der irgendwo über dir schwebt. Sie ist ein Herz, das schneller schlägt, und ein Magen, der sich zusammenzieht. Wer sagt, etwas sei „nur“ psychisch, tut so, als gäbe es einen Teil des Menschen, der nicht wirklich stattfindet. Diesen Teil gibt es nicht.
Wer jede Beschwerde rein körperlich erklärt, wirkt nüchtern. Er übersieht aber, dass Gefühle selbst einen Ort im Körper haben.
Eine Forschergruppe um den finnischen Neurowissenschaftler Lauri Nummenmaa hat über 700 Menschen aus Finnland, Schweden und Taiwan gebeten, auf Abbildungen eines menschlichen Körpers einzufärben, wo sie bei verschiedenen Gefühlen mehr oder weniger Aktivität spüren. Jedes Gefühl ergab ein eigenes Muster, und die Muster ähnelten sich über die Kulturen hinweg erstaunlich. Das sind Auskünfte über Empfindungen, keine Organbefunde. Aber sie zeigen etwas, das jeder kennt, der schon einmal vor Wut heiße Hände hatte oder vor Kummer einen Kloß im Hals. Ein Gefühl spielt sich im ganzen Körper ab und nicht bloß im Kopf.
Aus meiner Erfahrung hilft dabei eine einfache Unterscheidung. Gefühle haben, grob gesagt, zwei Bewegungsrichtungen. Wut geht nach außen, sie richtet auf und bringt Kraft in die Arme. Trauer geht nach innen, sie zieht zusammen und will sich lösen, oft über Tränen. Beides ist zuerst ein körperlicher Vorgang und erst danach ein Wort.
An dieser Stelle verpasst „rein körperlich“ etwas Entscheidendes. Wenn ein Gefühl nicht gefühlt werden darf, verschwindet es nicht vollständig. Was verschwindet, ist meistens nur sein Name. Der körperliche Teil bleibt. Dann gibt es den Druck im Bauch, aber nicht mehr die Wut, zu der er gehört, und die Enge in der Brust ohne die Trauer, die sie erklären würde. Übrig bleiben Körperzustände ohne Geschichte. Und ein Körperzustand ohne Geschichte wird schnell als Krankheitszeichen gelesen. Was mit einer Wut geschieht, die nicht sein durfte, und wohin sie im Körper ausweicht, zeigt
Unterdrückte Wut.
Damit beginnt oft eine Verstärkung. Wer ein Herzklopfen nicht als Teil eines Gefühls erkennen kann, deutet es als Gefahr, horcht genauer hin und spürt es dadurch deutlicher. Die Sorge macht die Meldung lauter, und die lautere Meldung macht mehr Sorge. Wie Angst die Lautstärke einer Körpermeldung aufdreht, kannst du in
Schmerz und Angst nachlesen. Das alles erzeugt keine Krankheit. Aber es verändert, was du spürst und wie laut es sich anfühlt.
Die Wechselwirkung läuft übrigens auch in die andere Richtung, und das gehört genauso zur Psychosomatik. Eine körperliche Erkrankung verändert das Erleben. Wer lange krank ist, wird oft ängstlicher oder niedergeschlagener, und manche Erkrankungen bringen Erschöpfung oder Stimmungsschwankungen schon von sich aus mit. Auch dann wäre es falsch, die Niedergeschlagenheit für die Ursache der Krankheit zu halten. Sie kann genauso gut ihre Folge sein.
Bei Beschwerden stellen wir fast immer nur eine Frage: Woher kommt das? Das ist die Frage nach der Ursache, und sie gehört zuerst in ärztliche Hände. Es gibt aber noch eine zweite Frage, die mit der ersten erstaunlich wenig zu tun hat. Sie lautet: Was tut dieses Symptom gerade in meinem Leben?
Die beiden Fragen sind unabhängig voneinander. Nimm ein Bein, das beim Skifahren gebrochen ist. Die Ursache ist eindeutig körperlich, niemand würde etwas anderes behaupten. Und trotzdem kann dieser Gips für einen Menschen, der seit Jahren keinen freien Tag hatte, zur ersten erlaubten Pause seit langem werden. Vielleicht merkt er in diesen Wochen, wie erleichtert er ist, dass er nicht kann. Das macht den Bruch nicht psychisch. Es zeigt nur, dass er neben seiner Ursache auch eine Aufgabe bekommen hat.
Ich verstehe Symptome deshalb eher als Meldung und manchmal als Lösungsversuch denn als Feinde. Der Organismus tut, was er kann, mit den Mitteln, die er hat. Ein Kopfschmerz, der dich am Freitagabend ins Bett zwingt, sagt die Verabredung ab, die du selbst nicht absagen wolltest. Ein Magen, der vor jedem Montagstermin rebelliert, spricht laut aus, was du dir selbst nicht zu denken erlaubst. Ob das bei dir so ist, weiß ich nicht. Ich lade dich nur ein, die Frage zu stellen, und zwar zusätzlich zur ärztlichen und nicht an ihrer Stelle.
Diese Unterscheidung schützt in zwei Richtungen. Sie bewahrt dich davor, eine körperliche Ursache zu übersehen, weil du schon eine seelische Erklärung hast. Und sie bewahrt dich davor, ein Symptom nur zu bekämpfen, ohne zu hören, was es nebenbei für dich erledigt. Wer die Aufgabe kennt, die ein Symptom nebenbei übernommen hat, kann einen Teil davon vielleicht selbst in die Hand nehmen, etwa die Pause, die sich sonst niemand genehmigt, oder das Nein, das bisher keiner ausgesprochen hat. Ob sich am Symptom dadurch etwas ändert, ist offen, und es ist auch nicht der Maßstab.
Schuld hat in dieser Frage keinen Platz. Ein Körper, der für dich eine Grenze zieht, hat nichts falsch gemacht, und du auch nicht. Er hat einen Weg genommen, der offen war.